Die Masse als Freiheitsheld

von Charles Linsmayer

Altdorf, 20. August 2016. Seit es Louis Naef 2004 in harter Konkurrenz zum Rütli-Gastspiel des Weimarer Nationaltheaters gelang, aus den in Routine erstarrten Altdorfer Tellspielen mit Hilfe des Lichtdesigners Rolf Derrer, einem neuen Spielkonzept und einer Mundartfassung von Hansjörg Schneider eine ganz neue, hinreissende Art Volkstheater zu machen, blickt die Welt alle vier Jahre gespannt nach Altdorf, ob der bemerkenswerte Höhenflug mit dem immer gleichen Schillerschen Schauspiel weitergehe.

2008 und 2012 inszenierte, jedes Mal wieder auf neue, aber fulminante Weise, Volker Hesse: 2008 auf einer den Raum der Länge nach überspannenden Holzbühne, 2012 unter dem bedrohlichen Eindruck von zwei riesigen, in die Bühne hereinragenden Stahlwänden, und jedesmal schaffte er es, die Laienspieler sprachlich über sich hinauswachsen und nach der Choreographie von Graham Smith in wuchtigen Massenszenen Erstaunliches leisten zu lassen. Rolf Derrer und Graham Smith sind auch dieses Jahr wieder dabei, die Regie aber wurde dem 1979 in Tübingen geborenen Philipp Becker übertragen, und was dieser, dramaturgisch unterstützt von Gerhild Steinbuch, auf die Bühne des Tellspielhauses bringt, muss den Vergleich mit den drei letzten Inszenierungen nicht scheuen.

Tell 3 560 Franz Xaver Brun uDie Altdorfer Tell-Spieler. Im Hintergrund Wilhelm Tell mit Sohn (Pan Aurel Bucher und Tim Hediger)
© Franz Xaver Brun

Im Gewirr der Stimmen

Als Philipp Becker 2009 in Bern Frischs Roman Mein Name sei Gantenbein inszenierte, machte er aus dem Zwei- ein Sechspersonenstück, indem er die Rolle der Titelfigur auf fünf Schauspieler aufteilte. Dieses Prinzip verwendet er nun in exzessiver Weise auch für seinen "Tell". Da werben vier Rudenze um vier Bertas von Bruneck, lebt Tell mit fünfzehn Frauen zusammen und werden aus Armgard, die sich Gessler in der Hohlen Gasse vor die Füsse wirft, vierzehn gleichnamige Leidgenossinnen – die nach der Ermordung des Vogts zu rachsüchtigen Leichenbitterinnen mutieren.

Die personelle Aufstockung bewirkt zum einen eine wohltuende Verfremdung in einem Stück, das nur allzu leicht zum kalauernden Klassiker verkommt, andererseits aber verkleinert sie auch ein Manko, das Beckers Inszenierung im Vergleich zu denjenigen von Naef und Hesse unüberhörbar anhaftet: Diktion und Artikulation der Laienspieler sind lange nicht mehr so perfekt herausgearbeitet wie damals, häufig ist kaum verständlich, was sie sagen, allzu oft wird grundlos geschrieen statt gesprochen, und so bringt es die Verteilung auf mehrere Protagonisten zumindest mit, dass man angesichts des Stimmenwirrwarrs nicht mehr so genau hinhört.

Eine weitere Konsequenz aus dieser Konstellation ist eine spürbare Verlagerung weg von der Gewichtung, die Becker seiner Aufführung eigentlich geben wollte. "Bei den Tellspielen Altdorf 2016 ist der Held nicht Wilhelm Tell, sondern die Gemeinschaft", erklärt er im Programmheft. Tatsächlich ist es nun aber so, dass sich der Schauspielstudent Pan Aurel Bucher als Wilhelm Tell mit seiner professionellen Bühnensprache ganz klar von den Laienspielern abhebt und seine Auftritte zumindest sprachlich mal für mal zu Höhepunkten zu machen vermag.

Choreografierte Massenszenen, suggestive Lichtregie

Nun aber zu den positiven Aspekten der Inszenierung. Im Unterschied zu Naef und Hesse lässt Becker die Bühne zumeist leer und erzielt mit den sichtbar bleibenden technischen Vorrichtungen eine gewisse Koinzidenz zu dem Kostümen der Laienspieler, die an die Overalls von Fabrikarbeitern erinnern. Gleich zu Anfang treten die Mitwirkenden in einer imposanten Chorszene in Aktion und es wird erkennbar, was für eine tragende Rolle nicht nur der (erstaunlich homogene) Chor, sondern die Schauspielmusik überhaupt spielt, die ihr Komponist Johannes Hofmann von den Bläsern der Musikgesellschaft Schattdorf im Orchestergraben aufführen lässt.

Die wuchtigen Akkorde, mal an Kurt Weills Songstil, mal an Hollywood-Filme erinnernd, vermitteln der Aufführung ein teils hymnisch-pathetisches, teils rhythmisch-marschmässiges Ambiente, das in Rolf Derrers imaginativer, Berge und Wolken als düsteren Hintergrund evozierender Lichtregie und in den von Graham Smith choreographierten Massenszenen – etwa in der Sklavenarbeit der Urner beim Bau von Zwing-Uri oder im Freudentanz nach Gesslers Tod – sein optisches Pendant findet. Die Aufführung folgt aber nicht stur dem angedeuteten Schema.

Tell 2 560 Franz Xaver Brun uPan Aurel Bucher alias Wilhelm Tell beim berühmten Apfelschuss. Bei Schiller findet er auf dem Altdorfer Marktplatz statt, wo heute ein Tell-Denkmal steht. © Franz Xaver Brun

Die Szene, wie Tell den wegen Mordes verfolgten Baumgarten über den See rettet, wird zum Beispiel von Kindern in einem putzigen papierenen Guckkastentheater gespielt, wobei Erwachsene den Kindern ihre Stimmen leihen. Beim Rütlischwur haben, wie an vielen andern Stellen der Aufführung auch, die (von Schiller vergessenen) Frauen das Sagen. Den Verstoss gegen die Missachtung seines Huts ahndet Gessler, in brüchigem Deutsch gespielt vom Albaner Arianit Sakari, hoch zu Ross, kann dann aber nicht verhindern, dass weder er noch der Meisterschütze Tell das Rennen um die Gunst des Publikums machen, sondern der zehnjährige Tellenbub Tim Hediger, der seiner Rolle mit erstaunlicher Natürlichkeit gerecht wird. Obwohl Schiller durchaus korrekt Tribut gezollt wird, verblüfft Becker doch ab und zu mit originellen, selbständigen Einfällen.

Tänze durch Wasserlachen

So fällt der gefangene Tell, statt von Gesslers Nachen an Land zu springen, aus einem prall gefüllten Aquarium auf die ohnehin von einem Dauerregen patschnasse Bühne, und während seines grossen Monologs in der Hohlen Gasse zieht nicht nur eine Hochzeitsgesellschaft, sondern eine Prozession mit Sargträgern, Gauklern, regenschirmbewehrten und herumtanzenden Hoheiten an ihm vorüber. Das Wasser, das in Strömen vom Himmel rinnt, dominiert den Abend auch weiterhin, und als die Freiheitsglocken läuten, leitet ein feucht-fröhlicher Tanz durch die Wasserlachen zu dem Moment über, als der Chor einen Schlusschoral anstimmt und Tell mit seinem Buben über der ganzen Szenerie so zum Denkmal erstarrt, wie er zweihundert Meter vor dem Theaterhaus auf seinem Sockel steht.

Man mag die fehlende Verständlichkeit bemängeln. An Einfallsreichtum aber, zupackender Frische, bisweilen fast magischer optischer Präsenz, musikalischer Intensität und theatralischer Verve lässt die gut zweistündige Inszenierung nichts zu wünschen übrig und reiht sich als ein weiterer erstaunlicher Höhepunkt in eine Tradition, der man nur wünschen möchte, dass sie noch lange weitergeht.

 

Wilhelm Tell
von Friedrich Schiller
Regie: Philipp Becker, Dramaturgie: Gerhild Steinbuch, Choreographie: Graham Smith, Musik: Johannes Hofmann, Bühne: Beni Küng, Kostüme: Claudia Rüll Calame-Rosset, Licht: Rolf Derrer.
Mit: Pan Aurel Bucher als Tell und 84 Laienspielern. Orchester: Musikgesellschaft Schattdorf and Friends.
Dauer: 2 Stunden, eine Pause.

www.tellspiele-altdorf.ch

 

Kritikenrundschau

"Werden wir Zeuge einer distanzlosen Kostümparty?" fragt Julia Stephan in der bz Basel (21.8.2016) angesichts des neuen Altdorfer "Tell". Man schwelge zu Anfang "in Bildern und Dialogen, die bis auf ein paar ironische 'Ach' komplett unkommentiert bleiben". Indem Becker "diesen idyllischen Naturzustand der Eidgenossen vor deren Unterjochung durch die Vögte, nach dem sich mancher Eidgenosse heute wieder sehnt", an den Anfang stelle, aktualisiere er "das Stück subtil. Nicht nur die fremden Vögte werden zum Problem – auch wenn die heute wieder zur Zielscheibe gemacht werden –, sondern die Vorstellung einer ursprünglich unversehrten Schweiz." Becker lasse "die Eidgenossen dieses Idyll selbst zerstören, im Moment der Selbstermächtigung." Indem er uns "so lange im Unwissen über die Haltung zu seiner inszenierten Idylle lässt, konfrontiert er uns mit den eigenen Emotionen. Da mögen wir ganz in den Bildern aufgehen oder uns angeekelt distanzieren – Becker lässt alle Lesarten zu."

 

 
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