Rezahaftes in Nazi-Kulisse

von Georg Kasch

Nürnberg, 1. Juli 2008. Schöner hätte sich das auch Theresia Walser nicht denken können: Die drei Schauspieler aus ihrer Komödie "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm", die Hitler oder Goebbels gespielt haben, warten auf den Beginn ihrer Talkshow, und das vor einer schäbigen Kulisse, die in einem Gebäude steht, das selbst wiederum Kulisse war für die größten Inszenierungen im nationalsozialistischen Deutschland: den Reichsparteitagen in Nürnberg.

Das Schauspielhaus des Staatstheaters wird renoviert, weshalb die Truppe um Klaus Kusenberg in einen Flügel jener monumentalen, nie vollendeten Kongresshalle Albert Speers ausweicht, die noch heute wie eine Kopie des römischen Kolosseums das Parteitagsgelände überragt.

Pflichtschuldiges Holzhämmerchen
Zum Einzug vor gut zwei Wochen servierte das Schauspiel pflichtschuldigst Bert Brechts Gangsterparabel "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" mit dem Holzhämmerchen: Zum wabernden Wagner-Sound wandelte sich die Inszenierung von Schauspielchef Klaus Kusenberg von der grotesken Revue zum Schlüssel-Drama, bis am Ende Ui mit Bärtchen und seine Konsorten in braunen Uniformen erscheinen. Zwischen ihnen irrt blutverschmiert eine Frau umher, die dem Publikum zuruft: "Stoppt keiner diese Pest?" Da hätte der Epilog auch ungestrichen bleiben können: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch..."

Für die Teufelsaustreibung wird das Schauspiel in der kommenden Spielzeit mit dem Motto "Schuld" den ganz großen Besen nehmen. Zuvor aber präsentiert es Theresia Walsers für die Spielzeiteröffnung des Nationaltheaters Mannheim 2006 geschriebenes und wegen des großen Erfolges nachträglich um einige Passagen gelängtes Satyrspiel.

Die Kongresshalle ist ein gespenstisch-trefflicher Ort, um die Frage zu erörtern, wer denn eigentlich der beste Hitler gewesen sei: Der selbstzufriedene Großschauspieler Franz Prächtel, der für seine Parkinson-Studien ins Krankenhaus ging, um Hitler menschlich zu spielen? Oder Peter Sösl, ein wendehälsischer Intrigant: "Ich habe bei jedem Bissen die Vernichtung mitgespielt!" Oder der junge, um Ausgleich bemühte Goebbels-Kollege Ulli Lerche, der sich fragt, "ob man überhaupt Geld damit verdienen darf, wenn man als Deutscher einen Nazi spielt... ."

Drei Männer, Kunst, Komödie? Das Rezept klingt bekannt: Yasmina Reza hat mit dieser Melange ihren phänomenalen Erfolg begründet und nebenbei das Genre Konversationskomödie wieder staatstheatertauglich gemacht. Auch bei Walser geht es um menschlich-allzumenschliche Banalitäten und das Sinnieren über (dramatische) Kunst ohne Sicherheitsgurt; auch hier haben die Konservativen die besten Suaden, und die Lacher sind perfekt platziert.

Mordsgaudi mit Unbehagen
Aber Walser provoziert bei allem Mordsgaudi über die eitlen Mimen da vorne ein Unbehagen, weil jede Bernhardsche Tirade auf das Regietheater auch von einem Hitler gesprochen wird und sie mit dem Darstellungsvergleich eines Hitlers und eines KZ-Opfers ein Minenfeld der Erinnerungskultur beschreitet. Und über wen hat man jetzt eigentlich gelacht: die selbstverliebten Schauspieler? die Nazis? das Theater?

Regisseur Alexander May, der noch im (nun wie das Schauspielhaus geschlossenen) Malsaal eine kluge, anrührende "Die fetten Jahre sind vorbei"-Adaption auf Galerien, in Videoprojektionen und zwischen Absperrbändern inszenierte, setzt seine Schauspieler behutsam auf die Komödien-Spur und lässt sie präzise schnurren. Dass Franz Prächtel eine Bruno-Ganz-Karikatur und der erwähnte Regisseur Dieter Fels ein kaum verschleiertes Peter-Stein-Äquivalent sind, ergibt sich zum Beispiel bei Walser deutlich genug und braucht keiner weiteren Illustrierung.

Für die Abgründe der Figuren findet May andeutende Gesten im Eifer des Gefechts: hier ein zu hoch angewinkelter Arm, da ein leichtes Schnarren in der Stimme, dort zwei wie zufällig platzierte Finger unter der Nase, die harmonisch in Prächtels ausladende Heldengesten, Sösts Genervtheitsgebärden und Lerchs Hibbeligkeit eingefügt sind. Heimo Essl, Pius Maria Cüppers und Jan Ole Sroka sind ein gut geöltes Team, das die Pointen zuweilen hinreißend beiläufig servieren kann. Und der wackelnde Tisch, der alle drei immer wieder zur Weißglut bringt, ist zwar wie die ganze Bühne von Harald Stieger (Sperrholzwand, weiße Metallstühle, roter Teppichboden) ausnehmend hässlich, kippelt aber hervorragend.

Doch mit dem doppelbödigen Spaß ist es nun wieder vorbei. An diesem Wochenende rücken die Experten an, um beim vom Staatstheater und den Theaterwissenschaftlern der Uni Erlangen erdachten "SchattenOrt"-Symposium  die Gedenkkultur unter die Lupe zu nehmen. Ganz im Ernst.

Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm
von Theresia Walser
Regie: Alexander May, Bühne: Harald Stieger, Kostüme: Monika Staykova.
Mit: Heimo Essl, Pius Maria Cüppers und Jan Ole Sroka.

www.staatstheater-nuernberg.de

 

Kritikenrundschau

In den Nürnberger Nachrichten (3.7.2008) fragt Wolf Ebersberger: "Warum soll man im alten Nazi-Gemäuer nicht auch mal nett lachen dürfen?" Wenn Brechts Spott schon nicht mehr beiße, "dann kann man sich doch wenigstens von einem Thomas Bernhard, äh, einer Theresia Walser amüsieren lassen." Das Publikum habe das bei der Premiere getan. Rhetorisch werde einiges aufgeboten. "Zwei erfolgreiche Schauspieler haben beide schon Adolf Hitler verkörpert. Eine Erfahrung, über die sie nun in einer Talkshow berichten sollen. Ein dritter, jüngerer, ist auch geladen; bei dem hat es jedoch – jeder fängt mal klein an – bislang nur zu Goebbels gereicht." Aber schon vor dem Auftritt geraten die Akteure aneinander. Jungregisseur Alexander May habe mit Heimo Essl, Pius Maria Cüppers und Jan Ole Sroka ein bewährtes Trio parat, das er, zwischen Stühlen und einem pflichtschuldig wackelnden Tisch, brav zeichnen darf. Der Abend habe Witz "– und ist selbst einer: als wohlfeile Rache des Boulevards am Bildertheater, als Triumph der launigen Konversation übers Konzept."

Dieter Stoll schreibt in der Abendzeitung (3.7.2008), dass man sich auch bei der zweiten Premiere im Hilfsquartier an der Kongresshalle auf die Ton-Kunst am Bau verlasse. "Von Charlie Chaplin bis Bruno Ganz reicht die hörspielerische Travestie-Collage, denn schließlich soll im anschließend abgehandelten TV-Talk geklärt werden, ob und wie 'echt' ein dramatischer Darsteller diesen Herrn Hitler spielen darf." Das Stück, von Theresia Walser als flotter Sketch entworfen, sei schon halb vorbei, als es "sich ruckartig von Thomas Bernhards Nachlass löst". Die Schauspieler spielen "volldampfkomödiantisch" und "durchaus wirkungssicher mit dem schmalen Scherz", den "Regisseur Alexander May bei seiner angekündigten Suche nach unkonventionellen Aufführungsorten direkt in die Theaterkantine versetzen sollte. Der Text könnte dort, wo sich Künstler im Leerlauf spreizen, womöglich authentisch erblühen." - So das etwas kryptische Fazit des Rezensenten.

 
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