Das Schaukeln der Dinge

von Daniela Barth

Hamburg, 20. März 2008. "Die Welt ist nichts als ein ewiges Schaukeln. Alle Dinge schaukeln ohne Unterlass. (...) Sogar die Beständigkeit ist nichts als ein schwächer geschwungenes Schaukeln", schrieb der Philosoph Michel de Montaigne. Eigentümlich, verwunderlich, dass einem diese Behauptung in den Sinn kommt, während man in einer Fassbinder-Inszenierung – pardon! – in einer Inszenierung nach einem Fassbinder-Film sitzt. Und auf dieses "Ding" schaut: Elvira, nein Erwin. Diese Erwinsche Elvira, die im wiegenden Gang einer alten, müden Katze gleich über die Bühne schleicht. Gleichsam abhebt, um über den "Dingen" zu schweben.

Die dann aber doch so brutal der Gravitation ausgesetzt ist, dass sie immer wieder zurück pendelt auf den harten Boden der Realität: "der wirklichen Wirklichkeit". Auf ihrer Stirn ein Kainsmal, das im Laufe des Abends immer sichtbarer wird: Tut mir leid, dass es mich (nicht) gibt. Und da ist noch der Mond, der nicht nur verantwortlich zeichnet für Ebbe und Flut, sondern für das ewige Hin und Her.

Nachruf auf einen, den es nicht mehr gibt

"In einem Jahr mit 13 Monden" versammelt Menschen, deren Dasein von ihren Gefühlen bestimmt ist. Mag es nun Rainer Werner Fassbinders antrainiertem Zynismus geschuldet sein, mag er es ernst gemeint haben – in seinem 1978 entstandenem Film spielt der Erdtrabant eine schicksalhafte Rolle: "Und wenn ein Mondjahr gleichzeitig ein Jahr mit 13 Neumonden ist, kommt es oft zu unabwendbaren persönlichen Katastrophen." Vor genau dreißig Jahren also schuf der Regisseur die Figur der Transsexuellen Elvira Weishaupt als Reflexion auf den Selbstmord seines Freundes Armin Meier.

Das bei der Arbeit entstandene Drehbuch ist eine Art wortreiche Analyse der einsamen, hin und her gebeutelten und schließlich an der ignoranten Umwelt zerbrechenden Menschenseele. Was nun Elvira/Erwin (Jürgen Uter) im Hamburger Schauspielhaus betrifft, so landet sie/er tatsächlich irgendwie im Dazwischen: eine sich auflösende Identität oder wie es ihr Ex-Liebhaber Christoph bezeichne, "Du bist ein Ding." Während sie in den Spiegel blickt und zu erkennen glaubt: "Ich seh' mich dich lieben..." Dies mag der Antrieb ihres gesamten Daseins gewesen sein, das sie nun rekapituliert. Aus blinder Liebe zum faszinierenden Aufsteiger Anton Saitz, einem ehemaligen Bordellbesitzer, mittlerweile erfolgreicher Immobilien-Spekulant, hatte sie sich Jahre zuvor vom Mann zur Frau umwandeln lassen. Ein Amoklauf gegen sich selbst.

Zwischen den Identitäten

Diese Geschlechtsumwandlung beschert dem einstigen Schlachtergesellen, Ehemann und Vater, alles andere als Lebensglück. Das Gegenteil ist der Fall: Auf der Suche nach einer neuen Identität vernichtet er seine alte und: verschwindet. In einem selbst-zerstörerischen, finalen Auflösungsprozess begegnet Erwin/Elvira noch einmal Menschen und Orten der Vergangenheit. Eine schonungslose Bestandsaufnahme seiner/ihrer Lebens-Geschichte vor der Kulisse einer kalten, anonymen Stadtlandschaft: im Hamburger Falle eine Art Ladenpassage. Ein masochistischer Akt, der letztlich Ausdruck seiner gesamten Lebenseinstellung ist. Der gar nicht überraschend im Selbstmord mündet.

Das Faszinierende an Andreas Bodes (der sich als Regisseur bisher in Hamburg einen Namen mit Kampnagel-Inszenierungen machte) Umsetzung des nicht unkomplizierten, weil in der filmischen Umsetzung sehr wortlastigen, Fassbinder-Stoffes ist, dass es ihm gelingt, dieses Dazwischen, in das Elvira/Erwin rutscht, immer wieder (be-)greifbar zu machen: in einer Art Stillstand. Eine Starre, die mit Langeweile indes nichts zu tun hat. Das Pendel verharrt einige Augenblicke und schwingt dann langsam weiter.

Plauderton, Gesangseinlagen, Brechungen

Er schafft damit wunderbar absurde Momente, die dann durch puren Realismus gebrochen werden. Wenn etwa Elvira der 'Roten Zora' im Plauderton ihre unglaubliche Lebensgeschichte erzählt, hat das was von einem Kaffeeklatsch ältlicher Tanten. Oder diverse Gesangseinlagen der Akteure, angefangen beim alten Volkslied bis zu Gospels, haben einerseits die Funktion einer absurd-komischen Brechung und andererseits die reale Funktion von Szenenübergängen – ohne dass es aufdringlich erscheint.

Abschließend sei unbedingt bemerkt: der Abend lebt auch von einer in sich geschlossenen großartigen Ensemble-Leistung, insbesondere die Mehrfachbesetzungen (also auch hier das Hin- und Herschlüpfen in und aus Identitäten) verleihen dem Ganzen die Anmutung des Schaukelns. Und scheint doch wirklich im Sinne Fassbinders zu sein, der auf die Feststellung, dass in seinen Filmen immer wieder die Suche nach Identität als Thema wiederkehre, anwortete: "Ja, ja, das ist so, weil ich immer wieder den gleichen Film mache, klar. Und das ist logisch."

 

In einem Jahr mit 13 Monden
nach Rainer Werner Fassbinder
Regie: Andreas Bode, Bühne: Michel Schaltenbrand, Kostüme: Gwendolyn Jenkins, Licht: Björn Salzer-Tondorf, Dramaturgie: Almut Wagner.
Mit: Marlen Diekhoff, Lukas Holzhausen, Lutz Salzmann, Jana Schulz, Monique Schwitter, Jürgen Uter.

www.schauspielhaus.de

 

Weitere Rezensionen über Inszenierungen am Deutschen Schauspielhaus Hamburg in der Saison 2007/2008: Calypso in der Regie von Jürgen Gosch, Die Helden auf Helgeland, Regie Roger Vontobel, Louis und Louisa inszeniert von Klaus Schumacher.

 

Kritikenrundschau

"Beklemmend gut" findet Dagmar Fischer in einer Kurzkritik der Hamburger Morgenpost (22.3.2008) Andreas Bodes Aufführung von Fassbinders "In einem Jahr mit 13 Monden" im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses. Alle Schauspieler leisteten "Großartiges, allen voran Jürgen Uter in der Rolle des Transsexuellen." "Die zurückgefahrene Betroffenheit" des Films lasse "jetzt ein Theaterstück entstehen, in dem es vor menschlicher Kälte so lange klirrt, bis der Tod alles zum sachlichen Abschluss bringt."

Auch die taz Nord (22.3.2008) begnügt sich mit einer Kurzkritik: ALW (hinter der wir Anna-Lena Wolff vermuten) meint, dass Fassbinders Film eine Passionsgeschichte erzähle, "und auch die Inszenierung von Andreas Bode am Deutschen Schauspielhaus betont bewusst den christologischen Aspekt." "In dem Verlust des Geschlechts und der eigenen Identität" der Transsexuellen Elvira Weishaupt spiegele "sich das christliche Konzept der Entäußerung wider. In der biblischen Terminologie gilt sie als Vorstufe zum Empfang der göttlichen Gnade. Elvira dagegen zerbricht an ihrer Umwelt, der sie jetzt, da sie nichts mehr zu geben hat, gleichgültig geworden ist."

Im Hamburger Abendblatt (22.3.2008) fragt -itz : "Was bewog Andreas Bode, Elviras Passion in Zeiten von Transgender-Aktivismus und Medien-Hype um Cross-Dresser als epische Szenen-Collage in der verwahrlosten Einkaufszone zu inszenieren?" Und antwortet gleich selbst: "Das Menschenschicksal." Bode setze "das Drehbuch in ein zwischen Bericht, Rückblende und Spiel albtraumhaft oszillierendes Erzähltheater um", öffne darin "Parallelen zum kalten Sozialklima heute, zu emotionaler wie wirtschaftlicher Verarmung". Allerdings hääte der Regisseur für diese "Studie über Isolation und Entfremdung in der Konsumgesellschaft" nicht bemühen müssen. Obwohl die Beziehungsproblematik gültig bleibe, wirke "die Thematik verstaubt und die in sich gelungene Aufführung vorwiegend nostalgisch".

 
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