"Ich hatte eine Kuh!"

von Michael Laages

Hamburg, 3. Dezember 2015. Was wohl wirklich wichtig ist bei dieser Beschwörung, dieser Erinnerung an eine der grausigsten Schlächtereien in der Welt-Geschichte jüngerer Bürgerkriege? Dass so viel fehlt. Im Grunde wird in der Garage des Thalia an der Gaußstraße so gar nichts von dem zum Thema, was normalerweise Erinnerung stiftet: Politik zum Beispiel; oder wie und warum sich die Teil-Staaten der lange Zeit so stabil wirkenden Republik Jugoslawien des Partisanen-Generals Josip Broz, genannt Tito, so untrennbar feindselig ineinander verbissen hatten bald nach dem Tod dieses Garanten halbwegs friedlichen Zusammenlebens im Vielvölkerstaat... Auch von den verschiedenen Religionen ist nur im Vorübergehen die Rede. Und wer war eigentlich dieser Izetbegović, von dem da plötzlich kurz die Rede ist im "Srebrenica"-Projekt von Branko Šimić und Armin Smailovic? Und wer waren die anderen handelnden Politiker: Mladić? Karadžić? Tuđman? Schon mal gehört?

Gesänge der zerrissenen Kriegswelt

Nein – warum dieser Bürgerkrieg ausbrach vor bald 25 Jahren, wohin er führte und welche Rolle bei all dem das alte Europa und speziell Deutschland spielte: von all dem wollen Šimić und Smailovic nicht erzählen. Inspiriert von Recherchen des Fotografen Smailovic ist eine Art Tryptichon aus Zeitzeugenschaft entstanden – drei Männer erzählen: Ahmo, der Überlebende (der nächstes Jahr 80 Jahre alt wird); Drazen, der zum serbischen Einsatz- und Mord-Kommando gehörte im Sommer vor 20 Jahren, nach der Verhaftung Kronzeuge wurde vor dem Gerichtshof in Den Haag, die (geringe) Strafe verbüßte und heute mit neuer Identität irgendwo in Europa lebt; und Rob, der als niederländischer Blauhelm-Soldat der Vereinten Nationen das Morden nicht verhinderte in der UN-Schutzzone Srebrenica, damals, im Juli 1995. Er allein ist zurück gekehrt an den Ort des Schreckens. Er lebt heute dort.

srebrenica1 560 ArminSmailovic hGrabstelen: Jens Harzer und Vernesa Berbo © Armin Smailovic

Wie wissentlich er mitschuldig wurde? Was der serbische Soldat wirklich dachte im Einsatz? Auch das, auch das Wachsen von Schuld aus nicht wahrgenommener Verantwortung ist nicht das Thema der szenischen Installation. Im Mittelpunkt steht Ahmo, der Überlebende; wie Stichwortgeber begleiten ihn die beiden anderen. Vernesa Berbo (die auch schon zu Yael Ronens Berliner Common Ground-Ensemble gehörte) steuert die beiden Stimmen von außen bei, und sie taucht auch tief ein in die Gesänge, die Melodien dieser zerrissenen Kriegs-Welt. Ahmos Erinnerungen aber erzählt Jens Harzer – und erst mit ihm bewegt sich das Projekt über die Dokumentation hinaus.

Unzerstörbares Hoffen

Der sehr besondere Ton dieses Schauspielers hat schon viele Inszenierungen in unerwartete Richtungen getrieben. Und auch hier kommt er der Figur des alten Ahmo auf verblüffende Weise nahe: Als wäre nämlich dieser alte Mann (so wie Harzer ihn sprechen lässt) ein großes Kind, als stünde dieses Opfer völlig rat- und ahnungslos vor dem Unrecht, das verübt wird an ihm und den Seinen. Mit Harzers Stimme kann der Erzähler einfach nicht begreifen, warum all der Horror hereinbricht über die kleine Welt, in der er lebte.

"Ich bin kein Soldat – ich hatte eine Kuh!" hält er den Vernehmern im serbischen Lager entgegen, nachdem er den ersten Wellen des Massakers entronnen ist. Und er würde sich auch so gern bei dem serbischen Wirt bedanken, der ihm auf dem Weg ins Lager ganz zufällig Saft zu trinken gab, ihm Suppe, Fleisch und Brot spendierte ... und Kaffee. Ahmos unzerstörbares Hoffen auf "gute Menschen" noch am Rande der Massaker bekommt mit Harzers staunendem Ton verblüffende Kraft.

Der Rest ist europäische Geschichte

Damit ist aber auch das Wichtigste gesagt. Szenisch ist das Projekt denkbar unergiebig – was wäre denn auch zu spielen, wo schon kaum die richtigen Worte da sind für das Grauen... Film- und Bild-Sequenzen formen das Triptychon an der Wand im kahlen Thalia-Spielort; Harzer hackt Holz zu Beginn, und die kleinen Scheite stellen Vernesa Berbo und er später auf wie die Grab-Stelen auf den Friedhöfen mit den Massengräbern. Das ist alles.

Vielleicht müssen derartige Projekt auch nicht als "Uraufführung" klassifiziert werden; Unikate werden selten nachgespielt. Und warum dieses dramatische Englisch für den Untertitel benötigt wurde, ist auch nicht ersichtlich – wahrscheinlich wurden die Gerichtsprotokolle von Den Haag in Englisch geführt. Auch Beifall (allemal kräftig und aufrichtig in Hamburg!) wäre vielleicht nicht zwingend. Schweigen ist oft die größte Ehre, die den Tausenden von Toten erwiesen werden kann.

Ahmo aber lebt. Drazen und Rob leben auch. Der Rest ist europäische Geschichte.

 

Srebrenica – "I counted my remaining life in seconds …"
Ein Projekt von Branko Šimić und Armin Smailovic
Regie: Branko Šimić, Bilddokumentation: Armin Smailovic, Ausstattung: Ute Radler, Dramaturgie: Susanne Meister, Musik: Damir Avdić und Vernesa Berbo.
Mit: Vernesa Berbo und Jens Harzer.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

Die karge Garage, in der die Nähe zwischen Schauspielern und Publikum etwas Beklemmendes habe, sei ein guter Aufführungsort für dieses Stück, meint Heide Soltau im NDR (4.12.15). Überhaupt habe Branko Šimić auf Effekte verzichtet. "Er setzt auf den Text und die Fotos, die den Ort des Verbrechens zeigen." Und auf Jens Harzer. Der, so Soltau, virtuos die Perspektive wechsele und seine Rollen "meisterhaft" transportiere.

Auch Alexander Kohlmann ist im Deutschlandradio (4.12.15) voll des Lobes für Jens Harzer, der den Text nicht nur lese, "sondern er verwandelt sich förmlich in den überlebenden Zeitzeugen, erspielt sich jeden Satz, lässt die Ereignisse vor seinem inneren Auge Wirklichkeit werden – und erreicht genau damit das Publikum so emotional wie es eine TV-Dokumentation niemals leisten könnte." Zusammen mit den von Vernesa Berbo "eher nüchtern vorgetragenen Erinnerungen des Blauhelm-Soldaten und des Täters" füge sich das zu einem "bedrückenden Geschichtspanorama, dessen Aktualität heute niemand lange suchen muss", so Kohlmann: "Denn der Abend verhandelt auch die Frage, was ein radikaler Pazifismus und Friedenssoldaten, die dem Schlachten untätig zusehen, wert sind, wenn die Gegenseite zu jeder Brutalität bereit ist."

 
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