Schöne, alte Macho-Welt

von Georg Kasch

München, 5. April 2008. Ziemlich angefressen, dieses Hotel "Zur schönen Aussicht": Die linke Wand hat Schräglage und endet in rohen Trägern, als wäre die Abrisskeule schon bei der Arbeit. Sonst aber wirkt die Bar ganz solide, vor allem gut gefüllt. Geheimnisvoll glänzen die Campari-Flaschen auf ihrem Bord, und vorne spritzt der Sekt, als müsste Feuer gelöscht werden. Dementsprechend besoffen sind die Menschen im Hotel. Aber keine Sorge: Der Kater folgt bestimmt. Die Männer stehen alle vor dem Ruin und sind finanziell von der durchgeknallten Ada von Stetten abhängig, die das weidlich ausnutzt.

Als sich endlich eine Alternative auftut, vermasseln die Männer es, weil sie zu sehr Machos sind, um die Chance zu erkennen, die ihnen die reine und – keiner konnte es ahnen – reiche Christine bietet. 

Lauter Erniedrigte und Beleidigte 

Auf der Bühne der Münchner Kammerspiele, wo die ursprünglich für Anfang Februar geplante Premiere von Ödön von Horváths früher Komödie "Zur schönen Aussicht" wegen der Erkrankung von Thomas Schmauser nun nachgeholt wurde, sitzen sie von Anfang an zusammen in der Hotelhalle, die Erniedrigten und Beleidigten, schwatzen, schwadronieren und tun sich selbst sehr leid.

Allen voran der Besitzer Strasser, bei Thomas Schmauser ein Künstler, wie er im Buche steht: nörgelnd überspannt, mit Fassbinder-Bart und -Brille. Schließlich war Strasser mal Schauspieler. Jetzt zupft er nur hin und wieder einen Ton auf der Gitarre. Seine Angestellten, Kellner Max (Peter Brombacher) und Chauffeur Karl (Edmund Telgenkämper), sind wie er Adas Liebhaber: Schmierig und alt der eine, schmierig und grob der andere.

Adas aasiger Bruder Emanuel (Stefan Merki) braucht Geld, um seine Spielschulden zu begleichen, und der deutschnationale Sektvertreter Müller (Jochen Noch) versucht, Strassers Schuldenrückzahlung im Hotel abzuwarten. Über allen präsidiert Gundi Ellert als aufgetakelte Schabracke im weißen Empirekleidchen und mit Prinzessinnenfrisur, die allmählich ihre Haarteile verliert und launisch krächzend ihre Wünsche kund tut.

Radikal-machoide Einheitsfront 

Zwischen den nüchternen Tischen und Stühlen aus rötlichem Holz wird auch auf geringe Distanzen gebrüllt wie bei den Suffköppen am Bahnhofskiosk, wahlweise genuschelt. Nach einer Weile entwickelt sich daraus eine gewisse überdrehte Komik. Aber sowie Lena Lauzemis püppchenhafte Christine ins Spiel kommt, ist es damit vorbei. Denn das reine Wesen wird nicht nur psychisch von den anwesenden Herren fertig gemacht, sondern auch noch herumgestoßen und bespuckt, dass es eine Freude ist. Wenig später hat sie allerdings ihre Lektion gelernt, ist hart und durchsetzungsfähig geworden und zeigt den Machos, die sich schon an überbordenden Hochzeitstischchen fein gemacht haben und dort der lukrativen Braut harren, was eine menschlich korrekte Harke ist.

Haben uns diese Holzschnitte – hier die radikal-machoide Einheitsfront nebst machtlos gewordener Donnergöttin, dort der zur Emanze geläuterte Engel – heute etwas zu sagen? Christiane Pohle bleibt in ihrer Inszenierung eine Antwort schuldig. Sie überzeichnet Horváths geradezu naive Anlage: Bei Christines erstem Auftritt erklingt zarter Schubert; nach ihrer Quasi-Vergewaltigung stößt Karl ihren leblosen Körper mit dem Fuß herum; vor ihrer Abreise wäscht sie den Heiratskandidaten die Füße und trocknet sie mit ihrem Haar. Am Ende gucken die vier in die Röhre und verfrühstücken ihre eigenen Hochzeitstorten, während der zynische, aber ehrliche Künstler Strasser immerhin eine emotionale Perspektive bekommt.

Konversationswitz vs. Moralkeule

Einen Mehrwert schaffen diese Überzeichnungen allerdings nicht, sondern wirken schlicht penetrant. Währenddessen werden die guten zwei Stunden diffus und lang. Das liegt auch am ermüdenden Gebrülle, das alles dehnt und einigem Konversationswitz die Spitze nimmt. Eigentlich ist man immer froh, wenn Ada mal wieder im Vollrausch umkippt, über den Tresen wankt, sich an irgendeinem Hosenbund emporzuziehen versucht oder Strasser sich verzweifelt die Haare rauft wie ein Rumpelstilzchen. Dann ist wenigstens was los in diesem abgewrackten Haufen. Aber sowie die nächste Horváthsche Moralkeule ungebremst niedersaust, ist es damit wieder vorbei. Und die Katerstimmung groß.

 

Zur schönen Aussicht
von Ödön von Horvath
Regie: Christiane Pohle, Bühne: Maria-Alice Bahra, Kostüme: Sarah Schittek. Mit: Peter Brombacher, Edmund Telgenkämper, Jochen Noch, Thomas Schmauser, Stefan Merki, Gundi Ellert, Lena Lauzemis.

www. muenchner-kammerspiele.de

   

Kritikenrundschau 

Horváths Hotel "Zur schönen Aussicht" erinnere in der Inszenierung Christiane Pohles "auf Maria-Alice Bahras Bühne schwer an die Münchner 'Schumann's'-Bar", meint Christine Diller im Münchner Merkur (7.4.2008) Der Bühnenraum beweise: "Selbst in erhebender Wohlstandskulisse hausen die Menschen wie die Ratten, wenn ihre Moral nur ausreichend heruntergekommen ist." In Bild und Ton treibe Pohle der "Schönen Aussicht" aus, "was sich bei Horváth-Inszenierungen gerne durch den Lieferanteneingang einschleicht: den nostalgischen Schmäh und das kuschelige Gefühl, Unglück lasse sich durch Angepasstheit vermeiden." Stattdessen rolle Pohle "der Perfidie und der Niedertracht den roten Teppich aus, damit sie sich so richtig schön von allen Seiten präsentieren können." Pohle habe für Horváths Geschichte "große, starke, laute Bilder gefunden ..., um ihre Absurdität in der allgemeinen, absurden Reizüberflutung wahrnehmbar zu machen."

"Hysterisch aufgeputscht", beginne Christiane Pohles Inszenierung der schwarzen Komödie, schreibt Gabriella Lorenz in der Münchner Boulevard-Zeitung Abendzeitung (7.4.2008) "zwei Nummern zu groß für das abgewrackte Hotel Zur schönen Aussicht, in dem Horvath 1926 seine korrupten Endzeit-Zyniker ansiedelte". Gundi Ellerts Ada sehe aus "wie Amy Winehouse in 30 Jahren", virtuos rutsche sie immer wieder betrunken vom Stuhl, "nur die Domina, nach deren Peitsche die Männer tanzen, nimmt man ihr nicht ganz ab".

"Gefühligkeit" wolle Christiane Pohle gar nicht erst aufkommen lassen, schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (8.4.2008). "Sie spitzt zu, bedient mehr die Perfidie als den Schmerz, mehr die zynische Farce als die Brüchigkeit und verzweifelte Melancholie des Stücks, was ihr am Ende auch Buhrufe einbringt." Doch die Forciertheit sei stringent, habe "Schärfe, Bitterkeit, Kraft" und reize, "mit durchaus weiblichem Blick", die brutale Grausamkeit aus, die in Horváth-Inszenierungen oft zu kurz komme. "Zur schönen Aussicht" als "Brachialkomödie: Das darf schon mal sein." Pohles Pfund seien die Frauen: Gundi Ellert als "kapitales Komödienmonster" gewinne am Ende sogar Tragik.Und Christine sei bei "der leuchtenden Lena Lauzemis tatsächlich ein Engel wie aus einer besseren Welt, anrührend in der Festigkeit ihres Gefühls." Die Schlussszene der Fusswaschung mit "so viel biblischer Ironie" könne "wohl nur eine Frau inszenieren."

Männlichkeit allein kann den Durst des Lebens nicht löschen. So ähnlich laute offenbar "das tragisch augenzwinkernde Credo", mit dem sich die Regisseurin Christiane Pohle dem Dramatiker Ödön von Horváth "vergnügt an den nüchtern trockenen Hals" geworfen habe, schreibt Teresa Grenzmann in der FAZ (9.4.2008). "Von Anfang an sitzt jeder, der in dieser Bar "Zur schönen Aussicht" arbeitet oder absteigt … auf der zigarettendunstigen Bühne und scheint ihr über die verschiedenen … Spuck-, Spuk-, Sauf-, Seufz- und Schrei-Orgien der Inszenierung hinweg auch nicht entfliehen zu wollen." Die Kreaturen blieben "bizarre Barbekanntschaften", für die Horváth als "so etwas wie ihr Gagschreiber" fungiere. Frei nach Adas Lippenbekenntnis: "Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu", gönne Pohle niemandem von ihnen einen Schimmer von der desaströsen Wahrheit.

 

 
Kommentar schreiben