Mann mit zwei Frauen

von Thomas Rothschild

Salzburg, 6. August 2017. "Aida" ist für den Opernbetrieb, was man in Österreich "a gmahde Wiesn" nennt. Wenn Anna Netrebko die Titelrolle singt, ist es eine doppelt gmahde Wiesn. Kaum hatte der Vorverkauf begonnen, waren sämtliche Vorstellungen ausverkauft. Machen wir es kurz: Die Diva erfüllt auch diesmal alle Erwartungen, die man in sie setzen kann. Aber Markus Hinterhäuser wäre nicht Markus Hinterhäuser, wenn er sich nicht dazu etwas hätte einfallen lassen. Mit dem Dirigat von Riccardo Muti ging er zwar auf Nummer sicher. Die Regie aber vertraute er der Iranerin Shirin Neshat an, die noch niemals für die Bühne gearbeitet hat.

Nun ist es nicht mehr ungewöhnlich, dass Talente von der Bildenden Kunst zur Regie wechseln. In der Regel jedoch handelt es sich um Bühnenbildner wie Wilfried Minks, Achim Freyer, Axel Manthey, Karl-Ernst Herrmann, Anna Viebrock. Shirin Neshat hat sich einen Namen als Fotografin und Videokünstlerin erworben. In ihren Videoinstallationen hat sie, was im gegebenen Zusammenhang von Bedeutung ist, zunehmend mit erzählerischen Elementen und mit Ton sowie mit zwei oder mehreren Kanälen experimentiert. Auch einen abendfüllenden Spielfilm, "Women without Men", hat sie gedreht. Ihr zweiter Film wird demnächst bei der Biennale in Venedig uraufgeführt. Die Oper aber war ihr bisher fremd.

Aida AnnaNetrebko LucaSalsi 560 SF MonikaRittershausAnna Netrebko und Luca Salsi, Bühnenbild: Christian Schmidt © Monika Rittershaus

Mutis Bedingung für eine Kooperation mit der in den USA lebenden Künstlerin lautete: keine Pyramiden, keine Elefanten. "Aida" als Kammeroper, das der Verdi-Kenner sich wünschte, hat Shirin Neshat mit Bravour auf die Bühne des Großen Festspielhauses gestellt. Das schlichte, flächig weiße, geometrisierte Bühnenbild von Christian Schmidt mit senkrechten Neonröhren wie von Dan Flavin erinnert an die ersten Einstellungen von "Women without Men", die Inszenierung arbeitet – in der aktuellen Oper freilich nicht ungewöhnlich – mit Tanz, der sich von der engeren Handlung löst und eine Nähe aufweist zum magischen Realismus des Films, sowie mit Symmetrie, die der Symmetrie der um die Achse Radamès gruppierten Frauenstimmen entspricht, und choreographischen Elementen, die uns aus Neshats Videoinstallationen vertraut sind.

Der Klerus ruft zum Krieg auf

In Tableaus versinnbildlichen die Geistlichkeit in schwarz, die Politik in weiß und das Militär in khaki die herrschende ägyptische Gesellschaft. Deutlich markiert Shirin Nashat den Klerus, der zum Krieg aufruft. Man mag an islamische Religionsführer denken und an den "Heiligen Krieg", man kann aber auch die Segnung der Waffen für die Weltkriege durch christliche Priester assoziieren. Als sich die Bühne mit den Repräsentanten von weltlicher und kirchlicher Macht dreht, kommen hinter der Fassade verängstigte Menschen zum Vorschein, die aussehen wie Flüchtlinge unserer Tage und die äthiopischen Gefangenen verkörpern.

Bei der Personenführung verfällt die unerfahrene Regisseurin gelegentlich in überholte Klischees. Die ägyptische Königstochter Amneris (stimmlich dem Star des Abends durchaus gewachsen: Ekaterina Semenchuk) singt an der Rampe mit geschwellter Brust "Ach! komm, mein Geliebter, berausche mich", und auch Anna Netrebko exerziert opernhafte Gesten, bei denen man sich fragt, ob sie vielleicht die Fremdheit der Äthiopierin charakterisieren sollen.

Am Ende des zweiten Aktes nähert sich Shirin Neshat mit einem ambivalenten symmetrischen Arrangement frontal zum Publikum, jedenfalls vor dem Hintergrund westlicher politischer Ikonografie, gefährlich einer totalitären Ästhetik, und es wird nicht klar, ob diese – bezogen auf das kriegerische Ägypten von Verdis Fiktion – denunziert oder ausgebeutet werden soll. Vielleicht auch unterscheidet sich die iranische von der westlichen Wahrnehmung solcher Bilder.

Aida EkaterinaSemenchuk 560 SF MonikaRittershausEkaterina Semenchuk © Monika Rittershaus

Shirin Neshat ist bekannt für ihre Auseinandersetzung mit der Thematik der Frau im Islam. Karin Henkel hatte es leicht, in ihrer Salzburger "Rose Bernd" die Rolle der Kirche und der Religion bei der Unterdrückung der Frau zu betonen: Gerhart Hauptmann hat die Vorgabe geliefert. Das Libretto von "Aida" enthält solch eine Richtschnur nicht, und dass sich darin nicht etwa ein Mann und eine Frau, sondern zwei Frauen als Antagonistinnen gegenüber stehen, erleichtert nicht eben eine feministische Sichtweise. Keine klaren Verhältnisse für eine saubere Aufteilung in gut und böse wie in "Antigone", in Schillers "Don Karlos" und Verdis "Don Carlo" oder in Brechts "Mutter". Die Sympathielenkung begünstigt die titelgebende äthiopische Sklavin Aida, ihr Verbündeter aber ist ein Mann und zudem ein feindlicher Feldherr. Wenn sie dann gar mit dem Geliebten in den Tod geht, in die Apotheose des Liebestods zwölf Jahre nach "Tristan und Isolde" – wie befreit man, wenn schon nicht Aida, sich selbst aus dieser Falle einer typischen Männerfantasie?

Katerina Ismailowa, die "Lady Macbeth von Mzensk", geht, in Salzburg in der Regie von Andreas Kriegenburg, als Mörderin mit ihrer Rivalin in den Tod, Aida schuldlos mit ihrem Geliebten. Immerhin. Obwohl, wenn man‘s recht bedenkt: angenehmer wäre eine Begnadigung wie in "La clemenza di Tito" (Regie: Peter Sellars).

Der fehlende Elefant

In einem Gespräch mit der österreichischen Tageszeitung "Der Standard" sagte Neshat, ihre Arbeit sei emotional, nicht ideologisch. "Kunst ist für mich ein Produkt der Fantasie, sie handelt nicht von der Realität. Ich bin an dem, was man Wahrheit nennt, nicht interessiert. Sondern ich will etwas schaffen, das die Zeit überdauert." Dass sich der Wunsch erfüllen wird, muss man, in Bezug auf diese Aida, eher bezweifeln. Bei der Premiere gab es für alle Beteiligte Beifall, nur bei der Regisseurin mischten sich in den Applaus resolute Buhs. Ganz ohne Pyramiden und Elefanten scheint es in Salzburg nicht zu gehen.

 

Aida
von Giuseppe Verdi
Regie: Shirin Neshat, Musikalische Leitung: Riccardo Muti, Bühne: Christian Schmidt, Kostüme: Tatyana van Walsum, Licht: Reinhard Traub, Kamera: Martin Gschlacht, Choreographie: Thomas Wilhelm, Dramaturgie: Bettina Auer.
Mit: Roberto Tagliavini, Ekaterina Semenchuk, Anna Netrebko, Francesco Meli, Dmitry Belosselskiy, Luca Salsi, Bror Magnus Tødenes, Benedetta Torre.
Dauer: 3 Stunden 50 Minuten, zwei Pausen

www.salzburgerfestspiele.at

 

Kritikenrundschau

"Anna Netrebko verschenkte an uns das reine Glück des Gelingens", schwärmt Jürgen Kesting in der FAZ (8.8.2017). Riccardo Muti trage die Sänger auf Händen. Auch die Regie lobt Kesting – für ihre Zurückhaltung. Sie suche nicht nach "heiter-bös-politischen Subtexten", hier geben es keine Verfremdung, keine Dekonstruktion. Die Inszenierung gerate "in die Sphäre erhabener Langeweile".

"Dass die als Opernregisseurin debütierende Shirin Neshat nichts von Personenführung versteht, ist nachvollziehbar, aber zunehmend lästig. Die Solisten geistern zweckfrei über die Drehbühne und produzieren mit gern hilflos erhobenen Händen jene pathetischen Operngesten, die man bereits im Pleistozän ausgestorben glaubte", poltert Reinhard J. Brembeck in der Süddeutschen Zeitung (8.8.2017). Der Regisseurin sei erstaunlicherweise nichts zum Plot und schon gar nichts zur Musik eingefallen. Die Partitur zerfalle unter Mutis Dirigat in zwei Welten, "in affirmatives Donnern oder intimes Bezaubern". Beides stehe beziehungslos nebeneinander, zumal Muti der Moment immer mehr interessiere als die große, geschlossene Form.

Anna Netrebko sei die intuitive Gestalterin, die ihre Impulsivität der jeweiligen Situation anpasse. Vokal anfangs ein wenig fragil, leuchte ihr Sopran bald eindringlich, schreibt Ljubiša Tošić vom Standard (7.8.2017). "Die Umsetzung aber gefror zu ein paar statischen Bildern, denen auch tanzende Männer mit Tiermasken nicht helfen konnten."

"Gegen den Starkult der Oper stellt diese Inszenierung eine in sich völlig abhängige Konstellation in den Mittelpunkt, die schlüssig die wahre Tragödie unter dem Schlachtenlärm verdeutlicht“, schreibt Gerald Heidegger vom ORF (7.8.2017). Musikalisch habe man selten "eine derart stimmige 'Aida' erlebt – die im ersten Teil auch so hölzern auf der Bühne stand, dass man getrost die Augen schließen und diesen brillanten Verdi in sich einziehen lassen konnte".

"Insgesamt erfüllt die musikalische Seite die hohen Erwartungen und wird durch die schwache szenische Leistung wenigstens nicht gestört", so Franziska Stürz von Deutschlandfunk Kultur (6.8.2017). Sie bedauert, "dass Shirin Neshat ihre sonst so starke Aussagekraft auf der Opernbühne nicht visualisieren konnte".

"Anna Netrebko befindet sich vokal hörbar auf dem Gipfel ihrer Laufbahn", schreibt Christian Wildhagen von der Neuen Zürcher Zeitung (8.8.2017). Zur Intensität trage die Fülle an Nuancen bei, die Muti mit den glänzend aufgelegten Wiener Philharmonikern Verdis subtiler Partitur entlocke. "Und die Regie? Beschränkte sich in der Personenführung auf ein paar stereotype, leicht exaltierte Gesten."

 
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