Sind wir nicht alle ein wenig Knecht?

von Valeria Heintges

Zürich, 6. Mai 2017. Es beginnt verheißungsvoll. Ein Film-Intro, volle Breitseite des Eisernen Vorhangs. Riesige Lettern verkünden: "Der Matti" und "Puntila", dazu im Film beide unterwegs im Auto, Chauffeur der eine, Chef im Fond der andere. Riesige Lettern für "Wald", "Zeit", "Das Geld", "Der Mensch" und "Das Neue". Zum Intro-Abschluss geht es in "Die Bar", kleiner Ort und Weltbühne zugleich. Diese Bar ist mächtig heruntergekommen, nur ein Wagen im Birkenwald. Ein Gast, ein Wirt. Der Wirt hat mitgesoffen, schlaff wie eine Puppe hängt er überm Tresen. Der Gast faselt, von Aquavit, vom willigen Geist und vom schwachen Fleisch, und von führenden Persönlichkeiten, die nicht halten, was sie versprechen. Der Gast ist sternhagelvoll.

Im Klischee-Abziehbild-Finnland

Und fett. Kaum erkennt man Robert Hunger-Bühler unter diesem Schaumstoff-Fettpolster, das er um sich herum und vor allem vor sich herträgt, und unter der Fusselhaarperücke, die ihm gelbe Strähnen auf den Schädel zaubert. Hunger-Bühler ist Puntila, der doppelgesichtige Gutsherr aus Bertolt Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti". Der Herr, der nur im Suff erträglich wird, "denn du bist fast ein Mensch, wenn du besoffen", dichtet Brecht selbst. Nüchtern wird er zum kapitalistischen, ausbeuterischen Herrn, der seine Tochter verheiratet, um Schulden tilgen zu können, Menschen vom Hof jagt, deren Arbeit er nicht zahlt. Und besoffen sich reuig gibt und Besserung schwört.

Puntila3 560 Tanja Dorendorf TT Fotografie uHerr Puntila in all seiner Fatsuit-Pracht: Robert Hunger-Bühler © Tanja Dorendorf / TT Fotografie

Matti, der Chauffeur, sitzt in der Zürcher Fassung von Sebastian Baumgarten im Pfauen zu Beginn in einem Holzgerüst von Auto, das nur über quadratische Räder verfügt. Es fährt nicht, aber es wird getragen. Dabei wird der Richter über den Haufen gerannt; mit einem trockenen "ich fühle mich gerädert" setzt er sich wieder auf. Kalauer dieser Art liebt Baumgarten sehr; am laufenden Band wird gestottert, geulkt und vermeintlich versprochen. Dazu passt Thilo Reuthers Klischee-Abziehbild-Finnland mit Birkenstämmen, bunten Häuschen und dampfender Sauna. Und Christina Schmitts Kostüme, bunt, schräg, verspielt. Sie schreckt nicht einmal vor einem Kleidchen für Puntilas Tochter Eva zurück, das aus gelben Bällen besteht, in die eine Handvoll brauner Bälle ein Depri-Emoji hineinmalen.

Was sagt uns der Neubrandenburger Plattenbau?

Das wäre ja alles noch ganz lustig – würde es irgendwie Sinn ergeben oder in ein Konzept passen. Das aber tut es nicht. Puntila und Matti staksen durch die Inszenierung, als hätten sie in Lahti die falsche Ausfahrt erwischt. Slapstick, Kalauer, Videoeinspielungen und all die Ideen sind Beigemüse – zu gar nichts. Sicher, Brechts Werk hat heute seine Tücken: Kein Großgrundbesitzer mehr weit und breit, kein Diener mehr, der achtmal in der Woche Hering essen muss. Viele Passagen sind so heute nicht mehr spielbar. Also streicht sie Baumgarten oder macht sie lächerlich. So versetzt er Mattis Test, mit dem er Puntilas Tochter Eva beweisen will, dass sie nicht die rechte Ehefrau für ihn ist, weil sie sein Milieu nicht kennt, nach Neubrandenburg in den Plattenbau. Was soll das in Zürich, wo kaum einer weiß, wo Neubrandenburg liegt, geschweige denn, wofür es steht?

Um das Stück zu retten, streichen Baumgarten und seine Dramaturgin Gwendolyne Melchinger den Text bis zur Unkenntlichkeit zusammen, schicken die reine Handlung – Puntila verlobt sich viermal; Tochter wird mit Attaché verlobt, der Geld bringt; Attaché wird vom Hof gejagt und Matti versprochen – im Zeitraffer über die Bühne, bis alles nur noch wirkt, als hätte jemand ADHS im Akutstadium. Um dann doch noch zu einer Kernaussage vorzustoßen, werden die Mattis verdoppelt und vom Ensemble auch mal im Chor gesprochen, denn sind wir nicht alle ein wenig Knecht? Zudem werden kommunistische Verschwörer inklusive russischem Einflüsterer dazuerfunden, die von Selbstausbeutung und von "Ich verwirkliche mich zu Tode" reden. Das hätte ein Thema sein können, stünden die Szenen nicht allein wie eine Eiche im finnischen Birkenwald.

Warum das jetzt, bitte?

Da bleibt auch den Schauspielern nur, orientierungslos durch die Szenerie zu stapfen. Robert Hunger-Bühler lüpft sich ständig seinen Bauch zurecht, als wäre er nicht besoffen, sondern würde an einem Tick leiden. Ansonsten spricht er viel und laut, wie fast alle anderen auch. Als er aus der Sauna kommt, hat er seinen Bauch verloren und steht in Hosen da – sein Spiel allerdings verändert er nicht, gelallt hat er ohnehin nie. Später ist er wieder mal besoffen, in Hosen, ohne Schaumstoffbauch. Und warum das jetzt, bitte?

Puntila1 560 Tanja Dorendorf TT Fotografie uSind wir nicht alle ein wenig Matti? Und warum ist Puntila plötzlich schlank? Johann Jürgens, Dagna Litzenberger Vinet, Klaus Brömmelmeier, Miriam Maertens, Robert Hunger-Bühler, Jirka Zett
© Tanja Dorendorf / TT Fotografie

Johann Jürgens spielt den amputierten Matti recht stoisch, den eigenen Kopf, der eigentliche Reiz der Figur, haben Regisseur und Dramaturgin in den Orkus geschickt, samt Abgang vom Hof, der einfach ausfällt. Carolin Conrad, im Emoji-Kleid oder ähnlich abstrusem Fummel, spielt die kesse Göre Eva. Das passt nicht zur Figur, die sich später bemüht, das brave Hausmuttchen zu werden. Am Ende tritt ein Riesentrio Angry Birds auf, die zwar nicht wie im gleichnamigen Computerspiel auf Schweine geschossen werden müssen, aber auch so tierisch doof aussehen. Was sie noch sollen? Das ist schon längst völlig egal. Hauptsache Ende.

 

Herr Puntila und sein Knecht Matti
von Bertolt Brecht
Regie: Sebastian Baumgarten, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Christina Schmitt, Musik: Alexander Tucker, Video: Chris Kondek.
Mit: Robert Hunger-Bühler, Johann Jürgens, Carolin Conrad, Klaus Brömmelmeier, Jirka Zett, Susanne-Marie Wrage, Miriam Maertens, Dagna Litzenberger Vinet, Gottfried Breitfuss, Alexander Tucker.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

"Wer die Vorlage nicht kennt, dem bleibt eine dramatische Entwicklung und das Hauptspiel verborgen", schreibt Daniele Muscionico in der Neuen Zürcher Zeitung (8.5.2017). "Vorspiele folgen Nachspielen, Einlagen folgen Einlagen – jede ist für sich perfekt ausgearbeitet, choreografiert und inszeniert, und doch fehlt am Ende die grosse Überformung und die Hauptaussage, die das erreicht, was Baumgartens letzter Brecht-Arbeit in Zürich gelang. 'Die heilige Johanna der Schlachthöfe' (...) brach mit Brecht-Bezügen, hat sie vervielfältigt und mit tollen Rollen ins Heute geholt." Und: "Ach, Robert Hunger-Bühler! Selten hat man mit dem hier aufgeblähten Lieblingsmimen am Pfauen derart mitgelitten. Im adipösen Kostüm und beklebt mit gelben Haarsträhnen ist der schöne Mann eine Körperruine. Er trägt das üble Spiel mit Fassung und Hingabe an den Jux, den man sich aus ihm machen soll, auch wenn seine Spastik und Drastik nüchtern wie betrunken nicht viel anders ausfällt." Und auch sonst sei Baumgartens Ensemble "wahrlich nicht zu beneiden".

Baumgarten "nimmt es beim Wort, Brechts 1948 in Zürich uraufgeführtes Paradebeispiel für die Verklammerung von Herr und Knecht, die sich einfach nicht sprengen lässt", schreibt Alexandra Kedves im Tagesanzeiger (8.5.2017). "Der Dramatiker, (…) prophezeit der 'sozialen Marktwirtschaft' schon avant la lettre das Fallen der freundlichen Maske, und Baumgarten buchstabiert diese Nacktheit für uns aus", so Kedves: "Dass Puntila seine mehrtägige Sauferei zu Beginn bekleidet mit einem hautfarbenen Fatsuit durchzieht (...): was für eine schlaue Verkehrung der Vorstellung von 'entblösst' und 'maskiert'! Und was für eine erstklassige Aktualisierung – quasi im Vorbeihüpfen; Fettsein signalisiert heute Armsein, Fitsein Geld." Allein die vielen Effekte – "Zu viel! Zu viel!" – übertünchten das alles – "die Live-Musikeinlagen von Alexander Tucker gehen hier beinahe unter – wie die Supersätze von Brecht. Aber eben nur beinahe."

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