Ich-Rätsel gelöst

von Gerd Zahner

Winterthur, 21. Januar 2016. Das Theater Kanton Zürich (TZ) liegt im Winterthurer Industriegebiet, vor wenigen Jahren neu gebaut (innen stylisch ausgestattet, mit einem Zuschauerraum mit geschätzten 150 Plätzen), man parkt drüben auf dem Aldiparkplatz und an der Strasse, obwohl es dort verboten ist. Es ist das einzige Landestheater der Schweiz, genossenschaftlich organisiert, also finanziert vom Kanton und Gemeinden des Kantons. Rüdiger Burbachs Homo Faber-Inszenierung wird nach der Premiere auf die Reise gehen. Die Bühne mit schwarzen Wänden ist leer, wohl schon der Idee geschuldet, diese Wände mit auf den Transport zu nehmen, in Stadthallen, Turnhallen.

Das TZ hat Ulrich Woelk beauftragt, "Homo Faber" für die Bühne zu bearbeiten. Er hat sich an den Text gehalten so wie Reisende an die Landkarte in einem fernen Land. In etwa 40 Szenen wird der Roman von Max Frisch auf der Bühne nacherzählt, mehr ein Drehbuch für einen Film als ein eigenständiges Stück. Walter Faber in Winterthur ist nicht der Walter Faber in Frischs Roman. Den Ichrausch des Scheiterns als Grundstoff der Erinnungsgemeinschaft, den ahnte Frisch voraus. Die Figur von Frisch musste und muss vom Leser ausgedeutet und dechiffriert werden, da Faber als Ingenieur die Welt nur gestaltet und sich nicht vor ihr rechtfertigt.

Dramaturgie der Fernsehserie

In Winterthur angekommen, ist Faber genau das Gegenteil. Wo Frischs Faber indifferent ist, sich selbst nicht "wahrhaben" kann, zeigt der neue Faber in Winterthur sich in der Belanglosigkeit des Zeitmenschen, der den Tod nicht kennt und das Leben deshalb übersieht. Aber dabei sich selbst kein Rätsel mehr ist. Der Mythos Faber stirbt.

HomoFaber1 560 ToniSuter uAnna Schinz, Stefan Lahr

Durch die vielen Szenen, es ist die Dramaturgie der Fernsehserien, kann die Reise durch Fabers Kopf nie beginnen. Die Kürze der einzelnen Sequenzen verleitet Schauspieler und Regie dazu, die Figuren zu Karikaturen zu dehnen, um dadurch Raum zu gewinnen. Die rasche Schnittfolge trennt das Stück vom Erleben ab. In umgekehrter Weise lässt sich so erfahren, wie diese Schnitttechnik, an die das Fernsehen alle gewöhnt hat, jegliche Erfahrung von Charakter unmöglich macht.

Warten auf die Berührung von Zufall und Schicksal

Anna Schinz spielt die junge Hanna und Sabeth, und es ist einfach schade, dass man ihr nicht bis ans Ende ihrer Idee von diesen Figuren folgen kann. Wenn sie mit Stefan Lahr (Faber) eine eigene Welt aufbaut, die die Seiten des Romans durchtrennt, hinausflieht, da zischt das Dunkel, und mechanische Schreibmaschinenschläge hämmern als Lichttypen Orts- und Zeitangaben auf die Bühnenwand. Das Stück springt, und eine neue Szene beginnt.

So flieht der Betrachter den Bildern hinterher, es kommt nie Langeweile auf, aber man hat auch nie das Gefühl, das Eine mitzuerleben, die Berührung von Zufall und Schicksal, die alles neu deutet und unwirklich macht. Anna Schinz ahnt diese Momente, spielt sie an und hat doch nicht die Zeit, den Ton des Glücks, der Liebe, der Katastrophe ausklingen zu lassen.

Das Publikum war begeistert.

Homo Faber
Ulrich Woelk nach dem Roman von Max Frisch
Regie: Rüdiger Burbach, Bühne und Kostüme: Beate Fassnacht, Sounds und Musik: Joel Schoch, Licht und Video: Patrick Hunka, Dramaturgie: Uwe Heinrichs.
Mit: Stefan Lahr, Nicolas Batthyany, Anna Schinz, Andreas Storm, Miriam Wagner, Katharina von Bock.

www.theaterkantonzuerich.ch

 

Kritikenrundschau

Ulrich Woelk habe "Homo Faber" in den Fünfzigerjahren belassen, schreibt Michael Graf in der Tageszeitung Der Landbote (23.1.2016). "Das ist in Ordnung, denn in der Gegenwart ist Fabers Weltbild so omnipräsent, dass es kaum auffiele." Wenn Faber sich "die Abtreibung seines Kindes als Akt der Vernunft" schönrede "oder vor der ungebremsten Vermehrung der Araber warnt, wenn sie nicht mehr durch schlechte Hygiene dezimiert würden", sei es "stiller im Saal", und man sei dann sogar "ganz froh, dass das Stück nicht in die Gegenwart verlegt wurde." Dass die Eckdaten der Handlung per Schreibmaschine und Projektion aufs kahle Bühnenbild gerattert würden, sei hingegen "etwas penetrant, aber exakt und effizient, zwei Tugenden, die auch Faber hochhält."

In der Neuen Zürcher Zeitung (26.1.2016) berichtet Anne Bagattini, dass die "temporeiche Produktion" nie atemlos wirke. Das durchgehend überzeugende Schauspieler-Ensemble trage wesentlich dazu bei, dass die Vorlage überzeugend auf die Bühne komme.

Kommentar schreiben