Der Engel der Geschichte

von Esther Slevogt

Potsdam, 7. April 2017. Auf der Dachterrasse mit dem Panoramablick auf die Stadtsilhouette von Potsdam sind die Fünf nur ein einziges Mal. Gleich am Anfang, wenn die Malerin Lotte Laserstein dort im Spätsommer 1929 ihr ikonografisches Bild komponiert, dessen Rückkehr nach Berlin die damals fast Vergessene 2010 schlagartig zu einer bedeutenden Protagonistin der Kunst der Weimarer Republik machte.

Gleich am Anfang, wenn auch der Dramatiker Lutz Hübner und die Regisseurin Isabel Osthues den Establishing Shot dieses Abends präsentieren, in dem sie die Figuren aus dem Bild heraustreten lassen, um mit ihnen die etwa einjährige Entstehungsgeschichte dieses circa ein Meter mal zwei Meter großen Tafelbildes zu erzählen, auf dem im Stil der Neuen Sachlichkeit eine Art Abendmalszene über den Dächern von Potsdam zu sehen ist, über die dunkle Abendwolken aufziehen.

Frau, Künstlerin, Jüdin

Dort, wo in altmeisterlichen Darstellungen von da Vinci bis Vermeer in der Regel Christus im Zentrum seiner Jünger sitzt, platziert Lotte Laserstein nun ein blondes Mädchen im gelben Kleid. Ein Bild, das man posthum als Last Supper der offenen Gesellschaft lesen konnte, deren Untergang schon begonnen hatte, als Lotte Laserstein ihr Bild malte, damals in den Jahren 1929/30. Lotte Laserstein, die selbst für all das stand, was den Vernichtungswillen der Nationalsozialisten provozierte: Frau, Künstlerin, Jüdin und Frauen statt Männer liebend. Eine der ersten Frauen auch, die je zum Studium an der damaligen Hochschule für Bildende Künste (heute UdK) angenommen worden war.

abendueberpotsdam1 560 HL Boehme uEntspannung vor der Katastrophe: Nina Gummich, Marianna Linden, Meike Finck, Florian Schmidtke, Philipp Mauritz © HL Boehme

Zumindest zwei Personen auf dem Bild, das die Malerin mit in die Emigration nahm, wo es bis wenige Jahre vor ihrem Tod in ihrer Wohnung in Schweden hing, sind historisch identifizierbar: Traute Rose, Freundin und Lieblingsmodell und Trautes Mann Ernst, Theaterdramaturg. Den anderen Figuren auf dem Bild fantasieren Lutz Hübner und seine Co-Autorin Sarah Nemitz ebenso wahrscheinliche wie exemplarische Identitäten aus dem Fundus der Werke Lasersteins und der Zeit, in der sie entstanden, auf den Leib: jenen zwanziger Jahre eben, deren visionäres Schlussbild dann 1930 "Abend über Potsdam" geworden ist.

Wir sehen sie im Atelier von Lotte Laserstein, wo sie nach dem ersten Treffen auf der Dachterrasse mit dem Panoramablick nun der Malerin Modell für das Gemälde stehen. Da ist der Journalist und Literat Literat Bodo Imhoff, erst Vossische Zeitung dann Völkischer Beobachter, der am Ende mit NSDAP-Parteiabzeichen bei Lotte erscheint. Da ist Maria Goldmann, ein ostjüdisches Mädchen aus dem Scheunenviertel, das sich in den Roaring Twenties als "Mannequin" und "Starlet" versucht und bald da landet, was früher "Gosse" hieß.

Ein Bild entsteht

Jeremias Böttchers Bühne zeigt nur das Nötigste: Staffelei, großer Spiegel, ein kleines Sofa, Regal fürs Radio (durch das am Ende der erdrutschartige Nazi-Wahlsieg verkündet wird) und Farben. Das entstehende Bild sehen wir nur von hinten. Davor steht in wechselnden Positionen der lange Tisch, an dem die Figurengruppe komponiert wird. Immer mehr Atelierfenster werden aus der Luft herabgelassen, auf die in schwarzweißen Videoeinspielungen dokumentarisches Filmmaterial aus den Jahren der Weltwurtschaftskrise projiziert wird: wachsende Arbeitslosenheere zum Beispiel.

Einmal erscheint in der Mitte riesengroß ein anderes berühmtes Gemälde: Paul Klees Angelus Novus, das Walter Benjamin als Engel der Geschichte zu seinem berühmt gewordenen Betrachtungen inspirierte und nun von Isabel Osthues zum Lasersteinbild ins Verhältnis gesetzt wird. Das gelbgewandete blonde Mädchen im Zentrum nämlich wird in der Deutung von Stück und Inszenierung zu einem ebensolchen Engel: die Telefonistin Lise Henkel, eine erst noch orientierungslose wie vergnügungssüchtige Zwanzigjährige, die bald schon von einem jungen SA-Mann auf Nazi-Linie gebracht ist.

abendueberpotsdam3 560 HL Boehme uEin deutsches Abendmahl: Florian Schmidtke, Marianna Linden, Nina Gummich, Meike Finck,
Philipp Mauritz © HL Boehme

Und so folgt man dem Abend und lässt sich von seinen Geschichten anziehen, die ihr exemplarisches Material angenehm dezent präsentieren. Zu verdanken ist das wesentlich auch dem Ensemble: Marianne Linden als fast mädchenhaft offene Lotte Laserstein, Meike Finck, die ihre mütterliche Freundin Traute spielt und exzentrische Ausfälle der Künstlerin mit steter Sanftmut kontert. Ihr Mann Ernst, von Philipp Mauritz als aufbrausend politisierender Linker gezeichnet oder Zora Klostermann als irrlichternde berliner Nachtlebenpflanze Maria Goldmann, die so gerne Maria Müller hieße. Und schließlich die fabelhafte Nina Gummich, die das blonde Mädchen Lise in der Mitte spielt: erst proletarischer Trampel und bald schon kleinbürgerliche Schnepfe die mit erhobenem Haupt und strengem Seitenscheitel ihre Naziprinzipien doziert. In all dem erzählen Hübner, Nemitz, Osthues und das Ensemble auch eine Künstlergeschichte: wie da jemand im Schaffensprozess eines Werkes immer wieder zweifelt, manchmal auch verzweifelt. Ein Werk, das entsteht, während drum herum die Welt in Stücke geht.
 

Abend über Potsdam
von Lutz Hübner, Ko-Autorin Sarah Nemitz
Uraufführung
Regie: Isabel Osthues; Bühne: Jeremias Böttcher; Kostüme: Mascha Schubert; Musik und Komposition: Timo Willecke; Video: Patrick Rost; Dramaturgie: Ute Scharfenberg.
Mit: Marianna Linden, Meike Finck, Philipp Mauritz, Florian Schmidtke, Nina Gummich, Zora Klostermann.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.hansottotheater.de

 

Kritikenrundschau

"Abend über Potsdam" sei "sicher einer der Abende, auf den man sich in dieser Theatersaison am meisten gefreut hat", schreibt Lars Grote in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (online 8.4.2017). Das Ergebnis indes überzeuge nicht. "Keine bleibenden Bilder oder Kulissen werden geschaffen (...), das ist ein Manko, wenn man über ein ikonografisches Gemälde spricht." Die Stimmung des Stückes addiere sich "in der Summe nicht zur Melancholie, wie das Bild sie vorgibt, sondern zu einem brav ausbuchstabierten Sittenbild der Zeit. Es liegt etwas Pädagogisches über dem Stück, das in Lasersteins Gemälde glücklicherweise völlig fehlt." Am Ende stells sich "das Gefühl ein, der Zauber des Gemäldes wurde erdrückt vom Willen, den ganz großen historischen Bogen zu spannen." Zudem sei es "eine Inszenierung, in der sich keiner der Schauspieler profilieren kann".

Die Regisseurin Isabel Osthues gebe "den Figuren Raum zum Atmen", meint Stefan Kirschner in der Berliner Morgenpost (9.4.2017), es stünden "Menschen und keine Stereotypen auf der von Jeremias Böttcher gestalteten Bühne – Leinwände werden zu Projektionsflächen für Filmeinspieler. Eine historisch grundierte Bildinterpretation, eine von vielen möglichen. Auf jeden Fall eine kurzweilige."

Lutz Hübner und Sarah Nemitz erzählten die Geschichte des Laserstein-Gemäldes "in einer subtil ausformulierten, chronologischen Szenenfolge", berichtet Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (10.4.2017). "So bewundernswert es den Autoren gelingt, alles Plakative zu vermeiden, so behutsam, genau und ohne Furcht vor Empathie entwickelt Isabel Osthues ihre schöne, gelassene, geduldig den diskursiven Windungen folgende Inszenierung."

"Im Bebildern des Bildes ist das Geheimnis der Vorlage verloren gegangen", schreibt Lena Schneider in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (10.4.2017). Die Aufgeregtheit, das Überzogene der Figuren wirkten geradezu wie die Antithese zur Stille des Gemäldes. "Das liegt weniger im Text als in der Regie", so Schneider: "Alle Figuren sind mit Ausrufezeichen versehen."

 
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