Wehe, wenn er nüchtern wird!

von Beat Mazenauer

Zürich, 5 November 2015. Das erste Wort gehört Matti, dem Chauffeur. Im Ton und Outfit des angry young man blickt er mit rollenden Augen ins Publikum und brüllt herum, dass er des ewigen Wartens überdrüssig sei. "So könnens einen Menschen nicht behandeln." Doch was ist ein Mensch, und ist der Chauffeur einer?

Matti steht am Rand eines spiegelnden Laufstegs vorne im Bühnenraum, während Puntila im Mittelgrund an einer sich drehenden Bar steht und trinkt. Der erste der klassischen Merksätze – "Ich wach auf und bin plötzlich sternhagelnüchtern" – ertönt und verliert sich im Ambiente einer Dorfdisco. Ein Laufsteg, etwas Glitter, eine Holzbühne und rechts ein paar Stühle an der Wand. Es ist kein herausgeputzter Ort, den Janina Audick eingerichtet hat. Im Bühnenhintergrund leuchten die zwei roten Augen einer überdimensionierten Albinoratte. Weiße Mäuse reichen als Metapher nicht mehr aus für den immensen Durst des Herrn Puntila. Es muss alles viel sein, an Aquavit ebenso wie an Verlobten, wie sich bald zeigt.

Verkehrte Rollen

Für die "Puntila"-Inszenierung, 67 Jahre nach der Uraufführung ein paar hundert Meter weiter, hat der Hausherr im Neumarkt-Theater, Peter Kastenmüller, selbst die Regie übernommen. Er hält sich in erstaunlichem Maße ans Original. Klug gestrafft und zeitlich in die 1970er Jahre versetzt – wie die Kostüme von Kathi Maurer unzweideutig verraten – verzichtet er weitgehend auf unnötige Modernisierungen. Puntila nimmt keine Drogen, sondern hält sich an Aquavit – Lebenswasser. Dieses macht ihn erst zum Menschen. Martin Butzke gibt den trunkenen Puntila mit großem Gleichmut. Der Alkohol schlägt ihm nicht aufs Gleichgewicht, sondern macht ihn vorab seelisch wanken zwischen Menschlichkeit und herrischem Getue. Nur eingangs werden er und sein Knecht Matti (Simon Brusis) wie auf Kommando von einem trunkenen Schwindel erfasst.Puntila2 560 caspar urban weberIm Bühnenbild von Janina Audick kann man sich ein bisschen Disco fühlen
© Caspar Urban Weber

Unter den beiden spielt sich das komische Drama ab, wobei die Rollen gewitzt verfremdet sind. Während Puntila gut an sich hält, verfällt Matti immer wieder in slapstickhaften Stupor und in ein Erschrecken, das ihn zum Herumbrüllen veranlasst. Der gelassene Matti, der seinen Herrn zu durchschauen scheint, unterliegt den nervlichen Schwankungen. Ist der Knecht nicht Herr seiner Emotionen, so ist der Herr nicht Knecht seiner wechselnden Bewusstseinszustände. Der Dreh überzeugt als Konzept, ist aber vor allem bei Matti im Detail nicht immer ganz nachvollziehbar.

Diskrete Explizitheit

Im Geviert der Merksätze von der guten Seele im Suff, die das Stück befestigen, eröffnet Peter Kastenmüller den "Nebenfiguren" Freiraum, den sie für einen lebhaften Sommernachtstraum nutzen. Maximilian Krause spielt den Attaché und daneben gleich noch zwei Frauenrollen mit smarter Agilität. Hanna Eichel weiß als Eva nicht, was sie will in diesem Heiratstheater, Yanna Rüger und Sophie Arbeiter sorgen mit komödiantischem Elan für Chor und Echo. Die erotische Zweideutigkeit des Texts wird mit diskreter Explizitheit ausgespielt, dabei behält er den Charme des Ländlichen.

Brechts Stück ist auch eine Groteske mit Gelegenheit zu vielen Slapstickszenen, was weidlich ausgenützt wird. Es sind die zahlreichen kleinen Einlagen – mitunter parallel gespielt –, die den Reiz der Zürcher Inszenierung ausmachen. Matti und Eva vergnügen sich keusch im Badehaus mit einem Kartenspiel, während draußen der Attaché mit Puntila das ungehörige Klingen aushorcht, letzterer verärgert und ersterer mit hinreißender Peinlichkeit das Erstaunen überspielend. Oder die drei lustigen Landpomeranzen, die sich Puntila ausgesucht hat, putzen sich hinter einem Plastikvorhang für die Verlobungsfeier aus.

Brecht mochte Lieder, gerade auch in diesem Stück. Dem trägt Peter Kastenmüller auf spezielle Weise Rechnung. Er hat den Erzähler, Lautpoeten und Musiker Michael Fehr eingeladen, im Hintergrund als Gesprächspartner mitzuwirken und live die Lieder zu intonieren. Fehr erweitert die Tonalität des Stücks und bringt mit kraftvoller, verruchter Stimme den Blues und den Gospel auf die Bühne.

Die Summe der Einzelteile

Brechts Stück entzieht sich einer simplen Dialektik. Es steckt voller Widerhaken, zugleich lockt es mit Witz und Charme. Puntila behält – im Suff, versteht sich – Recht mit seiner Einsicht: "Ein Mensch ohne Humor ist überhaupt kein Mensch." In diesem Sinn ist das Stück von ihm und seinem Knecht Matti in Zürich ein sehr menschliches Stück geworden. Allerdings droht das Revuehafte im Mittelteil etwas überhand zu nehmen: Die humorige Einzelszene geht dann auf Kosten des geschlossenen Ganzen.

Nach zwei Stunden kommt es, wie es halt doch muss. Auf seiner imaginären Reise zum Hatelmaberg, zu der sich der trunkene Puntila aufmacht, besingt er mit Inbrunst sein schönes Tavastland – und verschwindet zwischen den schräg stehenden Nagezähnen der weißen Ratte. Matti geht wortlos ab.

 

Herr Puntila und sein Knecht Matti
von Bertolt Brecht
Regie: Peter Kastenmüller, Raum: Janina Audick, Kostüm: Kathi Maurer, Künstlerische Mitarbeit/Musik: Michael Fehr, Chorleiterin: Lisa Appenzeller, Dramaturgie: Benjamin von Wyl.
Mit: Simon Brusis, Martin Butzke, Hanna Eichel, Maximilian Kraus, Yanna Rüger, Sophie Arbeiter. Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theaterneumarkt.ch

 

Kritikenrundschau

Katja Baigger schreibt auf der Website der Neuen Zürcher Zeitung (6.11.2015), Kastenmüller transportiere Brechts Volksstück in die 1970er Jahre. Die gekürzten Dialoge würden "mechanisch vorgetragen". Das "hektische Umherrennen" ändere nichts an der "Biederkeit der Inszenierung". Allerdings werde die "riesige Ratte mit weissem Fell und im Dunkeln rot leuchtenden Augen", das "vorzeitliche Tier, Gutsbesitzer genannt" aus Brechts Prolog, zum "Sinnbild für einen Zustand": Zusehends mutiere Puntila zum Tier, zum Schluss krieche er in den Rachen der Ratte. Martin Butzke verstehe es, "Puntilas hölzernen Charme hervorzukehren".

Auf der Website des Zürcher Tages-Anzeigers (6.11.2015) schreibt Alexandra Kedves: Man säße im "Puntila" mitten in einer "aquavitgetränkten, süffigen Geisterbahn des Kapitalismus, wo Ausbeutung und Anpassung herrschen, wo Abhängigkeit und Angst beide regieren – den Knecht und den Herrn", die Monstermaus auf der Bühne habe mit "ihrem kräftigen Kiefer längst jeden Menschen geknackt". Die "beachtlich textgetreue Inszenierung" von Kastenmüller sei mit "exakter Munterkeit durchchoreografiert". Der Zuseher bekomme bei Kastenmüller, eine "spöttische Verkehrung jedes kritischen Duktus hinein in potenzierte Künstlichkeit, Dieser Puntila sei eine "hübsch markttaugliche Marktattacke" und das Ensemble "schwoft lustvoll mit in diesem selbstironisch rustikalen Groove" – der Rest sei "Delirium tremens samt weisser Maus". Kein "grosses, aber definitiv ein grossherziges Stück Theater".

Andreas Klaeui sagte auf srf2 (6.11.2015) - hier zum Nachhören ab Minute 6:50 - Kastenmüller betone "das Groteske", das "Derbe", den "Volkstheatercharakter", also das "Lustige am Lustspiel", er wolle den Plot "möglichst saftig" erzählen. "Toll" sei das Bühnenbild, die "gigantische weisse Ratte mit gefletschten Nagezähnen und einem unendlich langen Schwanz", sehr "wirkungsvoll" als Bild - und gleichzeitig in der "Metaphorik sehr plakativ". Die Inszenierung lebe von "dieser Spannung zwischen witziger, grotesker Ästhetik und gleichzeitig relativ plakativer Aussage". Die fast comichaften Schauspielerhaltungen gingen nicht auf, wenn Kraft einfach nur behauptet werde; es ginge da gut, wo es "ganz verspielt" zugehe und wo die Musik und Michael Fehr ins Spiel kämen.

 

 
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