Eine Moral für den Cyberspace, bitte

von Jens Fischer

Oldenburg, 4. Juni 2017. In der analogen Welt kommen sie nicht klar, fühlen sich klein und beschädigt. Als Bodensatz. Und sorgen selbst nicht für Auftrieb. Tauchen vielmehr noch tiefer ab, immer weiter, immer ausdauernder hinein in die digitale Parallelwelt. Dort, so die Verheißung, könne man vergessen, wer man zu sein glaubt und die Identitätssuche neu starten: einfach Reset und entdecken, wer man sein könnte. Alles ist möglich. Hyperintensive Erlebnisse inklusive.

Da Jennifer Haleys "Netzwelt" in der Zukunft spielt, hat sie den aktuellen Stand der Technik weiter gedacht. Da gibt es etwa VR-Headsets als Computer-Displays im 360-Grad-Modus und in 5-D, die eine Erlebniswelt mit olfaktorischen und haptischen Reizen bieten. Wie gehabt ist die Pornoindustrie die erste, die die neue Technologie nutzt, in Haleys Dystopie vertreten durch das Portal "Refugium" von Herrn Sims, benannt nach dem gleichnamigen Selbstoptimierungs-Spiel. Ihm droht nun Ungemach. Sims wird von der Ermittlungsbehörde der Netzwelt in Person von Frau Morris verhört. Sie will sein "Refugium" abschalten. Denn dort können Pädophile kleine Mädchen ordern zum Liebkosen, Vergewaltigen und Schlachten. Sims rechtfertigt: Das sei ein einvernehmlich simuliertes Rollenspiel, wo jeder völlig anonym und ohne Angst vor Konsequenzen entweder einen mädchenlüsternen Avatar oder eine männerlüsterne Avatarin spielen könne.

Eigentlich nur eifersüchtig

Aus dieser Grundkonstellation entwickelt sich der gute alte moralische Disput, der seit den ersten Ego-Shooter-Tagen geführt wird. Massenmord ist kein Spiel, heißt es, stumpft ab und macht bereit, Gewalt und Kriegsideologien zu akzeptieren. Das sind nur Bilder, kommt als Antwort. Die haben Einfluss auf Psyche & Co. – so die erneute Replik. Gamer stimmen zu: Einfluss, ja, aber er sei entspannend, natürliche Aggressionen würden in sozial verträgliche Bahnen gelenkt. Genauso positioniert sich Sims: Es sei doch besser, virtuelle Kinder online zu missbrauchen als in der realen Nachbarschaft zu räubern. Er sei halt krank und habe den Fluch seiner Obsession und den Fluch ihrer Erkenntnis als Ansporn genutzt, diesen Web-Club für Sex ohne Grenzen zu programmieren. Dank Morris' Empörung darüber kommt eine weitere Frage auf: Wenn der Cyberspace die Fortsetzung des menschlichen Hirns mit andern Mitteln ist, sind dann dort ebenfalls alle Gedanken frei und alle Taten erlaubt – oder ist es ein öffentlicher Ort der Gesellschaft, an dem Menschen als Personen handeln, so dass dieselben Prinzipien gelten wie im realweltichen Alltag und Verstöße daher ebenso zu bestrafen sind wie dort, obwohl niemand physisch geschädigt wird?

Netzwelt 560 StephanWalzl uRebecca Seidel (Iris) und Klaas Schramm (Sims/Papa) © Stephan Walzl

Am Staatstheater Oldenburg inszeniert Matthias Kaschig das Räsonnement erstmal fair. Nämlich mit zwei gleich unsympathischen Duellanten. Die Anwältin der digitalen Ethik gibt Nientje C. Schwabe als harsch arrogante Oberlehrerin, Klaas Schramm hockt lümmelig macho-infantil als Anwalt für die absolute Freiheit im Netz auf dem Anklagestuhl und pflegt mürrisch einen höhnischen Ton. Alles wird überdeutlich ausgestellt, so dass die Zuschauer wohl schon jetzt ahnen sollen: In diesem ordentlich gebauten Enttarnungskrimi ist nichts, wie es scheint. Und siehe da: Die rüde Gegnerschaft wird als Eifersucht kenntlich. Morris und Sims sind zartliebend demselben Mann zugetan. Was nicht nur ihr, auch das Problem des Stücks ist. Denn zugunsten der Dreiecksbeziehung wird der Disput über justiziables Handeln in pixelig ausgelebter Fantasie achtlos links liegen gelassen.

Verschwimmende Grenze zwischen On- und Offline

Leider steuert die Regie nicht dagegen. Findet keine Ästhetik für die netzpolitischen Implikationen, so verkommen sie zum schlichten Aktualitätsdesign. Geradezu rührwillig scheint Kaschig die Dramaturgie des Happy Ends zu interessieren. Das dabei agierende Lolita-Objekt streichelt bei der Erstbegegnung mit ihrem neuen Verehrer an einem Kuschelhasenohr herum als wäre es ein erigierwilliger Penis, dann folgen scheu einige Worte, entzückt einige Blicke – schon ist Verliebtheit als verklemmter Ringelreihen zu sehen wie im Jugendtheater von anno dazumal. Dazu ganz sanft Atmosphäre skizzierende Musik. Nach und nach lässt Kaschig die anfangs so dröge wie handwerklich sauber Text abliefernden Schauspieler warmherzig erwachen. Das ist zum Knuddeln menschlich. Bei all den aufgerissenen Diskursen wirkt die Zweisamkeitssehnsucht aus Einsamkeitsabgründen aber eher langweilig.

Reizvoll immerhin die Bühne: erst dunkel und leer fürs Verhör, dreht sich bald die Rückwand und öffnet den Blick in die grell-weiße Andeutung eines Salons: die "Refugium"-Reality – die wie das Oldenburger Staatstheater-Pausenfoyer aussieht. Merke: Theaterräume sind letztlich ebenso künstliche Räume zum Austoben der dunklen Seite menschlicher Antriebe. Wenn auch nicht zu Selbstbefriedigungs-, sondern zu Aufklärungszwecken. Mit dem bühnentechnischen Ineinanderschieben der Spielebenen und der Art des Ensembles, darin im gefühlsnaiven Stil zu agieren, wird die Grenze zwischen On- und Offline minimiert. Was inhaltlich wieder ein reizvoller Ansatz ist – der aber leider nicht ausformuliert wird.

Die Netzwelt
von Jennifer Haley
Regie: Matthias Kaschig, Bühne: Jürgen Höth, Kostüm: Nina Kroschinske, Musik: Tobias Vethake, Licht: Sofie Thyssen, Dramaturgie: Jonas Hennicke.
Mit: Nientje C. Schwabe, Rebecca Seidel, Thomas Birklein, Rajko Geith, Klaas Schramm.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

oldenburgisches-staatstheater.de

 

Hier die Nachtkritik zur deutschsprachigen Erstaufführung von Jennifer Haleys "Netzwelt" im September 2015 im Münchner Residenztheater (Regie: Amelie Niermeyer).

 

Kritikenrundschau

Corinna Laubach schreibt auf kreiszeitung.de (5.6.2017): "Die Netzwelt" bringe die Zuschauer an die "eigenen Vorstellungsgrenzen" und werfe "Fragen nach Moral und Rechtsfreiheit" auf. Jennifer Haleys Stück spiele "geschickt mit Ekel, Vorstellungsmacht und Neigungen". Der Abend sei "abstrus, abstoßend, verstörend" – und überrasche mit "ungeahnten Wendungen". Matthias Kaschig lasse die Drehbühne "geschickt rotieren" und wechsele immer wieder die Erzählebenen.

Reinhard Tschapke schreibt auf nwzonline.de, dem Portal der Nordwestdeutschen Zeitung (6.6.2017): Das Stück sei ein "spannendes, pausenloses 90-Minuten-Drama". Matthias Kaschig habe es "ohne Firlefanz" in Szene gesetzt. Auch wenn das Mädchen Iris "den Monstern in jedem von uns zur Verfügung" im Traumraum zur Verfügung stehe, werde "dezent kommuniziert", "dreckiges Vokabular" tauche nicht auf. Mehr Kinderzimmer als Bordell. Das Ensemble agiere "stark, jeder Satz sitzt, die Spannung hält bis zum Schluss an". Hier werde "nicht einfach losgemeint, wie sonst gern im Theater". Es werde über einen neuen Geist nachgedacht.

 

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