Der Augentrug

von Andreas Wilink

Recklinghausen, 3. Mai 2017. "Sköne Oke" – Schöne Augen. Darum geht es: Schöne Augen zu machen. Jemandem die Augen zu verdrehen. Zu sehen, wie man seinen Augen nicht trauen kann. Durch Liebe blind zu werden oder blind vor Liebe zu sein. Auch Robert Wilson ist ein Augentröster, der den trompe l'oeil-Effekt beherrscht. Ein Bildermacher, der uns in märchenhafter Vergangenheit die Augen übergehen ließ, den Blick neu ausgerichtet, unsere Wahrnehmung geschärft hat.

Auf der Bahn des Wunderbaren und Abenteuerlichen

Der Regisseur des schwarzromantischen "Black Rider" musste auf E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann" stoßen. In der schmalen Erzählung ist es die titelgebende Sagengestalt, die Nathanael "auf die Bahn des Wunderbaren, Abenteuerlichen“ bringt: einerseits der gute Geist, der Kindern sanft die Augen verschließt und ihnen Schlaf schenkt, aber auch das Ungeheuer, das den Menschen die Augen herauspickt, Todesblicke aussendet, ein Schwarzmagier und Optikus: Coppelius bzw. Coppola, der zu Beginn zwei Augäpfel wie Trophäen in der Hand wiegt.

Der Sandmann2 560 Lucie Jansch uAutomatenpoesie mit Christian Friedel und Konstantin Lindhorst © Lucie Jansch

Zur Eröffnung der Ruhrfestspiele (in Koproduktion mit Unlimited Performing Arts und dem Düsseldorfer Schauspielhaus, wohin die Aufführung ab 20. Mai wandert) zieht Wilson die Spieluhr auf und führt sein mechanisches Ballett in Rot, Gelb, Grün auf, lässt den Vollmond aufsteigen, sendet blinkende Pfeile, spielt mit den vier Elementen und Naturgewalten. Weshalb soll, was am Thalia Theater reüssierte und am Berliner Ensemble geklappt hat, nicht auch in Nordrhein-Westfalen funktionieren? Prinzip Watermill oder Der von unsichtbarer Hand bewegte Stuhl. That's magic! Künstlichkeit zeigt sich als das höchste der Gefühle – und als tödliches Verhängnis.

Das Drama des begabten ADHS-Kindes

Wilson vorzuwerfen, sein Handwerk seelenlos zu betreiben, verfängt erst recht nicht bei einem Stoff, der von dem Automatengeschöpf Olimpia (Yi-An Chen) handelt, von dessen "Vater" Spalanzani, von Coppola/Coppelius als dem Lieferanten echter Augen (Andreas Grothgar sieht unter der Maske aus wie Danny DeVito als Pinguin-Mann in "Batman") und vom Opfer des Trugs, dem unseligen Nathanael: Der krähende Rotschopf, der bei dem hochenergetischen Christian Friedel (mit beachtlicher Stimme) von fern an Nigel Kennedy erinnert, hat was von einem ungezogenen Struwwelpeter-Bengel und markiert das Drama des begabten ADHS-Kindes.

Der kleine Junge erleidet ein Trauma, als sein Vater stirbt ("Was ist mit Papa?") – während zwischen zwei Gedankenstrichen freudianisch über das Heimliche und Unheimliche doziert wird. Er erlebt die Wiederkehr des nie Verdrängten und verfällt im Studentenalter als "Geisterseher" dem perfekt künstlichen Wesen, der Puppe Olimpia. Nathanael verliert Verstand und Leben, als letzte Worte "Sköne Oke" radebrechend. Sind es äußere dunkle Mächte oder nicht vielmehr die "Phantome des Ichs", die ihn heimsuchen? Vergeblich hatten ihn seine Braut Klara (Lou Strenger), die naiv-hell mit dem Logos argumentiert, und ihr Bruder Lothar zu retten getrachtet.

Wie Scherenschnitte aus der Goethe-Zeit

Die Figuren, deren Gesichter, Gesten und Grimassen unter weißer Schminke in grellen Schrecksekunden einfrieren – sie tänzeln ballettös, hopsen außer Rand und Band, trippeln über die Hall-Effekt erzeugende Bühne, gern im pantomimischen Profil mit steiler Frisur. Wie Scherenschnitte aus dem Poesiealbum der Kunstepoche zur Goethe-Zeit. Sie schrauben sich repetitiv bis in die ironische Arabeske mit Soubretten-Trillern wie Nathanaels Mama (Rosa Enskat) oder mit Pathos-Schmäh wie Nathanael selbst. Gellendes Lachen, Kichern, Kiekser, Gekreisch, spitze Schreie sind ihr bevorzugter Ausdruck. Und dann ist da noch die Musik, die sich eklektisch vermischt und Vivaldi ebenso anklingen lässt wie Folk und Jazz, Operettiges und Rockiges wie von Freddie Mercury. Wenn nicht Anna Calvis dunkel glühende, samtig voluminöse Pop-Balladen gesungen werden, brummt, klirrt, faucht es, schrammelt im Drei-Viertel-Takt, flötet und bläst mokant, knallt wie in der Alchimistenstube oder donnert sich auf zur surrealen Kakophonie.

Der Sandmann4 560 Lucie Jansch uNigel Kennedys jüngerer Bruder: Christian Friedel als Nathanael © Lucie Jansch

Gewiss, die Inszenierung ist exakter, raffinierter, mitunter intelligenter als sonst das Genre Revue, Vaudeville, Musical. Die Idee eines Strandes mit Horizont in Caspar-David-Friedrich-Dunst, Meeresbrandung und Ruf der Möwen umfließt die Sinne; ein blattgrüner Parkhecken-Prospekt wuchert in unsere Fantasie; ein milchiger Lichtkasten rahmt das Entsetzliche. Aber die bündige Dramaturgie der literarischen Vorlage stanzt sich nur schablonenhaft in 24 Panorama-Szenen. Form wird formelhaft. Konfektionsware aus der Musterkollektion. Das Esperanto-ABC der Zeichen repräsentiert bei Wilson die Emotion, Gefühl hebt sich auf in der Geometrie. Die affektive Kälte seines asiatisch rituellen Theaters kann sich, hier jedenfalls, nicht zu erhöhter Temperatur erhitzen. Es bleibt Manier. So wirkt das riesige Modell der wie ein Kran oder wie ein Bohrer aussehenden Alien-artigen Prothese der Olimpia lebendiger als alles Fleisch und Blut.

Im Blick suchte Nathanael das Glück: in der dort verborgenen Freiheit, dem Geheimnis, der Rücksichtslosigkeit. Hat das nicht auch vor Zeiten Robert Wilson beschäftigt? Es war einmal.

 

Der Sandmann
nach E.T.A. Hoffmann
Textfassung: Janine Ortiz
Regie, Bühne und Licht: Robert Wilson, Kostüme: Jacques Reynaud, Musik: Anna Calvi, Orchester-Arrangement: Jherek Bischoff.
Mit: Yi-An Chen, Rosa Enskat, Christian Friedel, Andreas Grothgar, André Kaczmarczyk, Jonas Friedrich Leonhardi, Konstantin Lindhorst, Alexej Lochmann, Rainer Philippi, Lou Strenger und Band.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.ruhrfestspiele.de
www.dhaus.de


Update: Eine Verwechslung bei der Rollenbesetzung des Coppelius bzw. Coppola wurde in der Kritikam 4. Mai 2017 um 11:11 Uhr berichtigt.

 

Kritikenrundschau

Wilsons Inszenierung sei "pure Kulinarik, optischer Genuss, musikalischer Ansturm, harmlos aber ist sie in keinem Moment", schreibt Dorothee Krings in der Rheinischen Post (5.5.2017). "Wilson hat es auf die Komik des Schauerlichen abgesehen, treibt seine Szenen immer wieder in diesen seltsamen Kippmoment, da Furcht in Lachen umschlägt, Irrwitz sich gackernd Bahn bricht." Darin folge er der Vorlage von E. T. A. Hoffmann, karikiere dessen Ironie, "zieht die Regler weiter auf, lässt die Figuren erschrecken wie Komikfiguren oder jagt sie als Silhouetten eines Scherenschnitttheaters über die Bühne. Erprobte Mittel, Wilson bleibt Wilson", so Krings. "In Klamauk gleitet sein asiatisch inspiriertes Theater aber nie. Auch, weil die Darsteller aus dem Düsseldorfer Ensemble allesamt nicht nur großartig singen, sondern sich aus dem engen Korsett, das Wilson seinen Figuren anlegt, hinausspielen. Bei aller Groteske und edlen Reduziertheit bewahren sie sich einen Rest Menschlichkeit."

"Der 'Sandmann' ist metakluges Theater für Kenner; Zauber für längst Entzauberte", schreibt Edda Breski im Westfälischen Anzeiger (5.5.2017). "Es ist so, als stünde man auf einem Nostalgie-Jahrmarkt und schaue in eine 'Laterna Magica'. Die Bilder sind umwerfend, aber man hat die Sicherheit, dass man hinterher ruhig wieder nach Hause geht."

Wilson tilge Ambivalenzen und interessiere sich kaum für die Fabel, schreibt Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (5.5.2017). "Er will mit Effekten überwältigen, will den Zuschauer in die Knie zwingen, will ihm die Luft abwürgen. Deswegen wird jeder Einfall drei bis fünf Mal bemüht." Protagonist Christian Friedel sei "zweifellos ein Könner, er singt fabelhaft, aber leider setzt er auf einen Schelm anderthalbe, übertreibt, grimassiert", so Krumbholz: "'Ebenso naiv wie elitär' nannte Heiner Müller 1979 das Theater des Robert Wilson. 'Der Sandmann' ist nicht naiv, also kindlich-unbekümmert, und schon gar nicht elitär. Er erstickt eine zauberhafte Erzählung in Kitsch und Klamauk."

"Musikalisch streift der Abend, eine Koproduktion mit dem Schauspiel Düsseldorf, für Momente das Niveau von 'Einstein on the Beach' von Philip Glass, um sich dann wieder gefährlich nah an 'Das Phantom der Oper' heranzuschrammeln", gibt Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (5.5.2017) zu Protokoll. Christian Friedel sei "das Zentrum eines starken, differenziert agierenden Ensembles". Freidel meistere die Songs von Anna Calvi "mit erstaunlicher Stimmgewalt", kitzele außerdem "virtuos die Lust an der Angst heraus, der sich Nathanael überlässt. Im Mahlstrom der Selbstzerstörung geht er unter, während Wilson seine Lichtblitze schleudert, die nichts dauerhaft erhellen", so Spiegel. "Sie bannen nicht die Angst, sondern nur den Augenblick."

Einen "starken Auftakt der Ruhrfestspiele" hat dagegen Stefan Keim gesehen – "der Unterschied zu mancher formalistischeren Inszenierung Wilsons ist, dass hinter den perfekt getimten Bewegungen Hysterie und Verzweiflung zu spüren sind", sagt Keim im Deutschlandfunk Kultur "Fazit" (3.5.2017). Wilson versuche aber nicht, die extreme Emotionalität der Schauerromantik in die Gegenwart zu holen. "'Der Sandmann' zeigt eine fremde, faszinierende Welt."

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