In den Lücken des Rechtssystems

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt am Main, 3. Oktober 2015. Der Schriftsteller und Publizist Navid Kermani wies in seiner Rede vor dem Bundestag 2014 darauf hin, dass das Grundgesetz mit einem Paradox beginne: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Wäre sie es, so Kermani, müsste der Staat sie weder achten noch gar schützen, wie es der zweite Satz verlangt.

terrorFFM2 560 BirgitHupfeld uGerichtstag am Schauspiel Frankfurt: Martin Rentzsch, Constanze Becker, Bettina Hoppe
© Birgit Hupfeld

Um diese Paradoxie weiß auch der Strafverteidiger und Autor Ferdinand von Schirach und breitet sie in seinem ersten Theaterstück (das zeitgleich in Berlin zur Uraufführung kam und in dieser Saison noch an 14 weiteren deutschsprachigen Theatern nachgespielt wird) genüsslich vor uns aus. Ein Soldat ist darin des Mordes angeklagt. Er hat ein entführtes Flugzeug mit 164 Passagieren abgeschossen, um dadurch 70 000 Menschen in einem Stadion zu retten, in das die Entführer das Flugzeug stürzen wollten. Von Schirachs Stück umfasst die Hauptverhandlung des Falls.

Diese vom Gustav-Kiepenheuer-Verlag erstellte Karte zeigt an, wo Terror überall gespielt wird, inklusive der Abstimmungsergebnisse.

Sachkenntnis und kühle Präzision

In Frankfurt tagt das hohe Gericht hoch oben auf der Bühne, die nur aus einer schmalen Spielfläche an der Rampe besteht. Die Hauptakteure sind den ganzen Abend im Blickfeld, meistens sehen wir nur ihre Oberkörper, was ihr Spiel einschränkt und ihre Mimik herausfordert: Während Martin Rentzsch als Vorsitzender die Stirn in tiefe Falten legt, denkt Max Mayer als flapsig nölender Verteidiger in sich versunken nach und kommt Nico Holonics als Angeklagter mit halboffenem Mund mit dem Staunen nicht hinterher. Constanze Becker als Nebenklägerin rührt später in all ihrer belämmerten Unschuldigkeit, während Bettina Hoppe als Staatsanwältin mit der kühlen Präzision agiert, die auch Schirachs Texten zu eigen ist.

Seine Spannung und Faszination bezieht das Theaterstück aus der Sachkenntnis des Autors über die Fallstricke des deutschen Rechtssystems und seiner spitzfindigen Offenlegung derselben. Dass der Gerichtssaal kein Ort der Wahrheitsfindung ist, darauf hat von Schirach wiederholt hingewiesen. In seinem Stück "Terror" spielt er zwei Wahrheiten gegeneinander aus, indem er moralphilosophische Fragen nach den Grundlagen unseres Gemeinwesens stellt. Darf sich der Mensch im Fall der Fälle über das Gesetz erheben?

Zuschauerbeteiligung mit Abstimmungsgeräten

Oliver Reese inszeniert das Stück in seiner formalen Strenge und verzichtet auf jedweden Firlefanz. Wie im Stück vorgesehen, entscheiden die Zuschauer, ob der Soldat freigesprochen wird oder nicht. Mit kleinen Abstimmungsgeräten ausgestattet, spielen sie das Schwurgericht und sprechen Recht, oder das, was sie dafür halten. Die Frankfurter plädierten mit knapper Mehrheit dafür, den Soldaten Lars Koch frei zu sprechen. Die Diskussion über das Urteil ist mit dem Schlussapplaus aber noch längst nicht abgeschlossen.

Dass so ein Gerichtsverfahren ähnlich wie ein Theaterstück funktioniere, weil man den Fall verbal nachspiele, diesen naheliegenden Gedanken äußert von Schirach selbst in seinem Stück. "Terror" basiert auf dramaturgischer Geradlinigkeit und sprachlicher Unaufgeregtheit. In Frankfurt genügte das nicht, weswegen man am Abend zuvor Kleists Lustspiel "Der zerbrochne Krug" aufführte, als zweiten Teil eines "Doppelprojekts".

Ein historisches Gerichtsverfahren zum Kontrast: Kleists "Der zerbrochne Krug"

Reese versteht es, dem Kleist-Stück neuen Sexappeal einzuhauchen. Er verlegt die Geschichte um den Dorfrichter Adam, der über sich selbst Gericht halten muss, in die 1960er Jahre, als mancherorts "noch Zucht und Ordnung herrschten". Manch eine Figur scheint dabei der Fernsehserie "Mad Men" entsprungen, etwa Constanze Becker, die Frau Brigitte als affektiert mondänes Mannequin sehr albern in Szene setzt. Damaliger Behördenschick schmückt die wiederum schmale Spielfläche, auf der die Figuren wie Puppen im Kasperletheater agieren. Allen voran natürlich Dorfrichter Adam selbst, den Max Mayer als hager hohläugigen Clown spielt.

Bevor es losgeht, sitzt er schon in Unterhosen in der ersten Reihe und entblößt seinen übel zugerichteten Schädel. Sein Schreiber Licht tritt dann in Gestalt des Schauspielers Nico Holonics als streberhafter Karrierist in gut sitzenden Anzughosen auf den Plan. Gerichtsrat Walter (Martin Rentzsch), der überraschend zur Kontrolle kommt, nimmt im Zuschauerraum Platz. Dabei ist es schon erstaunlich, wie Kleists Pointen, die man viel muffiger in Erinnerung hatte, auch heute noch zünden. Besonders deutlich wird das beim Auftritt von Marthe Rull; Bettina Hoppe spielt sie als breitbeinige Karikatur einer 60er Jahre Mutti. Ihr zerbrochener Krug bringt den Prozess überhaupt erst in Gang und den Richter zu Fall.
Der zerbrochne Krug 560 Birgit Hupfeld uProzesstag in den muffigen Jahren der Bundesrepublik: Bettina Hoppe, Max Mayer (als Richter Adam), Nico Holonics, Lukas Rüppel in "Der zerbrochne Krug" in Frankfurt © Birgit Hupfeld
Doch im Mittelpunkt steht in Frankfurt Eve, gespielt von der jungen Schauspielerin Carina Zichner, die eisgekühlte Blicke an ihre Umwelt richtet. Sie ist Marthe Rulls Tochter, die von Adam bedrängte, und erscheint hier als das eigentliche Objekt, um das gestritten wird. Ihr Bruch mit den Konventionen und vor allem ihre Emanzipation von Mutter, Männerwelt und Obrigkeit stehen an diesem Abend im Scheinwerferlicht. Erst mit ihrer Aussage kippt das Lustspiel in die Tragödie. In Frankfurt erfährt die junge Frau weder Gerechtigkeit noch Erlösung, die Obrigkeit hält sie weiter klein. Für Adam wird sich indes auch nach der Suspendierung irgendwo ein Plätzchen finden.

Zwei Prozesse, ein Theater. Einmal unterkühlt formal, einmal überhitzt übertrieben. Doch was bringt jetzt eigentlich die Gegenüberstellung dieser beiden so unterschiedlichen deutschen Gerichtsdramen? Nur eine hübsche Marketingidee? Das auch, wobei es ein großes Vergnügen ist, die Schauspieler in so unterschiedlich konturierten Rollen an zwei aufeinander folgenden Abenden in all ihrer Wandelbarkeit zu erleben. So ließe sich das Doppelprojekt als Plädoyer fürs Ensembletheater lesen. Dass aber sowohl Richter Adam als auch der Soldat Lars Koch, die beide nachweislich Recht und Gesetz gebrochen haben, davonkommen, einmal weil es Kleist so wollte, einmal weil es die Zuschauer so entschieden, gibt dann doch zu denken.

 

Doppelprojekt: Terror und Der zerbrochne Krug

Terror

von Ferdinand von Schirach
Uraufführung
Regie: Oliver Reese, Bühne: Hansjörg Hartung, Kostüme: Raphaela Rose, Musik: Sven Kaiser, Licht: Frank Kraus, Dramaturgie: Sibylle Baschung.
Mit: Martin Rentzsch, Nico Holonics, Max Mayer, Bettina Hoppe, Viktor Tremmel, Constanze Becker.
Dauer: 1 Stunde und 50 Minuten, keine Pause

Der zerbrochne Krug
von Heinrich von Kleist
Regie: Oliver Reese, Bühne: Hansjörg Hartung, Kostüme: Raphaela Rose, Musik: Sven Kaiser, Licht: Frank Kraus, Dramaturgie: Sibylle Baschung.
Mit: Martin Rentzsch, Max Mayer, Nico Holonics, Bettina Hoppe, Carina Zichner, Lukas Rüppel, Constanze Becker, Anica Happig.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 


Kritikenrundschau

"So klar die Tatsachen sind und so effektvoll die Struktur des Gerichtsdramas offenliegt, so diffus die Mischverhältnisse von Recht und Unrecht, Gut und Böse, Schuld und Unschuld, von persönlicher Verantwortung, Befehlsgehorsam, gesundem Menschenverstand, Staatsräson oder staatlichem Versagen, Individualfall oder Prinzip, Heldentum oder Verfassungspatriotismus“, so lobt Andreas Wilink von Schirachs Stück auf Spiegel Online (4.10.2015). „Vertrackte Rechnungen werden aufgemacht, Argumente und Gegenargumente ausgetauscht: Größenordnungen, Zeitfaktoren, Relativierungen, Alternativen (hätte das Stadion rechtzeitig evakuiert, hätten die Highjacker von Passagieren und Crew überwältigt werden können?). Es raubt einem den letzten Nerv. Das ist der Trick." Über die Inszenierung berichtet der Kritiker, dass "sie fehlerfrei wie am Schnürchen abläuft" und die Regie sich "nahezu unsichtbar macht".

"Kleist setzt nur als gegeben voraus, was Schirach erst beweisen will: dass Menschen keine Prinzipien sind und, in ihre hehren Lüfte geworfen, hilflos herumflatternd abstürzen." So beschreibt Jan Küveler in der Welt (5.10.2015) den verbindenden Gedanken dieser Doppel-Premiere. Seine Erkenntnis fasst er so zusammen: "Das dubiose Rechtsprinzip, das die Verfassung selbst außer Kraft setzt, heißt 'übergesetzlicher Notstand' und beschreibt außergewöhnliche und unauflösbare Gewissenskollisionen. Dafür taugt, das wusste Kleist, das will uns auch Schirach einimpfen, der vom Juristen zum Schriftsteller wurde, die multiperspektivische Literatur besser als die Rechtsprechung, die doch zu einem einzigen Urteil kommen muss."

Hubert Spiegel von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (5.10.2015) findet Reeses Regiekonzept "an beiden Abenden konsequent: Den 'Krug' inszeniert er als Komödie, deren Bitterkeit man vor allem dank Carina Zichner als Eve am Ende deutlich auf der Zunge spürt, Schirachs Gerichtsdrama bringt er als strenges Diskurstheater auf die Bühne, als rechtstheoretischen Essay, der mit verteilten Rollen mitunter mehr gelesen als gespielt wird." Schirachs Stück sei dabei "nur begrenzt theatertauglich. Weil es unseren Rechtsstaat anhand eines Falles, der täglich real werden kann, auf den Prüfstand stellt, ist es dennoch stellenweise fesselnd." Fazit: "Der vom Staat alleingelassene Bürger ist die Hauptfigur dieses Doppelabends. Kein großes Theatererlebnis, aber eines, das sich mit klugem Anspruch auf der Höhe unserer Zeit bewegt, einer Zeit, die sich angewöhnt hat, ihre Aporien auch jenseits des Theaters nicht weiter tragisch zu nehmen."

In der Frankfurter Rundschau (5.10.2015) schreibt Judith von Sternburg: "Terror", ist "ein höchst kenntnisreicher Aufsatz, dargeboten in Dialogform. Zum waschechten Gerichtsdrama fehlen ihm die individuellen Seiten der Figuren, die wiederum bei einer waschechten Gerichtsverhandlung wenig zu suchen haben dürften." Reese lasse auf der Frankfurter Bühne "die aus Theatersicht amateurhafte Inszenierung im Gerichtssaal perfekt nachstellen". Es sei "geradezu rührend", wie "die Frankfurter Schauspieler sich Mühe geben, nicht zu gut zu schauspielern, aber doch einigermaßen lebhaft zu agieren.“ Kleists „Der zerbrochne Krug“ sei „kein gewaltiger Wurf, aber gut gegeben". Fazit über das Doppelprojekt: "reizvoll und recht unaufdringlich, auch wenn der 'Krug' schon ein bisschen zum lustigen Vorspiel oder Nachspiel degradiert wird (...)".

Reese zeige mit dem Doppelabend "eindrucksvoll, wie schwer es ist, moralische Urteile zu fällen, wenn es sich um klassische Dilemmata-Situationen handelt", berichtet Natascha Pflaumbaum auf DeutschlandradioKultur (3.10.2015). "Beide Produktionen für sich genommen funktionieren als Solitär, im Doppelpack allerdings beschäftigen sie weit über das Theater hinaus. Oliver Reese hat zwei beeindruckende Arbeiten hinterlassen, aber auch ein großes Statement: das Theater ist das Gericht, in dem heute über Wahrheiten verhandelt wird."

 

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