Die Möglichkeit eines Happy Ends

von Jan Fischer

Göttingen, 24. Februar 2017. Eurydike, die Demagogin, tritt in den Raum, den kleinen Saal des Deutschen Theaters Göttingen. Sie hat ihre Familie im Schlepptau, Kreon, Haimon und die anderen Kinder. Sie wühlen sich durch das noch stehende Publikum, lächeln, schütteln Hände. Dann betritt Eurydike in ihrem wollenen Machtmenschenköstum das Rednerpult, die Familie ist fotogen um sie herum drapiert. In einer flammenden Rede verkündet sie ihre Executive Order: Polyneikes soll nicht bestattet werden. Man klatscht. Antigone und ihre Schwester verlassen wutentbrannt den Saal. Es werden Häppchen und Getränke gereicht.

Das erste Gimmick in Christian Friedels "Antigone"-Fassung in Göttingen ist die Rollenumkehr: Nicht Kreon erklärt sich zum Herrscher über Theben, sondern seine Frau Eurydike. Kreon bleibt im Hintergrund, kümmert sich ein wenig um die Kinder, versucht aber hauptsächlich in jedes Meinungsvakuum zu stoßen, das sich ihm bietet. Mal will er Eurydike umstimmen, mal versucht er, zwischen den unvereinbaren Positionen zu vermitteln. In Göttingen ist Kreon der Mann im Hintergrund, einer, der die Macht nicht repräsentieren will, sondern lenkt.

Optisch Merkel, ideologisch Trump

Nach der Einführungsszene darf das Publikum sitzen, der Rest des Dramas entfaltet sich in sportlichen anderthalb Stunden um den Tisch von Thebens neuer First Family, der, mit Wein, Kerzen und Olivenschiffchen dekoriert, im Hof ihres Anwesens aus hellem Sandstein steht. Eurydike beharrt auf ihrer Meinung, denn ihr Wort ist Thebens Gesetz, nicht die höhere Ordnung der Götter (der Ideale), auf die Antigone sich beruft. Ihre Glaubwürdigkeit möchte sie nicht aufs Spiel setzen, und überhaupt hat sie Recht. Auch Kreons Mahnungen, dass die Seher nichts Gutes in ihrer Zukunft sähen, tut sie ab: Selbst die Seher, meint sie, hätten sie verlassen. Hin und wieder werden, zu atmosphärisch-treibender elektronischer Musik, übergroß die Gesichter Antigones und des Restes ihrer glücklosen Familie projiziert; hinein- und dazwischengeschnitten sind historische Darstellungen des Mythos.

Antigone2 560 Thomas Mueller xBei Herrschers zu Hause am Esstisch: Christina Jung, Florian Eppinger, Paul Weissenborn, Tilla Jeßing, Benedikt Kauff, Gaby Dey Florian Donath © Thomas Müller

Es ist dabei erstaunlich, wie dicht – trotz der sperrigen, lyrischen Sprache von Simon Werles Sophokles-Übersetzung – manche Ideen an der Gegenwart landen. Eurydike erinnert optisch eher an Angela Merkel, ideologisch an Donald Trump, reißt die Macht an sich und regiert kompromisslos an ihrem Volk vorbei, ohne Rücksicht auf Berater oder sonstige Verluste. Die als staatstragende Rede vor dem Volk inszenierte Anfangsszene. Der Konflikt zwischen Werten und Realpolitik. Die Ignoranz Eurydikes gegenüber den Sehern – alles, was ihr nicht passt, wird kurzerhand zu Fake News erklärt. Und endlich Kreons Griffe nach der Macht durch hintergründige, leicht ungeschickte, aber auch schmierige Manipulation im günstigen Augenblick.

Vision im Nebel

Das zweite Gimmick der Inszenierung in Göttingen ist das Ende. Eurydike beharrt, trotz aller mit Feuereifer und viel Geschrei ausgetragenen Diskussionen, auf ihrem Standpunkt: Polyneikes soll nicht bestattet werden, Antigone und ihre Schwester sollen für den Versuch, ihn zu beerdigen, sterben. Eurydike beharrt, bis sie von einer Vision heimgesucht wird: Während Antigone, Haimon, Kreon, Ismene, die beiden Kinder und ein Wächter mit grellem Make-Up um Eurydike herumtanzen, mit Hall auf den Stimmen, im Kunstnebel und Stroboskoplicht, sieht sie ihre eigene Zukunft. Als die Vision vorbei ist, scheint Eurydike umgestimmt – ob rechtzeitig oder ob das Unheil trotzdem seinen Laufe nimmt, bleibt in Göttingen offen.

Friedels Inszenierung spielt mit – nie explizit gemachten – aktuellen Bezügen, formuliert diese aber auch nicht aus. Die Vision am Schluss hebt das Drama ein wenig aus seiner Tragik – nun, da Eurydike ihr Schicksal kennt, hat sie vielleicht die Chance, es zu ändern. Kreons letzte Worte der Inszenierung stimmen in der Hinsicht jedenfalls optimistisch: Er lobt, dass Eurydike sich nun auf dem Wege in Richtung Einsicht befinde. Er hat jetzt, was er die ganze Zeit wollte: Eurydikes Standpunkt wankt, seine Machtsphäre ist erweitert.

In vielen Aspekten lässt sich Friedels "Antigone" als verzweifelte Utopie lesen: Der Konflikt zwischen Ideologie und Realpolitik wird zugunsten der Ideologie aufgelöst – gerade weil Eurydike die weitreichenden Folgen ihres Handelns vor Augen geführt werden. Es ist ein Sieg der Vernunft. Dennoch bleibt das Ende offen, und mit Kreon steht schon der Nächste bereit, der gerade diese Vernunft ausnutzen könnte.

 

Antigone
von Sophokles
Regie: Christian Friedel, Kostüme Ellen Hofmann, Video: Clemens Walter.
Mit: Christina Jung, Dorothée Neff, Florian Eppinger, Benedikt Kauff, Florian Donath, Gaby Dey, Fabienne Adam, Paul Weissenborn, Anna Haselmeyer, Tila Jäßing, Elli Linzer.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.dt-goettingen.de

 

Kritikenrundschau

Friedel habe mit ganzen Einsatz theatralischer Mittel gearbeitet, schreibt Peter Krüger-Lenz im Göttinger Tageblatt (25.2.2017). Es sei ein wilder Abend, es werde auch viel geschrieben. Das sei "ein bisschen schade, denn im Gebrüll gehen eben auch die Feinheiten verloren".

 
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