Bloody Winds of Change

von Sabine Leucht

München, 25. Oktober 2018. Die sechs Windmaschinen an den Flanken der nachtschwarzen Bühne haben viel zu tun. Sie verwirbeln aufs Malerischste Papierfetzen und blasen den rot gefärbten Rauch der Feuer herein, mit denen die anarchistische Revolution gegen die lau gewordene Vorstellung von Gott einheizt. Und manchmal stellen sich die Schauspieler auch einfach nur in den Wind, damit ihre Haare ordentlich flattern.

Einfach einwickeln

"Il faut confronter les idées vagues avec des images claires": Dieses Zitat von Jean-Luc Godard stellt Regisseur Felix Hafner seiner Textbearbeitung von Dostojewskijs "Die Dämonen" voran. "Die vagen Ideen" leiht er sich dabei vom Personal des 800-Seiten-Romans, der 1871/72 und damit ein halbes Jahrhundert vor der großen Revolution den Abfall vom christlichen Glauben und den aufkommenden Liberalismus als Wurzeln allen Übels brandmarkte und die despotischen Komponenten des Sozialismus Stalinscher Prägung voraussah.

"Die klaren Bilder" komponiert Hafner aus Gruppenchoreografien in Slow Motion, von denen ein Teil die titelgebenden "Dämonen“, die in Swetlana Geiers schlank-eleganter Neuübersetzung von 1999 "Böse Geister" heißen, allzu wörtlich nehmen. Um sie herum lässt der 1992 in der Steiermark geborene Nestroy-Nachwuchspreisträger bis zu neun riesige Flaggen gleichzeitig wehen, deren seidig schimmerndes Schwarz zuletzt auch die zahlreichen Leichen verhüllt. Das spart Munition, Tricks und weitere szenische Umstände: Einfach einwickeln und das nächste Bauernopfer oder der nächste Selbstmörder ist tot.

Daemonen2 560 Gabriela Neeb u Im Rausch der Windmaschine: Jonathan Müller © Gabriela Neeb

Wenn Hafners zweite Inszenierung im Münchner Volkstheater beginnt, ist praktisch gleich alles auf der Bühne, was in den "Dämonen" einen Namen und eine von vielen Meinungen hat: über "die große Idee", die unverbrüchliche Einheit von Nation und einzig wahrer Religion oder die Überlegenheit der Kunst gegenüber der Wissenschaft. Je ideologischer, desto besser!

Nihilimsus im Provinznest

In dem russischen Provinznest, in das der gerüchteumwobene Nikolaj Stawrogin und der nihilistische Aufrührer Pjotr Werchowenskij zurückkommen, schwelt es schon und brennt es bald. Auch wenn man nicht recht mitbekommt, wie Pjotr die Unzufriedenen in terroristischen "Fünferkomitees" unbekannter Zahl organisiert und sich hier überhaupt selten eines aus dem anderen entwickelt. Hafner zerreißt das Buch und collagiert die Teile – und während er nach der Pause noch viele Plot-Stückchen nachliefert und einen Gutteil der plötzlich fast hysterischen Action, hatte man es zuvor weniger mit Figuren als mit Thesenträgern zu tun, die sich alle an Stawrogin klammern.

Diese für Thomas Mann "anziehendste Gestalt der Weltliteratur" ist bei Silas Breiding ein schöner Galan zwischen ätherischem Elb und kühl temperiertem Vampir, der intim-verhalten in sein Mikroport spricht und alle animiert, ihre geheimen Wünsche und Phantasien auf ihn zu projizieren. Er soll sie ausleben. Das wird hier überdeutlich: "Ich habe Sie mir ausgedacht, sobald ich Sie sah", sagt Pola Jane O'Mara, die den Pjotr spielt.

Warum der Obernihilist ebenso wie das Opferlamm Kirillow, dem man bei Mara Widmann jede Vertrauenseruption ansieht und glaubt, von Frauen gespielt werden, bleibt ebenso ein Rätsel wie die Übernahme zweier eher kleiner Rollen durch einen ganzen, übermäßig viel Aufmerksamkeit bindenden Chor. Beides mag eher besetzungsökonomische oder Gendergerechtigkeits- als dramaturgische Gründe haben, die richtige Antwort ist aber wohl: Warum nicht?

Daemonen3 560 Gabriela Neeb uVon Geistern umfangen: Silas Breiding als Verführer Stawrogin © Gabriela Neeb

Denn dass kaum etwas zwingend ist, ist hier Inszenierungsprinzip. Hafner lässt politische und theologische Dispute verwackeln und dialogisch entwickelte Argumentationsketten weitgehend sausen. Sein Thema ist die Imaginationskraft und Verführbarkeit des Menschen. Der Titel von Arthur Schopenhauers philosophischem Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung" wird als eine Art Losung der Geheimkomitees oder auch einfach so immer wieder gerufen. Wahr ist, was ich will und glaube! Willkommen in der Welt des Theaters, der Demagogen und von Fake news und Co.!

Berauscht an Gemeinheit

Zu dieser Setzung passt, dass selbst der anfangs so seltsam passive Stawrogin die späte Beichte seiner ungeheuren Intrigen, mit denen er sehenden Auges ein zwölfjähriges Mädchen in den Selbstmord trieb, nur um "den Rausch des quälenden Bewusstseins meiner Gemeinheit" zu genießen, in den Mantel einer Halluzination hüllt.

Mit diesem und anderen Opfern einer "neuen furchtbaren Freiheit" ohne wirklich vertretbare Gesellschaftsentwürfe protokolliert der dreistündige Abend unverkennbar Befindlichkeiten von heute, wie die einzig ältere Figur – der von Jörg Lichtenstein gespielte Stepan Werchowenskij – in einer launigen Impro-Einlage bekennt. "Schon blöd, wenn man als einziger älterer Darsteller engagiert ist!" Viel Neues aber erfährt man über die Nöte der heute Jungen nicht. Und das Wenige geht auf Kosten einiger Abgründe, in die einen die Lektüre von Dostojewskijs Romanen noch immer zuverlässig stürzt.

 

Die Dämonen
von Fjodor M. Dostojewskij
in der Übersetzung "Böse Geister" von Swetlana Geier
Regie: Felix Hafner, Bühne: Stefanie Grau, Kostüme: Slavna Martinovic, Musik: Clemens Wenger, Choreographie: Dunja Jocic, Dramaturgie: Rose Reiter.
Mit: Silas Breiding, Pola Jane O'Mara, Jakob Immervoll, Mara Widmann, Jonathan Hutter, Jonathan Müller, Harry Schäfer, Carolin Knab, Jörg Lichtenstein. 
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

 

Kritikenrundschau

Einen "Kampf der Ideen" setze Hafner mit seinem vornehmlich jungen Ensemble in Szene, schreibt Michael Stadler in der Münchener Abendzeitung (26.10.2018). Dieser Ideen-Kampf entspreche einem Problem jeder Revolution: "Dass die einzelnen Teile einer Gruppe viel mehr sind als das Ganze und jeder seine eigene Idee hat, so dass alle kaum an einem Strang ziehen können." Die schwarzen Fahnen, symbolkräftig als "Ausrufezeichen des Anarchismus", stünden "auch für einen Mangel an programmatischer Klarheit", für Farblosigkeit, so Stadler: Gewünscht hätte er Hafners Inszenierung mehr von dem "Witz und Freiheitssinn", den die Szene mit Jörg Lichtenstein als Werchowenskijs Vater gegen Ende zeige. Zwar durchbreche Hafner lange Diskursstrecken mit Gruppenchoreografien und sein Ensemble spiele "mit eiserner Überzeugungskraft", so Stadler. "Aber im dreistündigen Sturm der russischen Ansichtssachen pfeift allzu wenig frischer Luftstrom ins Heute und das Interesse bräuchte mehr Spiel, um nicht zu verwehen."

Hafner inszeniere den Roman als "Kollision von Ideen. Und die gehen im Raum spazieren", bemerkt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (26.10.2018). Ziemlich leer sei dieser Raum, "links drei große Windmaschinen, rechts drei, an der Rampe fünf kleinere (Laurent Chétouane hat mal was ähnliches an den Kammerspielen gemacht), in der Mitte große, tolle schwarze Fahnen, die herumgetragen und umgestellt werden". Dazu dramatisches Licht, aufwändig produzierte Musik und "einiges an Effektvollem mehr", so Tholl. "In dieses Wind- und Klanggetose werfen die neun Darsteller mit Verve ihre Worte." Aufgrund der Mikroports gewännen diese allerdings ein "Aroma hysterischer Dringlichkeit", ohne dass die Meinungen einzelner Figuren (mit Ausnahme von Jörg Lichtensteins Werchowenski) erkennbar würden. Felix Hafner, Jahrgang 1992, habe "noch viel Spielraum zur eigenen Weiterbildung", schreibt Tholl. "Was er aber auch hat, ist der Mut und die Bildfantasie, so einen Stoff überhaupt auf die Bühne zu wuchten." Weshalb er dies inhaltlich tue, bleibe letztlich jedoch ein Rätsel.

Leider komme der Abend nicht recht von der Stelle. "Hafner inszeniert den Roman als großes Parolen-Palaver, bei dem einiges proklamiert wird, aber wenig passiert, was einen über die dreistündige Aufführungsdauer in den Bann ziehen würde", so Christoph Leibold im Bayerischen Rundfunk (26.10.2018). "Dass die Revolution hier manchmal auch laut ist, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie ein laues Lüftchen bleibt."

 

Kommentar schreiben