Wir müssten reden

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 23. September 2017. "Im Halsumdrehen stehst du himmelhoch über dir." Das verspricht Moritz, der Selbstmörder. Als Wiedergänger will er seinen Schulfreund Melchior zum Suizid bewegen. Ein Lichtblick in einem sonst knochentrockenen Wort-Gestocher, das einen wie viele andere Szenen in Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" ziemlich mutlos machen könnte.

Das Rezept also für Wedekinds "Kindertragödie": Rotstift ansetzen, so rigoros wie nur möglich. Mit dem hat Evgeny Titov für seine Inszenierung im Linzer Landestheater nicht gespart. Er hat Szenen umgestellt und Rollen zusammen geführt, wo nur denkbar. Bildkräftiges passiert auf der Drehbühne, auf die Christian Schmidt viele schmucklose, desillusionierend kahle Räume wie die Fahrwerke eines Ringelspiels gestellt hat. Nichts da mit Heuboden-Romantik zwischendurch. Ein Karussell des kalten Schweigens.

Überhitzt irrlichtern die Gedanken der Jungen wie Stichflammen. Wendla kann an den Storch nicht mehr glauben, prallt mit ihren Fragen ab an der Mutter, die als verspecktes Couch Potatoe TV-zappend im Fauteuil sitzt. In einer der stummen Szenen, mit denen der Regisseur Text-Leerstellen füllt, packt die unglückliche Frau einen überdimensionalen Penis aus und gleich unter Tränen wieder ein – sie wird das Paket wohl wieder zurückschicken. Nicht nur die aufklärungs- und lebenshungrigen Jugendlichen, auch die Altvorderen tragen schwer am Nicht-Reden-Können über Sexualität.

Playboy im Spülbecken

Überhaupt die Sprachlosigkeit: Evgeny Titov betont das, indem er über die Köpfe reden lässt: Nicht die Lehrerschaft ist im Konferenzzimmer versammelt, um über Melchior Gabor zu richten. Dieser Melchior hat die ahnungslose Wendla geschwängert und für seine Kommilitonen eine Aufklärungsschrift verfasst. Da sitzen nun regungslos Vater und Mutter Gabor, und der Direktor hält eine scheinheilige Schmährede auf den Jungen (eine Textkompilation, wie so manches an dem Abend). Melchior seinerseits sitzt schweigend und mit versteinerter Miene daneben, wenn Vater und Mutter über seine vermeintlich missglückte Erziehung in Streit geraten und darüber, ob die "Korrektionsanstalt" der rechte Weg ist, um den jungen Mann wieder auf einen solchen zu bringen.

FruhlingsErwachen2 560 Christian Brachwitz uTriebabfuhr auf dem Schulklo: Hänschen Rielow (Lukas Heinrich)  © Christian Brachwitz

So anschaulich und gut gedacht das im Einzelnen ist: Der Theaterabend wirkt durchwachsen. Die Inszenierung trägt nicht darüber hinweg, dass "Frühlings Erwachen" in den 1890er Jahren zwar die Erkenntnisse Sigmund Freuds provokant voraus genommen hat, aber heutzutage hoffnungslos aus der Zeit gekippt ist. Über-, nicht Unterinformiertheit wäre das brennende Thema. Da belässt es Evgeny Titov bei Anspielungen. Die notgeilen jungen Männer verstecken den "Playboy" im Spülwasserbecken. Auch auf dem Schul-WC wird Hänschen Rilow seinen Desdemona-Monolog halten; nicht vor einem Bild der Venus von Palma il Vecchio, sondern vor einem Pin-up-Poster.

Schlaft, Kinder

Was Evgeny Titov mit dem Ensemble gut im Griff hat, ist die Emotion. Anna Rieser als Wendla sieht man in jeder verkrampften Geste an, wie Drang und Ahnungslosigkeit sich unmittelbar auf Körper und Seele auswirken. Lukas Watzl ist ein Melchior, der merklich mehr überspielt als durchschaut. Jedenfalls einer mit Wissens-Vorsprung. Markus Pendzialek ist Moritz Stiefel, diese spätgeborene Reinkarnation eines romantischen Geistes. Ein paar junge Leute sind ja noch übrig geblieben in der Strichfassung, dafür holte man Schauspiel-Eleven von der Linzer Bruckner-Kunstuniversität. Sie sorgen für juvenilen Touch. So engagiert sich Evgeny Titov der "jungen" Rollen annahm, so schablonenhaft wirkt seine Arbeit hinsichtlich der Alten. Vor allem das Zusammenziehen von Pastor und Schuldirektor in eine Person bringt's nicht: keine glaubwürdige Figur.

Wie in einem Albtraum ziehen schließlich Drehbühnen-Bilder am Melchior vorbei: Mädchen haben sich im WC erhängt oder sonstwie ins Jenseits befördert, die Schulfreunde Otto und Hänschen, die eine homoerotische Beziehung aufgebaut haben, sind ebenfalls aus dem Leben geschieden. Melchior kommt an einem überdimensionalen, in Spiritus eingelegten Fötus vorbei und zieht schließlich die tote Wendla aus einem Kühlfach im Leichenschauhaus. Dort taucht Moritz' Geist auf, on screen und als Videoproduktion an der Wand. Er spricht mit einer künstlich generierten Stimme. Weiß geschminkt ist der "vermummte Herr" (Vasilij Sotke), den Frank Wedekind in der Art eines barocken Deus ex machina einführt. Hier denkt man an Mephisto, und das soll wohl so sein. Diese Jugendstil-überfrachtete Szene ist rigoros gekürzt, dafür lässt Evgeny Titov danach eine Stimme singen "Schlafe, mein Kind". Das ganze Ensemble fällt ein, und bei jeder Wiederholung dieser Textzeile wird der Gesang lauter, bedrohlicher: Das Einlullen der Jungen hat noch lange kein Ende. Vielleicht nie.

Frühlings Erwachen
von Frank Wedekind
Regie: Evgeny Titov, Bühne: Christian Schmidt, Kostüme: Nicole von Graevenitz, Musik und Video: Moritz Wallmüller, Lied-Komposition: Nebojša Krulanović, Zeichnungen: Katharina Grof, Dramaturgie: Andreas Erdmann.
Mit: Anna Rieser, Katharina Hofmann, Lukas Watzl, Corinna Mühle, Lutz Zeidler, Markus Pendzialek, Horst Heiss, Christian Taubenheim, Vasilij Sotke, Johanna Malecki, Emilie Haus, Christina Polzer, Florian Granzner, Lukas Heinrich.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.landestheater-linz.at

 

Kritikenrundschau

Titovs Inszenierung vermag einen nicht zu packen, so Philipp Wagenhofer im Volksblatt (25.9.2017). Der Regisseur könne sich nicht entscheiden, "will womöglich die Zeitlosigkeit dieser Tragödie unterstreichen." Die Drehbühne werde bestens genützt, "ermöglicht zärtliche, aber auch bedrückende Szenen im Duschraum, eine überzogene Situation in der Klinik, das Durchbrechen innerer Barrieren, Ergreifendes bei der Bestattung." Starke Momente habe diese Inszenierung, fesseln könne sie nicht.

Die Schockwirkung sei dem Stück in Zeiten von Playboy und Youporn weitgehend abhandengekommen, so Lukas Luger auf nachtrichten.at (25.9.2017). Doch sei der Abend nicht ohne Reiz. Titov bringe den Dreiakter als rasantes, an eine flott geschnittene TV-Serie erinnerndes Drama auf die Bühne. "Der Versuch, die bei Wedekind verhandelten Fragen nach Schuld, Sühne und Verantwortung aus ihrer Entstehungszeit, der Jahrhundertwende, herauszulösen, ist zwar evident, gelingt vor der Pause aber leider viel zu selten. Eine furios montierte Szenenfolge beherrscht den zweiten Teil."

 

 
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