Innenansichten einer schwulen Adoleszenz

von Christian Rakow

Hamburg, 19. November 2016. Respekt für Regisseur Sebastian Kreyer. Wie er aus einem derart textförmigen, icherzählerischen, assoziativen, fragmentarischen, zwischen den Zeitebenen springenden, Erlebnisse berichtenden, aber kaum Erlebnisse szenisch ausmalenden, kurzum: wie er aus einem so komplett narrativen Werk wie Hubert Fichtes "Versuch über die Pubertät" einen so charmanten theatralen Spielabend gewinnt, das zeugt von Bühnenfantasie! Man muss das mal so ausrufen, weil die Stunden, die man landauf, landab in hölzernen Textaufsage-Exerzitien verbringt, sobald genuine Erzähltexte auf den Spielplan rücken, wahrlich ungezählt sind.

Pubertaet3 560 Maurice Kohl uLiebe in der Luft? Matthias Weber und Carlo Ljubek © Maurice Kohl

Bewahre!

In der Stärke liegt gleichwohl auch das Manko dieses Abends. Denn ein bisschen leicht macht er es sich schon. Der kleine Malersaal des Hamburger Schauspielhauses ist zum 50er Jahre-Ballsaal umgerüstet, mit Rundtischen und einer schmalen Kleinkunstbühne, die größtenteils mit Leinenvorhängen verhängt ist. Lale Andersen schunkelt Seemannslieder vom Band: "Jonny, wie schön war die Nacht..." Und die Akteure um Carlo Ljubek als Protagonist Hubert finden sich zur lockeren Revue ein, sitzend auf der Bühne oder stehend inmitten der Zuschauer: Hubert lebt sich mit seiner alleinerziehenden Mutter (Matthias Buss) auseinander, einer arbeitslos gewordenen Souffleuse, die nun auch noch mit der Homosexualität ihres Sohnes zurechtkommen muss und, bewahre!, einmal sogar einen Lover ihres Sohns mit Kaffee und Kuchen bewirtet. So lieblich, wie es schon das betont gestrige Ambiente andeutet, so verlaufen die Begegnungen des minderjährigen Hubert mit seinen deutlich älteren Verehrern, dem Dichter Pozzi und dem Schauspieler Alex.

Halbjude zu sein, schwul und Exzentriker, das sei ein bisschen viel, meinte Hubert Fichte einmal. Um der Rauheit dieser Selbstbeschreibung (die der Spiegel im Nachruf 1986 zitierte) auf die Spur zu kommen, muss man nach dem Buch (von 1974) greifen. Dort vernimmt man die Gefährdung, denen ein Schwuler in der Nachkriegsära ausgesetzt war (in Zeiten, da Homosexualität noch strafrechtlich verfolgt wurde). Dort entfaltet sich der Hamburger Künstlermilieu- und Schlüsselroman, der in der Figur des Pozzi auf den Schriftsteller Hans Henny Jahnn anspielt. Dort erlebt man einen Romanautor Fichte, der in aller rotzigen Selbstverständlichkeit und mit gnadenloser Detailverliebtheit Innenansichten einer schwulen Adoleszenz liefert.

Pubertaet1 560 Maurice Kohl u"Hände hoch!" Das reine Männer-Ensemble gemeinsam auf der Bühne © Maurice Kohl

Sentimental Journey

Kreyer sucht im Malersaal die Künstlerproblematik, verliert sie aber bald an die privaten Lovestories: Hubert, als jugendlicher Statist bereits auf Hamburger Bühnen unterwegs, wird von Pozzi umgarnt, verliebt sich selbst in einen Akteur der Theatergruppe, mit der er Sartre probt, und gerät schließlich an Alex, einen vierzigjährigen Schauspieler mit Alkoholproblemen. Wundervoll unterspielt skizzieren Carlo Ljubek als Hubert und Michael Weber als Pozzi und später auch als Alex diese Begegnungen, suchen den anrührenden Moment: Weber in der Pose des alternder Weltschmerzreisenden; Ljubek als großer kraftvoller Mann, der sich unverkrampft in die Haltung des unbedarften Jünglings hineinduckt. Flankiert werden sie von Sebastian Doppelbauer, der mit Matrosenuniform, blonder Langhaarperücke und freiem Oberkörper das Ideal des gayen Posterboys repräsentiert, und Sebastian Kreyer selbst, der sich diskret durch eine Nebenrolle als älterer Ratgeber für Hubert schleicht.

Anders als "Small Town Boy" von Falk Richter, um eine prägende schwule Emanzipationsgeschichte der jüngeren Zeit in Erinnerung zu bringen, wächst dieser Abend nirgends ins Politische. Kreyer sucht die Sentimental Journey, in eine Zeit vor der Beat Bewegung, vor Marlon Brando, vor der gesellschaftlichen Befreiung. Man kostet die kleine Revue wie ein Glas Schaumwein zum Aperitif. Prickelt, erheitert, und dann ist auch gut.

 

Versuch über die Pubertät
nach Hubert Fichte
Uraufführung
Regie: Sebastian Kreyer, Bühne: Thomas Dreißigacker, Bühnenbild Mitarbeit: Franz Dittrich, Kostüme: Maria Roers, Musikalische Beratung: Andreas Seeligmann, Licht: Andreas Juchheim, Dramaturgie: Jörg Bochow.
Mit: Matthias Buss, Sebastian Doppelbauer, Sebastian Kreyer, Carlo Ljubek, Michael Weber, Felix Raape/Gustav Strunz.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de



Kritikenrundschau

"Viel Klamauk! Nicht alles ist originell", befindet Annette Stiekele unter dem Kürzel – asti – im Hamburger Abendblatt (21.11.2016). Der Abend erzähle viel "Nebensächliches"; zeige Begegnungen "als Parodie" und kleistere manche Szene mit Schlagermusik zu. "Der Sprachwitz von Fichtes Beat-Prosa schimmert nur vereinzelt durch." Fazit: "Als stellenweise durchaus unterhaltsame, aber oberflächliche Revue wird die Inszenierung dem 1986 mit nur 50 Jahren gestorbenen Heimatdichter und seinem Werk nur bedingt gerecht."

"Wie in Hubert Fichtes Roman ist auch in Sebastian Kreyers Inszenierung die Übersteigerung ein wichtiges Stilmittel, um die unangenehmen Begleiterscheinungen der Pubertät zum Ausdruck zu bringen", berichtet Katharina Manzke in der Welt (21.11.2016). "Überdrehte Emotionen, exzessive Selbstbespiegelung, Triebkräfte, die von ganz tief unten eruptiv an die Oberfläche steigen, hysterische Freude, die von Traurigkeit abgelöst wird – das alles wird beim Zuschauen als unterhaltsam und beunruhigend zugleich erlebt."

Abgründig oder irritierend werde der Abend nie – "stattdessen wirkt er karnevalesk, albern und für seine knappen zwei Stunden merkwürdig zäh", schreibt Katrin Ullmann in der taz (22.11.2016). Fichtes Sprache werde zur Nebensache. "Dem Text geht der Skandal verloren", vielleicht werde er durch die aufdringliche Schlager- und Klischeedichte der Inszenierung weichgespült, so Ullmann: "Was fehlt, ist ein Sog, ein dunkler Abgrund, ein wildes und vor allem verführerisches Chaos."

 

 
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