Ich-AG, hoffnungslos abgewirtschaftet

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 11. Mai 2017. Zwei vertrocknete Pizzaschnitten sind noch da. "Iss das", sagt Freder zu Marie. Sie: "Es wird weitergelebt." Er: "Essen sollst du!" Das ist das eine Ende. Das endgültige für jene jungen Leute, die ein Stück lang wortreich von sich weg geschoben haben, dass sie "zur Verbürgerlichung geboren" seien. Dieses Weiterleben ist fast ein Tod.

Aber da ist noch die andere Finalfassung für Ferdinand Bruckners Stück "Krankheit der Jugend". Die ist wirklich letal für Marie, die hoffnungsvolle Jung-Ärztin, deren Fest zur Promotion in verheerendem Kreisel-Sog sich zur Beziehungs- und Lebenskatastrophe verdichtet hat. "Krankheit der Jugend" ist 1926 ja an zwei Orten uraufgeführt worden, an aufeinanderfolgenden Tagen. In den Hamburger Kammerspielen ging es tödlich aus für Marie, im Lobe-Theater in Breslau wurde weitergelebt. Beide Fassungen sind also authentisch.

Das unverzichtbare Stück der Stunde?

Christine Eder bietet im Linzer Theater Phönix beide Optionen an: zuerst die krasse Variante, dann eine Rückblende. Auf geht's ins illusionslose Nicht-Sterben! Hat etwas, diese Schluss-Verdoppelung: Die Protagonisten in Ferdinand Bruckners rabenschwarzer Jugend-Analyse haben ja selbst zu keinem Zeitpunkt gewusst, was die nächsten fünf Minuten bringen werden.

Alles geht und nichts geht, alles ist offen und doch jede Tür nach draußen versperrt: Desolater hatte bis dahin keiner eine Jugend beschrieben, die ausweglos selbstreferentiell denkt und mangels irgendwelcher Vorbilder auf sich selbst zurück geworfen ist. "Was brauchen wir Ärzte in dieser verrotteten Zeit?" Ist Ferdinand Bruckners Text das unverzichtbare Stück zur Ich-AG unserer Tage?

KrankheitJugend1 RankFuchsHameleSchrammel 560 Christian Herzenberger uHochmusikalischer verbaler Schlagabtausch © Christian Herzenberger

Man muss schon ein wenig nachhelfen. Gar zu gespreizt, gar ein wenig aufdringlich konstruiert kämen manche Dialoge daher. Die Regisseurin hat diese Gefahr gesehen. Die Studenten-WG siedelt sie, ohne vordergründige Hippie- oder Blumenkind-Zitate, vielleicht in den Achtundsechzigern an. Was ist damals in den WGs diskutiert worden, wie eloquent um sich geworfen mit fertigen Denk- und Formulierungs-Versatzstücken! So hält man es auch in der Linzer Inszenierung: Da sind die schneidig-selbstbewussten Antworten fast schon da, ehe die angriffigen Fragen so recht ausgesprochen sind. Ein beständiger Schlagabtausch, eine beängstigend geschliffene Rasanz der Leere. Doch dann plötzlich tun sich in diesem von der Regie und einem starken jungen Ensemble hochmusikalisch synchronisierten verbalen Schlagabtausch die nötigen kleineren und größeren Gedankenpausen auf. Plötzlich blickt man in die Seelen, in die früh geleerten (oder gar nie aufgeladenen) Batterien der jungen Menschen.

Tunichtgut als Magnet

Anna Maria Eder ist die Marie, die von der Zurückhaltenden zur Fordernden wird, mit gebündelten Temperamentsausbrüchen taumelnd zwischen den Beziehungen. Die drei anderen Frauen sind alle charaktermäßig ein klein wenig Marie: tendenziell lasziv, aber voller Frust ob uneingelöster Erwartungen Desiree (Marion Reiser); stocksteif die karrierebewusste, aber eben nur an der Oberfläche gefühlskalte Irene (Lisa Schrammel); strohdumm das Landei Lucy (Nadine Breitfuß), das sich sogar einreden lässt, auf den Strich zu gehen.

Strippenzieher ist der vor Selbstbewusstsein schier berstende Freder (David Fuchs). Ein Tunichtgut, der so tut, als täte er jeder der Frauen gut. Für alle ist er letztlich Magnet, weil lebendes Sinnbild verlorenen oder nie gefundenen Lebenssinns. In diesem differenziert gezeichneten und ohne Schwächen umgesetzten Psychogramm sind auch die männlichen Randfiguren – Felix Rank als der weltfremde Jungpoet Petrell und Markus Hamele als der notorische Frauen-, ja Menschenversteher Alt – mehr als Stichwortbringer.

Stimmungsvolles Nichts

Wichtig ist auch der als Live-Elektroniker mit Theremin-Klängen in Erscheinung tretende Musik-Mixer Thomas Butteweg: Er hat viel Anteil an der letztlich doch eher orts- und zeit-ungebunden wirkenden Inszenierung, genauso wie das stimmungsvolle Nichts an Bühne von Monika Rovan. Bloß schwarze Gaze-Vorhänge, auf die mit bunten Klebebändern in riesigen Buchstaben die Namen der Protagonisten geschrieben sind. Nicht zu vergessen auf ein paar Matratzen. Auf einer davon wird Desiree ihr junges Leben mit Gift beenden und so die beiden unterschiedlichen Finalszenen mit Marie und Freder einleiten. Ein ultrakurzer, aber intensiver Abend.

 

Krankheit der Jugend
von Ferdinand Bruckner
Regie: Christine Eder, Bühne: Monika Rovan, Kostüme: Alice Ursini, Lichtgestaltung: Nico de Rooij, Live-Musik: Thomas Butteweg, Dramaturgie: Silke Dörner.
Mit: Nadine Breitfuß, Anna Maria Eder, David Fuchs, Markus Hamele, Felix Rank, Marion Reiser, Lisa Schrammel.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.theater-phoenix.at

 

Kritikenrundschau

Regisseurin Christine Eder habe Bruckners Stück im Linzer Theater Phönix "zu einem Sätzegewitter" beschleunigt: "Dialoge wurden zu Wortflächen, Rede und Antwort überlappten einander", schreibt Peter Grubmüller in den Oberösterreichischen Nachrichten (13.5.2017). "Die ruhigen Momente, in denen dem Publikum das Höllenstakkato ins Unterfutter kriecht, gewährleistet Thomas Butteweg. Seine Techno-Beats, denen er sphärische Theremin-Klänge zuwinkt, sind Labstellen auf der apokalyptischen Reise." Fazit: "intensive 75 Minuten".

Regisseurin Christine Eder setze "auf zeitgeistig rasend schnelle Dialoge", meint Eva Hammer im Neuen Volksblatt (13.5.2017). "Eine Versuchsanordnung, die klar macht, dass man auf den anderen bei dem Tempo nicht wirklich eingehen kann. Es zählt nur die Selbstdarstellung." Die Szenen schaukelten sich "im Wortstakkato zu Gefühlsexzessen auf. Als Bruch dazwischen eine Slow Motion-Szene. Tolle schauspielerische Leistungen, scharf gezeichnete Typen, coole Musik", aber insgesamt doch "ein manisch-depressives Geplänkel, das diese Jugend nicht krank, sondern alt aussehen" lasse.

 

 

 
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