Alles für die Kunst

von Martin Thomas Pesl

St. Pölten, 1. Dezember 2017. Wenn das Saallicht noch an ist, obwohl schon Schauspieler da sind, herrscht meist gequälte Unruhe im Publikum. Hat es nun angefangen oder nicht? Wir sehen einen Prolog, eine Exposition. Tatsächlich wird man zu Beginn von Árpád Schillings "Erleichterung" am Landestheater Niederösterreich in versierter Well-Made-Play-Manier flugs in die wichtigsten Ausgangspunkte eingeführt.

Da ist Michael Scherff als Autor Felix mit neuer Schreibblockade und alter Schuld: vor 23 Jahren einen Jungen überfahren, Fahrerflucht begangen, Romandebüt rausgebracht. Da ist Bettina Kerl als seine Frau, toughe Vizebürgermeisterin und Flüchtlingsunterkunftsmanagerin. Ihr geschäftsmännisch denkender Winzer-Schwiegervater (Helmut Wiesinger): sähe lieber einheimische Behinderte mit einem Sportzentrum als arabische Familien mit einem Heim unterstützt. Und dann noch die Tochter beziehungsweise Enkelin Johanna (Cathrine Dumont): 21, am Sich-Orientieren.

Erleichterung 560 AlexiPelekanos uAuf einer Probe ohne Ende: Tim Breyvogel, Bettina Kerl, Michael Scherff © Alexi Pelekanos

Man kann sich vorstellen, dass das so auch schon im Entwurf stand, den Schilling mit seiner Koautorin Éva Zabezsinszkij verfasste. Ähnlich wie für seinen beklemmenden Abend Eiswind improvisierte das Ensemble Szene für Szene im Treatment durch. Das Autorenduo arbeitete daraufhin die Dialoge auf Ungarisch aus, die die Dramaturgin Anna Lengyel erst übersetzen musste, bevor klassisch geprobt werden konnte. So hat der Abend, der ohne Bühnenbild, nicht aber ohne Behelfsrequisiten auskommt, etwas irritierend Unvollkommenes. Irritierend auch, weil der Einleitungsmodus nie endet. Im Saal und auf der Bühne bleibt 100 Minuten lang ein und dieselbe Lichtstimmung eingeschaltet.

Hinein in die Katastrophe

Die Probe hält also an. Das Publikum wartet, bewusst oder unbewusst, auf die eigene Erleichterung. Diese grundlegende Theatersituation verstört hier mehr als die parabelhafte Skizze, die sich auf der Bühne abspielt. Árpád Schilling liebt die Parabel: Die von ihm gegründete legendäre Gruppe heißt Krétakör nach Brechts kaukasischem Kreidekreis, und in "Eiswind" zeichnete er mit fünf Figuren in einer Hütte das Entstehen von Diktatur.

Wenngleich sich die Medien für Schilling heute vor allem wegen seines Kampfes gegen die Orbán-Regierung interessieren, ist Tagespolitik kein Thema. Vielmehr legt "Erleichterung" den Narzissmus der (männlichen) Selbstverwirklichung, in diesem Fall als Künstler, offen. Denn Felix spürt sein damaliges Unfallopfer Lukas auf, um sich von ihm zu was auch immer Neuem inspirieren zu lassen. Rasant steuert die Handlung auf die kathartische Katastrophe zu. Ist die, mit Kollateralschäden natürlich, überwunden, winkt Erleichterung: "Ich habe eine Idee für einen neuen Roman."

Erleichterung 560a AlexiPelekanos uAnnäherung auf der Matratze: Cathrine Dumont, Tim Breyvogel © Alexi Pelekanos

Bis zu dieser finalen Pointe bestrahlt das Arbeitslicht eine Reihe quälender Episoden. Zum Teil ist die Pein gewollt und durchaus produktiv. Das ist vor allem Tim Breyvogel zu verdanken, der Lukas spielt. Die Beine krumm und ein einsamer Alkoholiker, arbeitet er als Tankwart. Breyvogel zieht die Gehbehinderung mit letzter Konsequenz durch und gestattet der Rolle außerdem Herz. Er ist der nette Außenseiter, mit dem du sofort Mitleid hast, ohne ihm je auf Augenhöhe nahezukommen, weil er nie die Chance hatte, das richtige Maß von Nähe und Distanz zu lernen. Wenn man nun eine gefühlte Ewigkeit lang zusehen muss, wie dieser arme Teufel sich erstmals seit Langem das Gesicht wäscht und mühsam die besseren Schuhe anzieht ("Lass ihn, er kann das schon selber"), ist das quälend gut.

Doch das Stück wehrt sich zugleich gegen eine psychologische Lesart. Wenn Großvater Helmut Wiesinger seinem Bühnensohn nach Worten ringend vom Behindertensport überzeugen will, fragt man sich schon: Wo nimmt er das jetzt her? Dem Opa kauft man's nicht ab. Er ist nur da, um die thematische Brücke zu Lukas zu bauen, dem sein Fußball auch sehr wichtig ist. Sehr brechtsch von Schilling und Zabezsinszkij, sich so in die kompositorischen Karten schauen zu lassen. Sie zeigen ganz offen, das Stück am Reißbrett geplant zu haben.

Sex wird nicht passieren

Leider sehen in dem geheimnislosen Licht, das sie sich und ihrem Publikum verordnen, gewollte und ungewollte Irritationen gleich aus. Die brutal weit vorn an der Rampe angesiedelte sexuelle Annäherung zwischen Johanna und Lukas schmerzt, weil sie so tragisch zum Scheitern verurteilt ist. Sätze wie "Ich habe nachgedacht. Es tut mir leid" schmerzen, weil sie so abgedroschen sind.

Einmal spielt Lukas Musik vor, die er mag. Die anderen brauchen keinen Musikgeschmack, sie sind nur allgemeine Beispiele. Das ist schade. Hätte Schilling Zeit gehabt, all seine Figuren mit Fleisch und Blut auszustatten, seine klugen Beobachtungen des allgegenwärtigen Egoismus könnten lange nachwirken.

 

Erleichterung
von Árpád Schilling und Éva Zabezsinszkij
Inszenierung, visuelles Konzept: Árpád Schilling, Dramaturgie: Kai Krösche, Anna Lengyel.
Mit: Tim Breyvogel, Cathrine Dumont, Bettina Kerl, Michael Scherff, Helmut Wiesinger.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.landestheater.net

 

Kritikenrundschau

"Der ungarische Autor und Regisseur, in seiner ungarischen Heimat zum Staatsfeind gestempelt, hat in St. Pölten mit dieser vielschichtigen Parabel über den Zusammenhang von Politik und Privatheit für eine der spannendsten und gesellschaftlich relevantesten Produktionen der letzten Jahre gesorgt", schreibt die in Graz und Klagenfurt erscheinende Kleine Zeitung (3. 12.2017). Besonders der Schauspieler Tim Breyvogel wird hervorgehoben, "der aus Sicht dieser Kritik "als Lukas eine bemerkenswerte Bravourleistung" bietet.

"Die Darstellenden reißen mit in Szenen, wie von ihnen nur für sich erfunden", schreibt Hans Haider in der Wiener Zeitung (12.2017). Aber auch die Story tritt aus sicht dieses Kritikers "aussagekräftiger auf als manche poststruktural-postdramatische Textfläche: als tragische Farce um ungesühnte Schuld im Black Cube der nackten Bühne 100 pausenlose Minuten lang."

"Globalisierte Kleinstadtprobleme und individuelle Schreibhemmung sind an dem hundertminütigen Abend anfangs fein herausgespielte, dann etwas langatmige Charakterstudien." Aber die Inszenierung gerate, schreibt Norbert Mayer von der Presse (04.12.2017). Das Drama ende sarkastisch mit hemmungslosen Akten der Befreiung. "Die Masken fallen – kein Schwarz oder Weiß, nur noch eine unheimliche Grauzone. Der Abend wird immer grotesker – und besser. Großer Applaus für ein tolles Ensemble und die konsequente Regie."

"Dieses intelligent konstruierte, schlanke Dialogstück ist so etwas wie das Stück zur Stunde", schreibt Margarete Affenzeller in Der Standard (5.12.2017). "Wie die sachlich-kühl montierten Filme Rainer Werner Fassbinders (und ihre zentrale Behauptung: Das Private ist politisch) legt 'Erleichterung' ebenso mühelos zwischen einer Handvoll Leuten sämtliche Bruchlinien frei, die unser Zusammenleben heute wieder verstärkt durchziehen, und Schuld- bzw. Verantwortungszusammenhänge offen." Und auch Arpád Schillings Regiekonzept gehe voll auf: "Scharfe Schauspielerarbeit, die Szenen knistern, und sie führen immer wieder zu Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt."

 

 

 
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