Die Verzweiflung ganz unten

von Georg Kasch

Berlin, 21. Dezember 2017. Was ist das für eine Type! Bisschen schmal geraten, große Augen zwischen den knochigen Schultern, noch größere Klappe. Einer, der sich an den Ecken rumdrückt, einer, dessen Frustfalten sich tief um den traurig farblosen Oberlippenbart gefressen haben. Einer, der irgendwie immer im Weg steht – und aus dessen Blick Angst, Sehnsucht, gelegentlich auch Hoffnung stieren.

So lange Du nur zahlst

Milan Peschel ist Wilhelm Voigt, jener Schuster, der die meiste Zeit seines Lebens im Zuchthaus absitzt und am Ende den Befreiungsschlag versucht, indem er als titelgebender Hauptmann auf die Macht der Uniform vertraut, Soldaten requiriert, das Köpenicker Rathaus besetzt: um endlich nicht mehr rumgestoßen zu werden, endlich einen Pass zu haben, eine Aufenthalts-, ja Lebensberechtigung. Jedenfalls in Carl Zuckmayers "Der Hauptmann von Köpenick", dem 1931 am Deutschen Theater uraufgeführten Bühnenerfolg (der Original-Hauptmann war weitaus zwielichtiger).

Hauptmann von koepenick 560 ArnoDeclair uDurchs soziale Netz gefallen: Milan Peschel als Hauptmann von Köpenick   © Arno Declair

Und Peschel ist großartig! Wie er schlenzt und guckt und quasselt, geht er einem herrlich auf den Keks. Wenn er sich und uns mal wieder das Leben zurechterklärt zwischen Demut und Straßenphilosophie, dann könnte er auch als Verkäufer einer Obdachlosenzeitung durchgehen. Das ist deshalb so gut, weil sich im Publikum jeder fragen muss, wie er oder sie umgehen würde, wenn so einer um einen herumlungert – wie im Laden vom Uniform-Schneider Wormser, aus dem Steffi Kühnert eine herrlich doppelbödige Ich-sag-ja-aber-eigentlich-isses-mir-wurscht-so-lange-du-nur-zahlst-Miniatur macht.

Wenn die Ordnung gegen den Menschen geht

Von Außenseitern, Ausgestoßenen, durchs soziale Netz Gefallenen will auch Jan Bosse erzählen. Weder interessiert ihn die Militärparodie – die Uniform strahlt hier im Paillettenglanz, als käme sie direkt von der Revuebühne nebenan, eher ein Waren- als ein Drillfetisch – noch die Köpenickiade. Sondern der zerknautschte Mensch, der durch die groben Maschen des Systems fällt und dann von ihnen immer unten gehalten wird.

Bezeichnenderweise gerät jene Szene zur Stärksten, in der Voigt mit seinem Schwager Friedrich, einem Beamten, über Staat, Ordnung, Pflichtgefühl spricht. Friedrich sagt: Du hast Pech. Was dir zusteht, das kriegste auch. Voigt sagt: Da stimmt was nicht, wenn die Ordnung gegen den Menschen geht. Das ist Gedanken-Ping-Pong, weil Felix Goeser seine Figur ernst nimmt, ein Kleinbürger, der daran glaubt, ja, glauben muss, dass alles seine Richtigkeit hat. Er hat ja auch noch was zu verlieren. Wie es in Goesers Gesicht da mahlt, wie er denkt, aber gewisse Grenzen nicht überschreiten kann, weil dann sein ganzes Sein implodierte, ist stark.

Woran aber liegt es, dass der Abend trotz einiger toller Momente so merkwürdig zerfasert? Bosse kombiniert Castorf light mit einer Sozialstudie – und kriegt darüber den Überlebenskampf im Moloch Berlin nicht so richtig zu fassen. Zu Beginn gibt es eine hinreißende Szene, in der Milan Peschel quer über die leere Bühne schlurft zum hohen Kulissentor im Rundhorizont. Er klopft an, horcht, kiekt. Nüscht. Gerade, als er sich wieder aufmacht, öffnet sich die Tür, hinter der hohe Quader lagern, mit Berliner Fassaden bedruckt zwischen Plattenbau und Potsdamer-Platz-Stahlglas. Eine Bauklötzchen-Metropole. Dahinter verbergen sich Innenräume, die so unverbunden nebeneinanderstehen wie viele der Szenen.

Ein Ausgestoßener bis zuletzt

Hier will Bosse ein bisschen Gaunerromantik zeigen und die Verzweiflung ganz unten, also inszeniert er mit Handkamera, Tonangel und viel Gerenne einerseits, andererseits mit kleinen Einfügungen von Armin Petras: Mal erzählt einer von einer Fußballschlägerei, mal ein anderer von seiner Erfahrung als Flaschensammler. Das aber dehnt die pausenlosen zweieinhalb Stunden, die Bosse wiederum durch Slapstick, Karikaturen und Klohumor (steht so schon bei Zuckmayer, wird hier aber zelebriert) zu beschleunigen versucht.

Bis zum Schluss: Das Lach-Happy-End von Zuckmayer ist gestrichen, Peschels Voigt bleibt allein vor dem Eisernen Vorhang zurück, ein Ausgestoßener bis zuletzt. Seht her, ein Mensch! Aber das hat man da längst begriffen.

 

Der Hauptmann von Köpenick
von Carl Zuckmayer Fassung von Jan Bosse und David Heiligers
Mitarbeit und zusätzliche Texte von Armin Petras
Regie: Jan Bosse, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath, Musik: Arno Kraehahn, Video: Jan Speckenbach, Dramaturgie: David Heiligers.
Mit: Milan Peschel, Steffi Kühnert, Božidar Kocevski, Felix Goeser, Katrin Wichmann, Lisa Hrdina, Timo Weisschnur, Martin Otting, Jan Speckenbach.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Milan Peschel sei großartig als leicht chaplinesker Hauptmann von Köpenick, gerade in den leisen Szenen, aber auch Steffi Kühnert könne in verschiedenen Rollen überzeugen. Die Inszenierung hingegen sei "zu knallig", meint Peter Claus auf Deutschlandfunk Kultur (21.12.2017). "Ich hatte unentwegt das Gefühl, man möchte mich belehren, dass ich auch ja verstehe, dass das heute auch passieren könnte."

"Trotz der zwei Stunden 20 Minuten ohne Pause ist die Inszenierung kurzweilig- ein guter Einstieg für Zuckmayer-Anfänger und eine Wiedergutmachung für gequälte Schülerseelen mit dem Stoff", so Magdalena Bienert vom Inforadio (22.12.2017). "Trotz aller Tragik ist Zuckmayers Märchen als Komödie angelegt. Auf der Bühne ist das im besten Fall subtil komisch, oft aber einfach auch nur klamaukig."

"Von der ersten Szene weg stellt diese Inszenierung die Vorlage auf eine gesellschaftskritische Perspektive um. Und Gesellschaftskritik bedeutet hier, die inneren und äußeren Widersprüche aufzudecken, das Verwickeltsein des Einzelnen, den Irrsinn des Ganzen", schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (online am 22.12.2017). "Wilhelm Voigt, der arme Hauptmann, wird zum Don Quichote wider eine neoliberale Ordnung, die längst allseits verinnerlicht ist, die das Leben, Denken und Fühlen bestimmt, die Annahme, dass Wettbewerb das einzig taugliche Mittel gesellschaftlichen Zusammenseins sei." Der "bissige, gegenwartssatte Abend" möge zwischendurch an Spielkraft verlieren, die Videobilder und Kostümknaller mögen zuweilen wie Notlösungen aussehen, "aber auch sie sind Versuche, vom Menschen zu reden, ohne einzig den Wettbewerbling zu meinen. Danke."

Milan Peschel spiele den Häftling Voigt "mit einer Härte, Lakonie und Deutlichkeit, die keine Sentimentalität aufkommen lässt", beschreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (23.12.2017) seinen Anfangseindruck. Das Problem der Inszenierung sei, dass sie die Klarheit und Härte dieses Prologs nicht durchhalte. "Die Inszenierung weiß nicht, ob sie aggressiv und verstörend sein will - oder doch unbedingt gefallen möchte", so Laudenbach. "Dieses Schwanken zwischen sehr gut gemachtem Wohlfühltheater und kurzen Impulsen von Aggression oder Traurigkeit ist bedauerlich." Noch bedauerlicher sei "die verpasste Chance einer ehrlichen, also radikalen Inszenierung, die die Frage nach dem sozialen Ausschluss stellt – nach dem nicht erklärten, aber sehr effizienten Krieg der Reichen und der Bürokratie gegen die Deklassierten".

"Eine Art programmatischen Brückenschlag zwischen dem Zuckmayer'schen und dem heutigen Berlin" versuche die Inszenierung, "und zwar dankenswerterweise ohne das Stück einfach platterdings in die Gegenwart zu verpflanzen", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (23.12.2017). Es gehe "um verschiedene Zeitschichten und ihre strukturellen Verbindungslinien", was theoretisch ein reizvoller Ansatz sei, praktisch allerdings nur in Teilen funktioniere, stellenweise "allzu hölzern und aufgepropft" wirke. Aber "was man an diesem DT-Abend zweifelsohne zu sehen bekommt, ist ein Schauspielensemble in Höchstform", so Wahl. "Zwischendurch beschleicht einen tatsächlich das Gefühl, das Khuon-Haus sei willens, den Rosa-Luxemburg-Platz an der Schumannstraße wiederauferstehen zu lassen. (Was natürlich, auch dies zeigt der Abend, unmöglich ist.)"

"Wäh­rend die In­sze­nie­rung eher am­bi­ti­ons­los, der Abend – trotz ei­nes au­then­tisch her­un­ter­ge­kom­me­nen Mi­lan Pe­schel mit Le­der­ja­cke und Ho­sen­trä­ger – eher lang­at­mig ist", über­trägt sich für Simon Strauss von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.12.2017) doch et­was vom Ge­fühl der Be­dro­hung, "die ei­ne Stadt aus­strahlt, wenn sie die Ge­set­zes­vor­la­gen und Ka­pi­ta­l­er­lö­se wich­ti­ger nimmt als die Men­schen. Man be­kommt ei­ne Ah­nung da­von, was es be­deu­tet, sich 'als Fuß­mat­te' zu füh­len, über die al­le hin­weg­tram­peln. Was da­mals das Po­li­zei­re­vier war, ist heu­te das Job­cen­ter, die Me­cha­nis­men der Dis­tink­ti­on durch Wohn­raum, Klei­dung, Nah­rungs­mit­tel sind so bru­tal wie eh und je, und der Blick in die Zu­kunft ist für den De­klas­sier­ten gleich düs­ter ge­blie­ben."

 

 

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