Rassismus an der Wurzel packen

von Valeria Heintges

Zürich, 4. April 2019. Am Anfang ist alles anders, als man denken könnte. Nie habe sie einen so herzlichen Empfang erlebt, haucht Dagna Litzenberger Vinet ins Mikrofon. Dabei schweigt das Publikum, von Begeisterung keine Spur. Und wie sieht sie überhaupt aus, diese Frau? Gelbsamtener Einteiler am Körper und auf dem Kopf ein Federstrauß, wie man ihn aus dem brasilianischen Karneval kennt. Der oberste Befehlshaber des Generals der Revolutionsarmee sei sie, sagt sie. Und benimmt sich doch wie ein Popstar oder Prediger – wobei das ja auch mal zusammenfallen kann. Ein anderer trägt einen glitzernd-klackernden Latz aus Strassketten. Und ein wirklich großer Mann hat das Gesicht weiß geschminkt und am Leib ein fließendes rotes Paillettenkleid.

Verlobung 1702 560 TanjaDorendorf uVerlobungsgesellschaft: Dominic Hartmann, Dagna Litzenberger Vinet, Kenda Hmeidan, Falilou Seck, Maryam Abu Khaled © Tanja Dorendorf

Einen "Widerspruch" nennt Necati Öziri seine Überschreibung von Heinrich von Kleists Erzählung "Die Verlobung in St. Domingo", die jetzt als Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater Berlin in der Regie von Sebastian Nübling im Zürcher Schiffbau zu sehen ist. Nübling spielt zu Beginn mit den Erwartungen; Geschlecht, Hautfarbe, Sprache – nichts ist, wie es scheint, und mit Englisch, Französisch und Deutsch ist das koloniale Sprachengewirr auf Haiti komplett (nein, Spanisch fehlt). Aber was nützen Schubladen, was Einteilungen wie Hautfarbe und Herkunft? Nichts, sagt das Inszenierungsteam. Mehr noch, sagt Öziri überdeutlich: Diese Einteilung hat nur Gewalt auf die Welt gebracht und ein Morden, das schlimmer war als das Terrorregime der Französischen Revolution, das weder die Sklaverei beendet noch das Töten gestoppt hat.

Offene Türen

Kurz nach der Französischen Revolution siedelt Kleist seine Erzählung an, die sich heute höchst befremdlich liest, so selbstverständlich wie da von "Negern" und "Rasse" geredet und die Überlegenheit der Weißen als gottgegeben hingenommen wird. Literaturkritiker zeigen in langen Aufsätzen, dass die Sache differenzierter ist. Aber dennoch: Die vertrackt-verlogene Liebesgeschichte zwischen Gustav, dem Schweizer in französischen Diensten, und Toni, Tochter eines weißen Franzosen und der schwarzen Babikan (Maryam Abu Khaled), die in zweiter Ehe mit eben jenem obersten General der Revolutionsarmee verheiratet ist, die reizt zum lauten, entschiedenen Widerspruch. Es ist auch bei Kleist kaum glaubhaft, dass Toni (Kenda Hmeidan) den Mann, den sie ins Haus lockt, um ihn zu töten, plötzlich so sehr liebt, dass sie ihm das eigene Leben opfert.

Doch dieser Widerspruch ist heute Common Sense, daher rennt Necati Öziri mit seinem Werk Türen ein, die längst himmelweit offenstehen. Darum erstaunt der Schaum vor dem Mund, mit dem er sich gegen Rassismus und Sklaverei wendet. Allzu moralinsauer geraten dabei seine Monologe und seine Personenzeichnung allzu grob; die schöne Doppelbödigkeit des Anfangs macht bald großer Eindeutigkeit Platz.

Kein Ausweg aus der Gewaltspirale

Sebastian Nübling schafft es trotzdem über weite Strecken, diesen Text-gegen-den-Text so auf die Bühne zu bringen, dass der Abend überrascht. Gekonnt spielt Nübling mit dem Rhythmus, wenn etwa zu Beginn die Schauspieler zwischen lauter Agitation und noch lauterer Betonung wechseln – und dann plötzlich Dominic Hartmann die Foltermethoden der weißen Herren in pseudo-niedlichem Schweizerdeutsch stoisch daherspricht, dass einem Schauer über den Rücken laufen, zumal Hartmann jeden Satz mit einem lapidar-nichtssagenden "sorry" enden lässt. Auch die stark rhythmisierende Musik von Lars Wittershagen strukturiert den Abend, ebenso die Zuckerfieber-Passagen, in denen Falilou Seck als ehemaliger Sklave seine Leidensgeschichte auf den Plantagen skandiert, die jedes Mal in "Zucker und Zucker und Zucker" gipfelt. Nur folgerichtig, dass die Gesellschaft nicht zum Kaffeetrinken zusammenkommt, sondern sich an Zucker ergötzt, den Seck ihnen formvollendet in ihre Tässchen schüttet.

Verlobung 2471 560 TanjaDorendorf uWunderbar verschrobenes Schlussbild: Falilou Seck und Ensemble © Tanja Dorendorf

Dazu zaubert Nübling einen Pseudo-Konzert-Beitrag aus seinem Regie-Wunderkasten, lässt "vorwärtsspulen" oder in Slow-Motion verharren und gibt auch sonst seinen Akteuren – hervorstechend Maryam Abu Khaled und Kenda Hmeidan, beide ehemals aus dem Exil Ensemble des Maxim Gorki Theaters – viel Platz für schnelles, genaues, energiegeladenes Spiel. Die Kleist'schen Puzzleteile spielen die Schauspieler als Schattenspiel hinter einer Leinwand (Bühne: Muriel Gerstner); die Kleider der Damen mit Rüschen und Spitzen und die Uniformjacken der Herren von Pascale Martin versetzen das Geschehen scheinbar weit in die Vergangenheit zurück.

Bestechend die Öziri-Idee, dass Toni versucht, die Geschichte so zu erzählen, dass keine Leichen zu betrauern sind. Immer wieder lässt sie die Szene von Neuem beginnen, doch es gelingt ihr nicht, einen Ausweg aus der Gewaltspirale zu finden. Schade, dass diese heute doch viel spannendere Frage nach dem Ausstieg aus Gewalt letztlich doch nur eine Nebenrolle spielt. Das wunderbar verspielt-verschrobene Bild fast am Schluss bleibt zum Glück auch als Erinnerung zurück: Fünf im Dunkeln leuchtende Gesichter verkünden kichernd eine visionäre Verfassung für die Insel, die alle zu Schwarzen erklärt. Egal, welche Hautfarbe sie haben.

Die Verlobung in St. Domingo – Ein Widerspruch
von Necati Öziri gegen Heinrich von Kleist
Regie: Sebastian Nübling, Bühne: Muriel Gerstner, Kostüme: Pascale Martin, Musik: Lars Wittershagen, Live-Kamera: Robin Nidecker.
Mit: Maryam Abu Khaled, Dominic Hartmann, Kenda Hmeidan, Dagna Litzenberger Vinet, Falilou Seck.
Premiere in Zürich am 4. April 2019
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause
Koproduktion des Schauspielhauses Zürich mit dem Maxim Gorki Theater Berlin

www.schauspielhaus.ch
www.gorki.de

 

 
Kritikenrundschau

Andreas Klaeui lobt im Schweizer Rundfunk SRF (5.4.2019) die "Offenheit" insbesondere des Schlusses von Öziris Text, die "auch den Blick aufs Ganze öffnet". Nübling inszeniere "in einer Variété-Situation, eine bunte Revue, die auch an afroamerikanischen Tanz erinnert, Candomblé, und die langen Textpassagen fängt er immer wieder auch mit Musik auf". Teilweise wirke der Abend noch "schwerfällig", es fehle noch an der "Geschmeidigkeit des Ganzen", aber trotzdem sei in Zürich "ein kluger Kommentar" auf Kleist und Abend "fast wie ein Antirassismustraining" gelungen.

"Öziri und Nübling haben mehr zu bieten als kritische Assoziationen und schrille Fußnoten: Dynamik und tänzelnde Energie, angefeuert von den Beats von Lars Wittershagens Musik, einen starken, wenn auch mit Revolutionsromantik überladenen Text und ein überzeugendes Regiekonzept", schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (6.4.2019). "Nübling inszeniert Kleist als Schattentheater und umschifft so elegant Klischees und Darstellungstabus: Alles und nichts ist nur schwarz und weiß, ein hübscher Scherenschnitt auf einer weißen Projektionsfläche. Alle Zuschreibungen von Hautfarbe und Geschlecht sind Tand und Theater." Zugleich gibt es Kritik für die Neudichtung: "Öziris Dekonstruktion hat keine Geduld und kein Gespür für Kleists Sprache und seine Revolutionsromantik"; er "nimmt Kleists Figuren ihre Geheimnisse und Widersprüche und reduziert sie auf eindeutig rassistische Codes und Unwörter".

"Gegen alle Erwartung" glücke Sebastian Nübling mit seiner Inszenierung dieses "Widerspruchs" ein "Wunder der Leichtigkeit", schreibt Daniele Muscionico in der Neuen Zürcher Zeitung (7.4.2019). Elegant und undogmatisch vermeide die Inszenierung "das Schwarzpeterspiel um Gut und Böse, Schwarz und Weiss". Nübling wende "Öziris thesenschweren 'Widerspruch' gegen Kleist in eine klare, kluge und kraftvolle Spielanlage, die alles hat, um auch aus politischem Theater Unterhaltungswert zu schlagen". Wenn Nübling die grosse Weltgeschichte der Haitianischen und der Französischen Revolution – und die private Tragödie der Individuen als Schattenspiel inszeniere, mache er mit diesem "kongenialen medialen Kniff" und den "spielwütigen Darstellerinnen und Darstellern" die Uraufführung zu einem überzeugenden Bekenntnis, so Muscionico: "Theater braucht sich nicht als politisches Instrument anzubiedern, Theater ist per se ein politisches Instrument. Es ist das allerdings nicht durch Taten und Worte. Theater, wie hier, wirkt im Zwischenraum zwischen den Fakten und Fronten als Medium der Illusion. Theater behauptet Illusionsräume und entlarvt Realität als Illusion. Theater ist ein Deutungs- und ein Denkangebot."

Alexandra Kedves schreibt im Zürcher Tages-Anzeiger (6.4.2019), sie habe sich von Beginn an von den Schauspieler*innen "berühren" lassen. Öziri lanciere seinen "Widerspruch" zu Heinrich von Kleist als "multioptionales Spiel, das die Vergangenheit und die Gegenwart auf Rassismus und Sexismus abklopft". Weil regisseur Nübling "wunderbar" mitspiele, bleibe man als Zuschaerin auch dran, wenn es "arg kompliziert" würde und "arg viel versucht" werde. Den Zuschauern bleibe "eine Menge Zucker für den Kopf: Stoff zum Träumen und Denken".

 

 

 

Kommentar schreiben