Zehntausend für Einen

von Valentina Tepel

Frankfurt / Main, 5. Mai 2018. Was kommt heraus, wenn ein Spekulant mit sonnengelber Pilotenbrille, ein Hund mit einem schlaffen linken Lid und ein Investmentbanker nachts zu dritt auf der Euro-Skulptur am Frankfurter Willy-Brandt-Platz sitzen, gegenüber vom Schauspiel Frankfurt? Eine ziemlich gute Geschichte, die der Spekulant in Teresa Präauers Stück "Ein Hund namens Dollar" resümiert: Sie hocken dort, weil der Hund, genannt Dollar, hochgeklettert ist, um dann auch noch auf den Euro zu pinkeln!

Genazino kennt sich aus

Die Autorin und bildende Künstlerin (und ehemalige nachtkritik.de-Kolumnistin)  ist Teil der neuen monodramatischen Serie "Stimmen einer Stadt", die der neue Intendant Anselm Weber am Schauspiel Frankfurt in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Frankfurt ins Leben gerufen hat. Pro Spielzeit begeben sich drei Autor*innen auf eine Spurensuche durch die Großstadt Frankfurt, treffen Menschen, ergründen Einzelschicksale und spüren gesellschaftliche Themen auf, um sie dann in eine dramatische Form zu verwandeln. Präauer und zwei weitere Autor*innen beginnen die Serie in der Spielzeit 2017/18, Weber selbst hat inszeniert.

stimmen einer stadt dickicht der einzelheiten 1 560 felix gruenschlossMatthias Redlhammer in "Dickicht der Einzelheiten" © Felix Grünschloß

Wilhelm Genazinos Stück "Im Dickicht der Einzelheiten" macht den Anfang und beginnt groß. "Gibt es irgendwo ein Schrottplatz für vergammelte Individuen?", fragt Matthias Redlhammers schrulliger Schriftsteller und trommelt kokett mit bittersüßem Grinsen auf seine Blechtrommel. Genazinos Stück handelt vom modernen Menschen in der Großstadt, der Vielfalt, der Hetze, dem Lärm und auch einem gewissen Heimatgefühl. Man merkt, dass sich Genazino auskennt – der Büchner-Preisträger ist gebürtiger Frankfurter. Es ist (s)ein zu Teilen liebevoller und zugleich erbarmungslos ehrlicher Blick auf die kleinen Dinge des Tumults, der hässlichen, vergammelten, vergessenen, aber auch heiteren und eleganten Eigenheiten, die sich alle "direkt vor unserer Nase befinden". Denn während das Premierenpublikum in der Pause Sekt für 6 Euro schlürft, sitzen nebenan im Grüneburgpark die Obdachlosen.

Wütende Sinnsuche

Philipp Bußmanns Bühne ist ein heller, sparsam eingerichteter Bühnenkasten, der nach hinten kleiner wird, ein Tunnel des hektischen modernen Menschen, der nur geradeaus und nicht zur Seite blickt und somit die kleinen, beiläufigen Dinge, das "Dickicht der Einzelheiten" übersieht. Thomas Offerhoff untermalt Webers präzise Inszenierung im ersten Teil mit Kirchenglocken, Tierlärm, Sirenen und U-Bahn-Ansagen, eine Geräuschkulisse, die den Zuschauer direkt ins Herz von Frankfurts Innenstadt katapultiert, um den sprachlich so ambitionierten wie detaillierten Blick Genazinos akustisch zu erweitern.

stimmen einer stadt absturz 1 560 felix gruenschlossFriederike Becht in "Absturz" © Felix Grünschloß

Das Stück "Absturz" der jungen Romanautorin Olga Grjasnowa erzählt vom tragischen Einzelschicksal einer jungen Frau, Mitarbeiterin am Frankfurter Flughafen, die zur Betreuung Angehöriger einer abgestürzten Maschine abgestellt wird. Bei Friederike Becht ist sie eine junge, resignierte, einst vielleicht rebellische Frau. Stringent-klassisch konzipiert sind ihre Naivität und ihre wütende Sinnsuche. Das Schicksal der von Trauer überwältigten Menschen mischt sich mit ihrer eigenen Lebenssituation, einer verlorenen Liebe und dem Verlust ihres ungeborenen Kindes.

So oszilliert sie zwischen äußerer Ordnung und innerer Zerrissenheit, die sich in Bühne und Kostüm spiegeln: Während die Bühne Aktenordner, einen Laptop, Klamotten und andere Utensilien aneinanderreiht, kleidet sich Bechts junge Frau zeitweise unbeholfen an und um, legt Make-Up auf, schminkt sich ab – unentschlossen. Forciert wird dieser Eindruck durch Bußmanns Videoinstallation, die die junge Frau in der Vergangenheit zeigt: In seriöser Monotonie plappert sie sich durch ihre Arbeitsmoral, während Bechts junge Frau auf der Bühne zetert und klagt. Dennoch endet der zweite Teil der monodramatischen Serie mit einem romantisch-kitschigen Einvernehmen und viel Luft drumherum. "Und auch ich bin noch da" fährt in Dauerschleife über den Bildschirm, während die junge Frau übergroß auf den Vorhang projiziert wird und, wohl im Zug sitzend, an idyllischen Landschaften vorbeifährt.

Life is hard and so am I

Mit Teresa Präauers Stück "Ein Hund namens Dollar" endet der Abend dann aber eindrucksvoll. Felix Rechs trashig-humorvoll heruntergekommen wirkender Spekulant sitzt in allerfeinster Selbstironie auf seinem Eimer, nuckelt an seiner Fanta und erzählt von seinem ehemaligen Leben als Habenichts: Aus armem Hause hangelt er sich zum Seiltänzer, Glücksritter, Tagträumer, Schriftsteller, Werbetexter und Werbebroschürengestalter empor, legt sich einen hässlichen Hund (Dollar) zu und verbringt mit ihm einen Tag, bis er ihn gewinnbringend weiterverkauft: "Zehntausend für einen!" Der Text erinnert in seiner melodischen-reimenden Form an einen Poetry-Slam. Rechs gewiefter Spekulant mit Affinität zur Groteske ist eine Erscheinung, redet und redet und redet, denn "Life is hard and so am I." Dynamisch stürzt er sich in seine Geschichte, fuchtelt mit den Armen, schreitet elegant von Seite zu Seite, flirtet, grinst und spielt seine Ahnungslosigkeit frech aus. Doch die Wucht des Textes bleibt schonungslos erhalten. Wenn die Autorin im Programmheft behauptet "Ich bin eine absolute Anti-Inhaltistin", kann man das nur als Versuch deuten, sich allzu engen Interpretationen zu entziehen.

stimmen einer stadt ein hund namens dollar 1 560 felix gruenschloss gp 005Felix Rech in "Ein hund namens Dollar" © Felix Grünschloß

Denn Präauer, die mit "Ein Hund namens Dollar" ihr erstes Theaterstück geschrieben hat, eröffnet mit satirischen Elementen und zugleich fulminanter Ernsthaftigkeit souverän eine inhaltliche Spannbreite von kapitalistischen Strukturen, Lebensentwürfen, Reichtum und Scheitern, die Weber durch eine ausdrucksstarke Szenenarbeit ineinander montiert. Überhaupt lässt Webers Regie an diesem Triple-Abend viel Raum für die Texte. Viele Bilder muss sich der Zuschauer selbst erschaffen – die Spannung steckt im Stoff. Weber arbeitet subtil, mit viel Humor und hin und wieder etwas ermüdendem Pathos. Die Aufgabe, die zuweilen stark ironisierte Vielfalt der polychromen Geschichten am Puls der Großstadt in all ihrer Tiefe zu begreifen und zu erfahren, das Ein- und Ausgeschlossensein, die Identifikation oder Abkapselung, gibt Weber elegant an die Zuschauer weiter. Eine Aufgabe, der man sich an diesem Abend gerne stellt.

 

Stimmen einer Stadt
Uraufführung
Drei Monodramen von Wilhelm Genazino, Olga Grjasnowa und Teresa Präauer
Regie: Anselm Weber, Videoinstallation und Bühne: Philip Bußmann, Kostüme: Mareike Wehrmann, Musik: Thomas Osterhoff, Dramaturgie: Marion Tiedtke.
Mit: Matthias Redlhammer, Friederike Becht, Felix Rech.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, zwei Pausen

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Es handele sich um diese oft erprobten Bewusstseins-Miniaturen, die jeden Papierschnipsel, jede mürbe Melonenschale auf dem Asphalt, jeden dahergewehten Pizzakarton aphoristisch zugespitzen, so Michael Kluger in der Frankfurter Neuen Presse (8.5.2018) über Genazinos Text, mit dem er so seine Probleme hat: "Auch im Theater stellt sich dieser Schwebezustand zwischen matter Langeweile und geistesblitzartiger Erregung ein, den man wohl den Genazino-Zustand nennen muss." Insgesamt aber sei "Die Stimmen einer Stadt" ein "originelles, erquickliches Theater-Experiment. Intensität und Temperatur sind so schwankend und unbeständig wie die Welt zwischen Berkersheim, Nordend und Sachsenhausen. Aber das schönste Glück, das man in Frankfurt haben kann, ist, wie im Theater, eh die Vorfreude."

Drei Autoren, drei Figuren auf der Suche nach der Stadt, "allein das Eingangsstück des Büchnerpreisträgers Wilhelm Genazino, 'Im Dickicht der Einzelheiten', rechtfertigt die Entscheidung für diese Recherche nach authentischen Stimmen", so Cornelie Ueding auf DLF (7.5.2018). "Weniger nett das Mittelstück des Abends: 'Absturz' von Olga Grjasnowa." Den ironischen Rausschmeißer bilde das Stück der bekennenden Anti-Idealistin. Teresa Präauer. "Genau daran arbeiten sich alle drei Monodramen ab: am verzweifelten Bemühen der Menschen, in dieser Stadt dennoch ihr Glück zu machen, das große Geld zu machen, die große Liebe zu finden."

Zuweilen fragt man sich auch in Frankfurt, was ist das für eine Stadt. "In den ersten drei Spielzeiten unter Anselm Weber sollen jährlich je drei Monologe entstehen, in denen Autorinnen und Autoren die Stadt zu Wort kommen lassen", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (7.5.2018). In den Stücken gehts um einen alleinstehenden Streuner, den Flughafen, den leuchtenden Rieseneuro. "Na ja. Auf seine Weise ist 'Stimmen der Stadt' so weit ein ehrliches Projekt. In der nächsten Spielzeit geht es mit Martin Mosebach, Thomas Pletzinger und Antje Rávik Strubel weiter. Die Sache ist in der Tat noch nicht ausgereizt."

 

 
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