Wie es kam, dass Adolf Hitler von Rudi Carrell nicht getötet, sondern in Pension geschickt wurde

von Christoph Fellmann

Zürich, 25. Februar 2016. Das war noch Willkommenskultur: "Wenn dann die Germanen da sind", so sagte Romulus als letzter römischer Kaiser zu seinem Kammerdiener, "sollen sie hereinkommen." So steht es wenigstens bei Friedrich Dürrenmatt, in "Romulus der Große“, seiner ersten, wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geschriebenen Komödie. Darin sitzt der letzte Herrscher der Antike in seinem Landsitz, züchtet Hühner und wiegelt alle Meldungen über die vorrückenden Barbaren aus dem Norden ab, denn "Meldungen regen die Welt nur auf, man gewöhne sie sich so weit als möglich ab". Seine Truppen sind tot oder übergelaufen, sein Staat ist bankrott, sein Gemüt ist friedfertig. Romulus möchte die Weltgeschichte "nicht stören" und sitzt sie, während in seiner Entourage alle bis zum letzten Fetzen ihres Körpers kämpfen wollen, nur noch aus.

Im Führerbunker einfinden

Eigentlich ganz sympathisch, denkt man als friedliebender Besucher des Theaters Neumarkt; auch wenn einem die europolitische Virulenz der dürrenmattschen Parabel nicht komplett entgangen ist, wo Regie und Ensemble doch noch extra darauf hingewiesen haben – sei es mit Anpassungen des Texts ("Weltgefahr des Germanismus"!), sei es mit inszenierten Versprechern (worauf die Weltgefahr so plötzlich wie lustig aus "Russland" zu "uns" kommt!).

Aber vielleicht ja gerade darum sieht Regisseur Tom Kühnel in Romulus nicht einfach nur den sympathischen Kerl und Kaiserklops, der mit komödiantischen Punchlines den Niedergang regiert. Das Nichtstun des Staatsoberhauptes, so steht es im Programm, verberge weniger einen moralischen als einen ideologischen Standpunkt. Mit anderen Worten, Hitler muss her.

Romulus3 560 Christiano Remo uHuch, geht Rom jetzt unter? Oder nur das Theater?  © Christiano Remo

Wenn Romulus (Bernd Grawert) vor der Pause also noch einen schicken Tango aufs Parkett seiner kaiserlichen Villa gelegt hat, so findet er sich danach pünktlich zum Untergang im Führerbunker ein und benimmt sich wie Bruno Ganz, der sich wie Adolf Hitler benimmt. Dies, während sich die Kaiser- und Führergattin nach Sizilien absetzt und auch der Hosenfabrikant, der hier ein Scheich ist, wieder abreist: Romulus will Tochter und Staat nicht in die Emirate verschachern. Ernst genommen wird das alles natürlich dann schon nicht, weshalb Hitler auch den schönen Schweizer New-Wave-Hit Campari Soda kennen und singen kann. Später ist Romulus dann der Dalai Lama, und seine letzten Hofschranzen skandieren die Parolen der Rechtspopulisten von der Schweizerischen Volkspartei (SVP).

Was soll's? Egal.

Denn genau, da war doch was mit Völkerwanderung. Wer dann aber kommt, als die "Germanen" da sind, das ist Rudi Carrell (Maximilian Kraus als Odoaker). Er singt "Lass dich überraschen" und verwandelt sich folgerichtig in Otto Waalkes, womit die deutsche Blödel- und Unterhaltungskultur die Antike beerbt. Adolf Hitler seinerseits wird nicht getötet, sondern von Carrell in die Pension geschickt. Was das alles miteinander zu tun hat? Was das soll? Ob das irgendwas will? Ob nicht längst alles egal ist? Ob dieses Theater der Beliebigkeit nur noch seinen Untergang aussitzt? Wer weiß. Bei Dürrenmatt sagt es Romulus ja, als er dem Anführer der Germanen seinen Thron überlässt: "Versuche nun du, Sinn in den Unsinn zu bringen."

 

Romulus der Große
von Friedrich Dürrenmatt
Regie: Tom Kühnel, Bühne: Michael Simon, Kostüme: Marysol del Castillo, Dramaturgie: Inga Schonlau.
Mit: Bernd Grawert, Sabine Waibel, Yanna Rüger, Maximilian Kraus, Simon Brusis, Miro Maurer, Gabriel Zimmerer, Jörg Schröder (an der Premiere eingesprungen: Werner Eng).
Dauer: ca. 120 Minuten, eine Pause

www.theaterneumarkt.ch

 

Kritikenrundschau

"Die Mischung aus Ernst und Komik gelingt zunächst, mündet dann aber in Beliebigkeit", meint Katja Baigger in der Neuen Zürcher Zeitung (29.2.2016). Aber immerhin lasse die Inszenierung schon erkennen, "wie zeitlos 'Romulus' (geschrieben 1949) doch ist!" Oft denke man in Kühnels Zweistünder, da oder dort sei der Text sicher aktualisiert worden. "Dem ist nicht immer so. Viele Ausdrücke stammen von Dürrenmatt", so Baigger. "Trotzdem befinden wir uns bisweilen mitten in der gegenwärtigen Flüchtlingstragödie." Doch Kühnel lasse im Endeffekt zu viel Deutungs-Spielraum.

 

 
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