Wen Gott liebt, den züchtigt er

von Thomas Rothschild

St. Gallen, 26. Mai 2018. Die Bühne ist leer. Über ihr befindet sich eine zweite, nach hinten ragende Ebene, auf der größtenteils agiert wird. Weit und breit keine stille Straße im achten Bezirk und auch keine Wachau. Dort beginnt Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" und auch die Inszenierung in St. Gallen. Das bestimmt die Perspektive. Alfred, ein Typ, den man in Wien einen Strizzi, einen Hallodri oder auch ein Gigerl nennt oder vielmehr früher einmal genannt hat, wird eingeführt, ehe der Zuschauer die Menschen aus der "stillen Straße", unter ihnen Marianne und ihr Verlobter Oskar, kennenlernt.

Komödiantisch bis zur Groteske

Seit der legendären Basler Inszenierung von Hans Hollmann vor 44 Jahren ist es nicht mehr ungewöhnlich, Ödön von Horváths bekanntestes Stück zu entwienern und zugleich stilisiert, verfremdend zu spielen. Dass Horváths Sprache kein Dialekt, sondern eine Kunstsprache ist, gehört mittlerweile zum allgemeinen Kenntnisstand. Barbara-David Brüesch geht einen Schritt weiter und betont das Komödiantische bis zur Groteske – nicht nur dort, wo es, wie bei dem deutschnationalen Burschenschafter Erich schon bei Horváth angelegt. Nebenbei: es sind die Nachfahren dieses Erich, die jetzt unter der neuen österreichischen Regierung Auferstehung feiern.

Brüesch lässt die Darsteller teils charakterisierende, teils von der Figur sich lösende Gesten ausführen. So kennzeichnen schlenkernde Arme und ausschweifende Bewegungen den großsprecherischen Alfred (Fabian Müller), ein Stock und eine gebückte Haltung seine Großmutter (Birgit Bücker). Erich (Kay Kysela) hebt in einem fort die Hand zum Hitler-Gruß und die Großmutter summt, nicht ganz logisch, dazu das Horst-Wessel-Lied. Die Trafikantin Valerie (Diana Dengler) wiederholt die Geste des Rauchens – ohne Zigarette. Der Rittmeister (HansJürg Müller) wiederum fuchtelt unkoordiniert in der Luft herum. Aber nicht die Psychologie, auch nicht die Typisierung bestimmt hier die Körpersprache, sondern die Choreographie.

wienerwald 0240 560 toni suter tt fotografie uTotentanz-Choreographie: "Geschichten aus dem Wienerwald" in St. Gallen
© Toni Suter / T+T Fotografie

Mehrfach tritt das Ensemble von hinten in ebenfalls choreographierter Formation auf, um am vorderen Rand der beiden Bühnenebenen frontal zum Publikum zu sprechen. Als weiteres Irritationsmoment kommt eine Ballerina im Tutu dazu, ein visuelles Pendant zur leitmotivischen Verwendung von Walzermusik, der sich ja auch der Titel des "Volksstücks" verdankt. Horváth hat einem weiteren Stück, "Glaube Liebe Hoffnung", die Gattungsbezeichnung "Totentanz" verliehen. Es scheint, dass diese Benennung Barbara-David Brüesch auch bei den "Geschichten aus dem Wiener Wald" angeregt hat.

Unter patriotischen Wienern

Durchaus im Sinne Horváths spickt die Regisseurin die Aufführung mit Liedern. Die patriotischen Wiener unter der Leitung des Rittmeisters singen die Haydn-Hymne mit dem monarchistischen Text, während Erich mit "Deutschland, Deutschland über alles“ einstimmt. Ob es ein guter Einfall war, die misanthropische wienerische Version der "Ode an die Freude" von Kurt Sowinetz einzfügen, sei dahingestellt. Wie viele St. Galler wissen wohl, was eine "Packlrass" ist?

wienerwald 0514 560 toni suter tt fotografie uAnna Blumer als Marianne, Fabian Müller als Alfred © Toni Suter / T+T Fotografie

Die Entscheidung für die Stilisierung kostet freilich ihren Preis. Diana Dengler gibt zwar eine beachtenswerte Schau ab, aber die Figur, die sie entwirft, hat wenig mit Horváths Valerie zu tun. Das ist schade, denn in ihr hat Horváth die Tragödie einer alternden Frau gestaltet, die sich Liebe kaufen oder darauf verzichten muss. Anders aber als die aristokratische Marschallin in Hofmannsthals "Rosenkavalier" oder als Irene Herms aus Schnitzlers "Der einsame Weg", die dem großbürgerlichen Künstlermilieu angehört, ist Valerie eine fast plebejische Kleinbürgerin, der Ödön von Horváth als Nebenfigur eine nach wie vor berührende Charakterstudie hat angedeihen lassen. Dass die Regie diese Studie nicht entfaltet, muss als Verlust gewertet werden.

Oskar im Anzug

Wenn Marianne, die eine kesse Baronin als Nackttänzerin in einem Etablissement engagiert hat, von ihrem Vater entdeckt wird, schlägt die Inszenierung doch noch ins Realistische um. Für die Groteske ist da kein Platz mehr. "Ihr sollt mich nicht mehr schlagen", brüllt die gedemütigte Marianne. Die Bühne senkt sich, Marianne stürzt ab. Gegen Ende zu verdichtet sich das Spiel. Es mündet in Oskars berühmten Satz: "Ich hab dir mal gesagt, Mariann, du wirst meiner Liebe nicht entgehn –"

Oskar übrigens ist in St. Gallen nicht der übliche fette Metzger mit blutiger Schürze, sondern ein Angestellter im blauen Anzug und mit Krawatte, ein Mensch wie du und ich. Ehe das eigentliche Stück beginnt, spricht das Ensemble im Chor das Motto, das Ödön von Horváth ihm vorangestellt hat: "Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit." Wie wahr.

Geschichten aus dem Wiener Wald
von Ödön von Horváth
Regie: Barbara-David Brüesch, Bühne: Claudia Rohner, Kostüm: Heidi Walter, Licht: Andreas Enzler, Musik: Christian Müller, Choreographie: Zenta Haerter, Dramaturgie: Armin Breidenbach. Mit: Anna Blumer, Fabian Müller, Matthias Albold, Diana Dengler, Marcus Schäfer, HansJürg Müller, Nils Torpus, Anja Tobler, Birgit Bücker, Kay Kysela, Oliver Losehand, Miki Alves de Oliveira.
Dauer: 2 Stunde 45 Minuten, eine Pause

www.theatersg.ch/de/

 

Kritikenrundschau

Julia Nehmiz schreibt im St. Galler Tagblatt (online 28.5.2018, 9:57 Uhr): Die Inszenierung von Barbara-David Brüesch entfalte ihre Kraft im zweiten Teil. In den beiden ersten Akten bleibe "das Bühnengeschehen fremd", die Figuren wirkten trotz starker "schauspielerischer Leistungen" wie "Abziehbilder" und müssten "viele Gags abliefern". Doch im dritten Akt knalle die Stille "mehrfach wuchtig in die Szene". Die Figuren verließen ihre Stereotype, dürften "Gefühle verhandeln und zeigen". So würde "aus der Groteske eine schmerzhafte, berührende Tragödie".

 

 
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