Eine Art Klassentreffen

von Hartmut Krug

Halle, 3. Januar 2016. Drei wollten zur See fahren, eigentlich, eine wollte singen, etliche hatten technische Berufe gelernt, vom Zerspanungsfacharbeiter bis zum Flugzeugmechaniker mit der Spezialisierung Außenhaut, einer war Melker mit Abitur, ein anderer Journalist mit Hochschulabschluss. Nur eine wollte von Anfang an Schauspielerin werden. Aber zu all diesen Berufen und Ausbildungen gehört das "eigentlich", schließlich trafen sie sich alle im Sommer 1979 an der Berliner Schauspielschule Ernst Busch im gemeinsamen Studienjahr, und heute, 36 Jahre später, sind sie Schauspieler. Beim Fernsehen oder am Theater, frei oder in festem Engagement.

Wie spiele ich, dass ich "Ich" bin?

Nun steht ein Dutzend von ihnen in Halle auf der Bühne und denkt spielerisch über ihr Leben und den Schauspielerberuf nach. Vier kamen aus Berlin, einer aus München, aus Leipzig, aus Weimar, und zwei waren eh da, am Theater in Halle. Sie spielen sich selbst in einer Art inszeniertem Klassentreffen, zu dem der tolle Posaunist Conny Bauer seine Live-Musik improvisiert.

StundeDerKomoedianten1 560 TheaterHalleJuliaFenske uKlassentreffen nach Textbuch: Joachim Lätsch, Matthias Brenner, Franziska Hayner, Peter W. Bachmann, Joachim Nimtz, Jens-Uwe Bogadtke, Elke Richter, Nicole Haase, Thomas Rühmann
© Julia Fenske

Wie spiele ich, dass ich "Ich" bin, fragt Elke Richter zu Beginn. Aufgebaut ist auf der großen Bühne links eine kleine Bühne für Bauer und eine junge Schauspielerin, die erklärende und strukturierende Zwischentexte vorträgt. Auf der Rückwand werden Fotos und Filme aus dem Schauspielerleben der "Komödianten" gezeigt, wie Autor, Regisseur und Mitspieler Michael Kind seine Kollegen (der kranke Manuel Soubeyrand fehlte in der Premiere) nennt. Rechts ein langer Tisch, an dem alle miteinander sitzen und vorlesen, diskutieren oder streiten, reflektieren oder sich produzieren. Oft lösen sie sich aus der Gruppe, treten mit einem Manuskript nach vorn, an ein Mikrofon an der Rampe, oder sie spielen dort etwas vor.

Erinnerungsabend ohne falsche Nostalgie

Dieser lange, dreistündige Abend ist eine Mischung aus Konstruktion und Improvisationen, aus gebauten Szenen und frei entstehenden Situationen. Selten läuft er sich etwas leer, zumeist aber ist er ungemein spannend. Dabei wechselt er zwischen Szenen, die heftig auf Wirkung hin inszeniert sind, und individuellen, wie im Disput gerade entstehenden Szenen. Wunderbar, zu erleben, wie hier Schauspieler auf der Bühne sich freuen über das, was ihre Kollegen da zeigen. So entsteht ein Erinnerungsabend ohne falsche Nostalgie, der von DDR-Theatergeschichte, von DDR-Mentalitäten und auch ein wenig von politischen Haltungen erzählt.

Etliche auch schauspielerisch tolle Szenen gibt es: So, wenn Joachim Nimtz ganz allein, pantomimisch und lautmalerisch, "Rotkäppchen" spielt, oder wenn Elke Richter zeigt, wie sie bei ihrem Bewerbungsvorspiel an der Schauspielschule so lange versuchte, nach dem Motto "Ich hab es gleich" den Reißverschluss ihres Rockes zuzumachen, bis man ihr sagte: "Sie sind angenommen". Oder wenn Thomas Rühmann von seinen Problemen erzählt, als er unter Thomas Langhoff am Maxim Gorki Theater bei der Probe zu Gorkis "Kleinbürgern" mit seiner Rolle nicht recht fertig wurde. Dann aber meinte er, sie in einer Probe wunderbar getroffen zu haben. Langhoff: "Das war sehr gut. Aber das kriegen sie nie wieder so hin." Und er hatte recht, meint Rühmann...

StundeDerKomoedianten 560 TheaterHalleJuliaFenske uInszenierte Streits und Diskussionen: Joachim Lätsch, Peter W. Bachmann, Nicole Haase, Michael Kind, Thomas Rühmann, Elke Richter © Julia Fenske

Schon im ersten Studienjahr wurden die jungen Studenten gebraucht – und benutzt. Sie durften die Komsomolzen in Christoph Schroths Inszenierung von Michael Schatrows "Blaue Pferde auf rotem Gras" am Berliner Ensemble spielen, neben Stars des DDR-Theaters in achtzig ausverkauften Vorstellungen. Sie aber suchten nach selbstbestimmtem Arbeiten.

Scheiternder Versuch der Mitbestimmung

Nach Beendigung des Studiums ging die Truppe auseinander, zumeist in die Provinz, eine Gruppe nach Annaberg-Buchholz. Erste Freunde verließen das Land Richtung BRD. Viel berichtet wird von Engagements, in denen man sich mit seinem Theaterverständnis allein fühlte. Immer wieder gibt es schnelle Umbesetzungen. Und dann kommen die Wende und der freie Theatermarkt. Ihre Versuche, sich auf die neue Situation einzustellen. Mit gewerkschaftlichem Engagement, mit dem scheiternden Versuch der Mitbestimmung bei der Bestimmung einer neuen Intendanz. Es gab schnelle Kündigungen, jeder musste seinen eigenen Weg finden: Nicole Haase gründete ihre tourende Lesebühne, Thomas Rühmann sein Theater am Rand (und ging zum Fernsehen in die Serie "In aller Freundschaft"), Joachim Lätsch wurde Fernsehkoch im "Sturm der Liebe". Viele sind Freiberufler geworden, zwei, Matthias Brenner (in Halle) und Manuel Soubeyrand (in Senftenberg), sind heute Intendanten.

Über die Frage, frei zu sein und viel zu wechseln, oder, wie Elke Richter und Peter W. Bachmann, jahrzehntelang am selben Theater (in Halle) zu verbleiben, gibt es einen heftigen, schön inszenierten Streit. Zum Schluss wird das Publikum dann noch einmal mit vielen Pointen vor allem unterhaltsam bedient: Die Schauspieler erzählen, wie sie mit ihrer Rolle verwechselt wurden. Da war der muntere Abend irgendwie wieder bei seiner Anfangsfrage angekommen: Wie spielt man sich selbst?

 

Stunde der Komödianten
von Michael Kind
Regie: Michael Kind, Ausstattung: Jens Richter, Videografie: Conny Klar, Dramaturgie: Michael Kind und Matthias Brenner, Regieassistenz: Petra Straussová.
Mit: Nicole Haase, Franziska Hayner, Elke Richter, Peter W. Bachmann, Matthias Brenner, Jens-Uwe Bogadtke, Dieter Haase, Joachim Lätsch, Michael Kind, Joachim Nimtz, Thomas Rühmann, Manuel Soubeyrand, Petra Straussová,Posaune Live: Conny Bauer.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

buehnen-halle.de/neues-theater



Kritikenrundschau

Ein "wunderbares, mit viel Herz und Leidenschaft gespieltes Improvisationsstück, das keiner anderen Dramaturgie als der Bühnen- und Lebenserfahrung seiner Beteiligten folgte", hat Kai Agthe für die Mitteldeutsche Zeitung (5.1.2016) in Halle gesehen. Die "nachdenklichen Aspekte des Schauspieler-Daseins kamen vor allem im zweiten Teil zur Sprache, der hinter dem ersten etwas abfiel, weil vor der Pause ein mitreißendes komödiantisches Feuerwerk abgebrannt wurde, das vom Publikum zu Recht mit reichlich Szenenbeifall bedacht wurde."

 

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