Das fantastische Füllhorn des Lebens

von Eva Maria Klinger

Salzburg, 1. August 2008. Von der Welle der Begeisterung, die die belgische Needcompany auf ihren Tourneen begleitet, wurde auch das Publikum der Salzburger Festspiele mitgerissen. Fast schien Jan Lauwers, der 51jährige Chef der einzigartigen Truppe, vom tobenden Schlussapplaus überrascht, als hätte er solch überbordenden Jubel gerade in Salzburg nicht erwartet. Immerhin hatte das Publikum auf der Perner-Insel sechs Stunden auf Marterstühlen verbracht, in denen man nicht einmal eine Stunde schmerzfrei sitzt. Jedes Glück muss erlitten werden. Und welches Glück bereiten die vielseitigen Künstler mit ihrer Spielfreude und ihrer Intensität!

Im gleichen Ryhthmus geatmet
Die Needcompany ist ein Elementarereignis. Mit der Leidenschaft von Straßenkünstlern stürzen sie sich in Tanz, Gesang, Musik, und erfüllen dabei höchsten Kunstanspruch. Ihr körperhaftes, wildes Spiel, ihr schonungsloser Einsatz, ihre sprachliche Perfektion und ihr handwerkliches Können sind unvergleichlich. Durch mehr als 200 Tourneetage im Jahr zusammengeschweißt, atmet die Needcompany im gleichen Rhythmus, arbeitet an Kostümen, Choreographie, Musik kreativ mit.

Die von Jan Lauwers erdachten fantasievollen, vieldeutigen, auch absurden Geschichten zwischen Fiktion und Realität werden vom Ensemble weitergedacht, verströmen Poesie, Weisheit, Emotion, und kommen ohne technischen Bühnenzauber aus - dieses Tourneetheater lebt von der Strahlkraft der Akteure. Die Ausstattung besteht meist nur aus Requisiten, hat manchmal etwas Skulpturales. Schließlich war Jan Lauwers bildender Kunstler, ehe er 1979 die erste Performance-Gruppe und 1986 die Needcompany gründete.

Stark wie der Tod ist das Leben

Wenn in "Hirschhaus" mehrere Dutzend weißer Hirschkörper aus weichem Kunststoff vom Dach fallen oder über die riesige Bühne gezerrt werden, macht es zwar Effekt, aber das Ziel heißt Gesamtkunstwerk. Was die Geschichten im Detail erzählen, ist fast Nebensache. Das immerwährende Thema der Needcompany ist das Leben, die Liebe, der Tod, und die Suche nach dem Glück. Die großen Fragen zielen nach der Wahrheit und dem richtigen Leben.

In Abwandlung des diesjährigen Festspielmottos könnte über der Trilogie "Stark wie der Tod ist das Leben" stehen. Denn in jedem Stück weilen die Toten weiterhin unter den Lebenden. Die drei Teile "Isabellas Zimmer" (2004), "Lobstershop" (2006) und "Hirschhaus" (Uraufführung in Salzburg 2008) sind Solitäre und für die Festspiele unter dem Titel "Sad Face/Happy Face", Drei Geschichten über das Wesen des Menschen, gebündelt.

Verwoben mit den Ereignissen des Jahrhunderts

Ausgangspunkt für "Isabellas Zimmer" war das Tagebuch von Jan Lauwers Vater, dessen Lebenszeit nahezu das gesamte 20. Jahrhundert umfasste. Seine hinterlassene Sammlung afrikanischer Kunst, Zeugnisse des Kolonialismus, steht in Isabellas Zimmer in Paris. Als alte, blinde Frau blickt sie auf ihr Leben zurück. Ein weggelegtes Kind, das erst nach dem Tod des Ziehvaters erfährt, dass er der richtige Vater war. Diese Täuschung erweckt die Frage nach Lüge und Wahrheit, die sich Isabella öfter in ihrem Leben stellt. Verwoben mit den politischen Ereignissen des Jahrhunderts sind ihre drei Lieben und die, letztlich ungestillte, Sehnsucht nach Afrika.

Die wunderbare Viviane De Muynck, auf Bleistiftabsätzen ihren quellenden Körper mit Grazie balancierend, erzählt in "Isabellas Zimmer" vom Leben, Lieben und Leiden dieser Frau und küsst als 70jährige inbrünstig einen Jüngling, ihren Enkel. 180mal wurde die hinreißende Text-Tanz- Musik-Komposition weltweit aufgeführt. Während ein Darsteller erzählt, singt ein anderer leise, spielt ein dritter ein Instrument, die übrigen Spieler tanzen oder unterstützen pantomimisch die Handlung. "Lobstershop" erzählt von der Trauer eines Elternpaares über ihr tödlich verunglücktes Kind, ihren Albträumen zwischen Wahn und Wirklichkeit.

Niemals Stillstand

"Lobstershop" ist auch eine Reflexion über Identität, denn der Vater ist Professor für Genetik und hat einigen Erfolg mit Klonen. (Ein Hummer spielt natürlich auch eine Rolle.) Der Impuls zu "Das Hirschhaus" kam mit der Nachricht vom Tod des Bruders der Tänzerin Tijen Lawton. Er war Kriegsfotograf im Kosovo. Seine letzten Fotos und Aufzeichnungen führen zu einem Hirschhaus in den Bergen, wo eine merkwürdige Familie Hirsche für fernöstliche Kunden züchtet.

Wieder fasziniert der Wechsel zwischen Epik und Dramatik, jeder Satz, jedes Bild entzündet die Phantasie des Zuschauers. Die Dreifach-Packung ist zweifellos eine Überforderung. In Einzelportionen verabreicht, ist jedes Stück eine perfekte Performance, der man aufmerksam in alle Verästelungen folgen kann. Wo immer Jan Lauwers "Needcompany" gastiert, hingehen!

 

Sad Face / Happy Face
(Drei Geschichten über das Wesen des Menschen: Isabellas Zimmer, Der Lobstershop, Das Hirschhaus – Gegenwart)
Text, Regie und Bühnenbild: Jan Lauwers, Musik: Hans Petter Dahl und Maarten Seghers, Kostüme: Lot Lemm. Mit: Grace Ellen Barkey, Anneke Bonnema, Hans Petter Dahl, Viviane De Muynck, Misha Downey, Julien Faure, Yumiko Funaya, Benoît Gob, Tijen Lawton, Maarten Seghers und Inge Van Bruystegem.

www.salzburgerfestspiele.at
www.needcompany.org

 

Mehr über Jan Lauwers & Needcompany: Deconstruction 07 gastierte im Oktober 2007 beim Spielart-Festival in München.

 
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