Deutsches Brot ist deutsche Vielfalt

von Michael Laages

Frankfurt, 8. Oktober 2016. Wer schon mal (wie der Autor) das zweifelhafte Vergnügen hatte, zum Beispiel im ICE-Restaurant Beatrix von Storch gegenüber zu sitzen, der Polit-Medusa an der Spitze der Berliner AfD, und wer dabei eigentlich am meisten schockiert war von der extrem biederen Maske über dem offenen Hass auf alles Fremde, der aus jedem ihrer Sätze spricht, der folgt mit verzweifeltem Vergnügen dem Psychopathogramm von "Trixi", wie Falk Richter es kurz vor dem Finale in seinen neuen Abend inszeniert.

"Safe Places" ist einmal mehr mit dem Ensemble der Choreographin Anouk van Dijk entstanden und wirkt wie eine Art Fortsetzung des FEAR-Abends an der Berliner Schaubühne. Wieder geht es um jene amorphen, kaum zu fassenden Ängste, die seit geraumer Zeit den gesellschaftlichen Konsens in dieser Republik zerstören.

SafePlaces1 560 BirgitHupfeld uLandschaft der Angst © Birgit Hupfeld

Hassprediger und Brandstifter

Constanze Becker spielt "Trixi" – und berührt den zentralen Punkt von Richters Bemühen. Diese Trixi nämlich wird, mit Richters Text, zum Lackmus-Test für unser aller politische Haltung: zu Europa, zur Demokratie, zu den denkbaren Alternativen für Deutschland ... entweder, lässt Richter diese Trixi sagen, wollten wir all das (Demokratie, Europa, die liberale offene Gesellschaft) wirklich, oder wir nähmen halt künftig Hassprediger und Brandstifter wie eben diese Trixi in Kauf. Wer sich nicht wehrt, hat sie verdient.

Damit Trixi hinführen kann auf diesen Punkt kollektiver Selbsterkenntnis, muss ihr Richter ein fiktives Kindheitstrauma andichten – nie, so die durchaus nicht justiziable Phantasie, habe diese gestörte Frau, diese Trixi, irgendeine Art von Zuwendung erfahren in der eigenen Familie, zu der ja bekanntlich auch einer von Hitlers wichtigsten Ministern gehört habe – und diese Nicht-Liebe daheim zahle von Storch dem Rest der Welt nun heim. Schön, wenn es so einfach wäre ... Alles also Trixi, oder was?

SafePlaces3 560 BirgitHupfeld uGefährdete Balance: Das Ensemble experimentiert mit Möglichkeiten des Gleichgewichts
© Birgit Hupfeld

Positionen des inneren Gleichgewichts

Ja und nein. Ja, weil Richters propagandistische Kraft in diesem Moment kurz vor Schluss am stärksten ist. Nein, weil natürlich noch allerlei gesellschaftliche Motiv- und Spurensuche hinzu kommt. Außerdem besteht "Safe Places" im Grunde aus zwei Stücken – van Dijks Tänzerinnen und Tänzer erproben auf einer Reihe von Tischen und Stühlen quer im Raum zunächst rasend schnell Positionen des inneren Gleichgewichts (die auch Europa ja einzunehmen verstand bis vor kurzem); Constanze Becker und Paula Hans, Niko Holonics und Marc Oliver Schulze führen derweil überkreuz den Streit-Diskurs über die neuen Ängste im Land. Auffällig ist dabei, dass Becker und Hans ( ... weil sie Frauen sind? Ja, weil sie Frauen-Positionen einnehmen!) die vornehmlich dummen und kurzsichtigen, Holonics und Schulze dagegen (als Männer) die abgewogenen und klugen Argumente in den Mund gelegt bekommen. Außerdem stecken die Frauen voller argumentativer Irrtümer und Widersprüche; die Männer werden nur als schwach denunziert – könnten nicht mal mehr jemandem so richtig in die Fresse hauen!

So fängt der Abend nicht sonderlich stark an, legt aber in dem Moment zu, als die Mitglieder aus der Schauspiel-Abteilung quasi aufgesogen werden vom Tanz-Ensemble. Das ist extrem international gemixt: Unter anderem aus Taiwan und Ungarn, Australien und Italien, Israel und Wales stammt die Truppe. Und mitten im Stück beginnen sie von den ungezählten dummen Vorurteilen zu erzählen, die ihnen vor allem in Deutschland entgegen schlügen – während Constanze Becker einen Ausflug an die Brot-Front unternimmt und in einer wirklich witzigen Miniatur von der Vielfalt deutscher Backwaren berichtet. Das also ist des deutschen Pudels Seelen-Kern ...

Aus dem Orkus der asozialen Medien

Brotfront-Berichterstatter Richter nimmt aber auch die Bewahrer ins Visier; die, denen die freie, die offene Gesellschaft, wie sie derzeit noch ist in weiten Teilen des Landes, sehr am Herzen liegt – wie könnten wir uns wohl abschotten gegen die Wogen von offenem Wahnsinn, die aus dem Orkus der asozialen Medien stinkend und schwarzbraun zu uns empor schwappen ... aber Eskapismus taugt ja auch nicht zum Rezept. Der Abend reflektiert derlei Positionen, ohne dass er darum zum dicht erzählten Gefüge werden würde. Von Dijk und Richter, Choreografin und Autor, arbeiten zwar miteinander, gleichen sich einander aber nicht mehr als nötig an. Sie sortieren Fragmente und forcieren die eigenen Stimmungen – weswegen eben die Momente am dichtesten geraten, in denen die Tanz-Koryphäen übertitelte Texte sprechen.

Die Mischung trifft in Frankfurt einen Nerv; der frenetische Jubel verstärkt noch den stark propagandistischen Charakter des Abends. Wenn doch nur auch außerhalb vom Theater alle so begeistert wären von Richters Plädoyer für die liberale offene Gesellschaft hierzulande und einverstanden mit europäischer Gemeinschaft – niemand bräuchte sich dann ernstlich Sorgen zu machen. Aber so ist es ja nicht. Doch wer ließe sich in finstren Zeiten nicht ganz gerne mal den Rücken stärken ...

 

Safe Places
von Falk Richter
Uraufführung
Regie: Falk Richter Choreographie: Anouk van Dijk, Bühne: Katrin Hoffmann, Kostüme: Daniela Selig, Musik: Malte Beckenbach, Licht: Frank Kraus, Dramaturgie: Sibylle Bauchung.
Mit: Constanze Becker, Joel Bray, Luca Cacitti, Paula Hans, Nico Holonics, Timea Kinga Maday, Shay Partush, Marc Oliver Schulze, Christopher Tandy, Nina Wollny, Yen-Fang Yu.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Mehr lesen? Im Rahmen der 5. Saarbrücker Poetikvordozentur gab Falk Richter Einblicke in seine künstlerischen Strategien gegen das von Angst und Hass geprägte gesellschaftliche Klima.

 Im Interview mit dem Deutschlandradio spricht Falk Richter über "Safe Places" (hier zum Nachhören).

Kritikenrundschau

Elske Brault schreibt auf der Website von Deutschlandradio Kultur (9.10.2016): Richter und van Dijk gingen der Frage nach, "wie sich die gegenwärtigen politischen Zustände auf das Privatleben auswirken". Anouk van Dijks Methode "fließende Bewegungen im Lauf zu stoppen und in die Gegenrichtung zu wenden" passe bestens zu Falk Richters Diskursen mit ihrem "schnellen Wechsel von Argument und Gegenargument". Constanze Becker hauche auch den "trockenen Europa-Thesen" von Falk Richter, der vieles von Robert Menasse entlehnt habe, Leben ein. "Abheben" könne der Abend erst, als die Tänzer von ihrer persönlichen Unsicherheit erzählen. Am Ende sei die Botschaft: "Vertragt euch! Steht gemeinsam ein für die Demokratie und für Europa!" Dafür gebe es donnernden Applaus.

Cornelie Ueding schreibt auf der Website des Deutschlandfunkes (9.10.2016): Die Uraufführung sei ein "einziger Wirbel aus Wörtern und Körpern, Argumenten und Bewegungen". Zwischendrin stöckele eine "mondän gestylte Reinkarnation Europas" über die Bühne und memoriere mit "selbstbewusstem Gestus die kulturellen Meriten und die politischen Abgründe des Kontinents". "Komischer Perfektionismus" mutiere zu "wutschnaubender Selbstgerechtigkeit", wenn Constanze Becker gefühlt 1.000 deutsche Brotsorten durchdekliniere. Eine Art Rocky Horror Picture Show in Sachen "Europäischer Werte" – eine "rasante Flugshow der Argumente, die im politischen Luftraum über uns herumschwirren".

Sylvia Staude schreibt in der Frankfurter Rundschau (10.10.2016): "Safe Places" sei eine Art "Nummernrevue und Wutrede zum immer noch aktuellen Thema AfD und Fremdenfeindlichkeit, aber auch zu Europa". Angesichts der umfangreichen Tanzstrecken von Anouk van Dijk könne man fast von Tanztheater sprechen. Die "Verzahnung" gelinge nicht immer, doch die Tänzerinnen und Tänzer ergänzten Richters Textcollage um das, was man leider abgedroschen "persönliche Betroffenheit" nennen müsse. "Lichtflackern und Donnergrollen, elektronisches Wummern" portionierten den Abend, die Bewegungssprache charakterisiere die Tänzer*innen "als Zerrissene, Getriebene, Verunsicherte". Mal begebe sich "Safe Places" textlich "recht unterkomplex in die Tagesdiskussion", mal wolle es doch "vor allem Theater sein und die Rampensau-Fähigkeiten seiner Darsteller ins Licht rücken". Dann steigere sich der Abend, lege die lehrerhafte Attitüde ab, finde zu "szenischem Biss". Man nehme dem Theatermacher die Sorge ab.

Ein "bemerkenswert tagesaktuelles Panoptikum aller möglichen Ansichten zu dem Thema" hat Egbert Tholl erlebt, wie er in der Süddeutschen Zeitung (11.10.2016) schreibt. Diese aufrechte Haltung wäre "nichts als wohlfeil, wäre im Sinne einer Kabarett-Veranstaltung nicht viel mehr als eine Selbstvergewisserung fürs Publikum, auf der richtigen Seite zu stehen, hätte Richter nicht ein paar hinreißende Nummern erfunden, die famoses Schauspielfutter sind – vor allem für die brillante Constanze Becker – und drei-, viermal auch richtig böse werden".

bbo von der Frankfurter Neue Presse (11.10.2016) sah einen "tapfere(n), stets gut gemeinte(n), teils aber schlecht gemachte(n) Abend, der tagesaktuell politisch sein will und in dem sich Gleichgesinnte wacker auf die Schulter klopfen". Leider scheine dabei die Kreativität und Energie aufgebraucht, sich differenzierter und verstörender mit komplexen Problemen auseinander zu setzen.

Der Abend sei in seinen besten Momenten Politkabarett für vier Schauspieler und eine Tanztruppe, schreibt Stefan Benz in der Allgemeinen Zeitung (11.10.2016). "Falk Richter hat Polemik und Parolen zwischen stereotypen Rechts-Links-Debatten und wucherndem Hass im Internet dialektisch ausgebreitet. Nicht immer ist das pointiert, bisweilen dreht sich die Argumentation im Kreis."


 

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