Jonglieren mit Illusionsräumen

von Andreas Klaeui

Zürich, 12. September 2008. Der Vorhang leuchtet gülden, und es beginnt wie ein richtiges Märchen – "richtig" in dem Sinn, wie Kinder das Wort gebrauchen. Nämlich so, wie schon Generationen Schweizer Kinder vor dem Radio, beim Anhören von 33-Touren-Platten, Tonbandkassetten oder CDs in die Märchenwelt eingetaucht sind: Mit der Stimme von "Märlitante" Trudi Gerster, der bald neunzigjährigen Grande Dame der Schweizer Märchenerzählkultur, die vor der Premiere von einem Fernsehteam eskortiert zu ihrem Platz geleitet wurde und eine spezielle Ovation erhielt.

"Es war einmal", hebt also ihre Stimme im Off an: "Es isch emol … Es isch emol, es isch emol." Mehrfach lässt sie die Märchenmotivwelt anlaufen, bis diese kaleidoskopartig davon- und durcheinanderpurzelt, im Potpourri vom Mädchen mit dem goldenen Haar und den glücklichen Eltern, die zwölf Kinder hatten (man muß die psalmodierende Hebung mithören bei "zwölf!"), der kleinen Prinzessin und dem niedlichen Mädchen, das aber ganz barfuss gehen musste.

Desillusionierung hinterm goldenen Vorhang

So ganz mit rechten Dingen geht es in dieser Märchenerzählung allerdings nicht zu, zu viel Verschiedenes klingt zusammen. Da tönt etwas falsch, und die nächste Desillusionierung folgt auf dem Fuß: dem bestiefelten nämlich. In einem erstklassigen Variété-Auftritt wetzt der titelgebende Kater (Jacques Palminger) erst einmal seine Krallen hinter dem goldenen Vorhang, bevor er lasziv die Stiefel hindurchstreckt.

Was er aber anzusagen hat, ist zunächst eine Enttäuschung: Der Regisseur habe sich kurzfristig für ein anderes Märchen entschieden. "Der gestiefelte Kater" sei gestrichen, und was jetzt hinter dem Vorhang herrsche, sei nur Unsicherheit und Leere. Was sich sogleich bewahrheitet, als sich der Vorhang hebt und den Blick auf eine leere Bühne freigibt. Natürlich ist auch dies nicht ganz richtig.

Denn die Bühne ist keineswegs leer, sondern lediglich ein leerer Raum, in dem alsbald die Luftballons wie Illusionen platzen und Jan Bosses Fort- und Überdrehung der Tieckschen Verunsicherungsmaschinerie ihren Lauf nimmt. Es sind genau genommen drei Texte von Ludwig Tieck, die dem Abend das Material geben: Die Märchenkomödie "Der gestiefelte Kater" sowie die beiden Kunstmärchen "Der blonde Eckbert" und "Der Runenberg".

Wirklichkeits- und Unwirklichkeitsebenen

Zeigt sich die Geschichte vom Kater mit ihren mehrfach ineinander verschachtelten Spiel-im-Spiel-Situationen vornehmlich ironisch und zeitkritisch satirisch, so spielen die beiden Novellen mit nachgerade unheimlichen Einblicken in Traum- und unbewusste Welten.

Trudi Gersters Off-Stimme erzählt die Geschichte vom blonden Eckbert, und auf der Bühne entwickeln sich andeutungsweise Spielsituationen. Figuren übernehmen den Dialog, spinnen Text und Subtext fort. Im Hintergrund steht ein kolossaler eiserner Ritter (André Meyer), der plötzlich krachend zu Boden geht. Grosse Aufregung, der Inspizient eilt herbei, der Kater kommentiert an der Rampe: An dieser Stelle sei er sich nie ganz sicher, ob der Ritter nun im Spiel umfällt oder ob er wirklich fällt.

Überhaupt sollte man sich ja mehrmals täglich fragen, ob man nun wach sei oder träumen würde. Man müsse das halt einfach zulassen, findet der Professor (Mike Müller), denn "jedes Märchen, jeder Traum ist auch eine kleine Therapie". So schießen Wirklichkeits- und Unwirklichkeitsebenen ineinander: Romantischer und moderner Diskurs, Schweizer Akzent und Bühnensprache, Worte und Echoworte. Ein Märchenmotivgespinst mit vielerlei ironischen Brechungen. Und wenn Tieck seine Spitzen gegen den zeitgenössischen Sentimental- und Grusel-Jargon richtete, so gehen sie bei Bosse zum Beispiel gegen zeitgeistige Vulgärpsychologie.

Abgründe des Unbewussten

Geschickt baut er Spannungsmomente auf, um die Erwartungen mit viel Witz zu enttäuschen. Es gibt viel zu lachen über Gags und Running Gags. Dennoch bleibt die Mise en abyme, also das Vexierspiel mit Erzähl- und Abbildungsebeben, in der ersten von zwei insgesamt kurzweiligen Theaterstunden eher theoretisch; schon gar nicht ein Blick in Abgründe des Unbewussten tut sich auf. Erst im zweiten Teil kommt es dann zu den kostbaren Momenten, in denen das Theater zum von allen Wirklichkeitszwängen befreiten Jonglieren mit Illusionsräumen wird, gerade so wie es sich die Kinderseele im Märchen einst erträumt hat. Und wo wäre auch der Ort für solche Utopien, wenn nicht im Theater?

Wenn der Ritter auf dem Gebirge eines trockeneisumnebelten Sessels verloren herumkraxelt, bis aufs zauberische Mal eine winzigkleine Puppe an der Rampe, im Zigarettennebel des spielführenden Katers von seinen Bewegungen Besitz ergreift und ihn zu den übermütigsten Volten zwingt. Wenn der blonde Eckbert (Jörg Pohl) aus einem leeren Notizbuch "der Kindheit zauberreiche Grotte" herbeiphantasiert.

Andere, dunkle Gestalten

Oder wenn sich Theatervorhang vor Theatervorhang bauscht, und sich in einem Spiegel ins Unendliche weiterbauscht. Wenn in dem Spiegel Eckberts Frau Bertha (Cathérine Seifert) mit ihrem eigenen Bild zu spielen beginnt, und sich dann aber auch ganz andere, dunklere Gestalten darin zeigen …

Dies sind, wenn nicht beunruhigende, so doch traumhaft verspielte Bilder. Hier wird das Theater zum Zaubertheater und die Wirklichkeit zur fremden Marionettenwelt. Aber natürlich ist Bosse kein Kind mehr, und der letzte Vorhang erweist sich als Trompe-l’œil, eine Täuschung aus hartem Holz, an dem man sich ganz schön den Kopf anschlagen kann.

Man kann sich am Ende aber auch als Plüschmärchentier verkleiden, um noch einmal eine sehr grundsätzliche Reihe von Fragen kindlicher und metaphysischer Natur aufzuwerfen. Warum fließt das Wasser abwärts? Denken alle außer mir nur intelligente Dinge? Hängt mein Pelzmantel noch in der Garderobe? Auch kein Happy-End, oder, mit andern Worten gesagt: Der Vorhang zu, und alle Fragen offen.

 

z.B. Der gestiefelte Kater
Ein romantischer Abend nach Motiven von Ludwig Tieck
Konzept und Textfassung: Jan Bosse, Gabriella Bussacker
Regie: Jan Bosse, Bühne: Stèphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath, Musik: Lieven Brunckhorst, Licht: Peter Bandl. Mit: Gottfried Breitfuss, André Meyer, Mike Müller, Jacques Palminger, Jörg Pohl, Cathérine Seifert und Trudi Gerster (Stimme).

www.schauspielhaus.ch

Mehr über Jan Bosse lesen Sie hier (nämlich über seine Uraufführung von Armin Petras Anna-Karenina-Dramatisierung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen im Mai). Hier geht es zum Bericht über sein Gastspiel beim Berliner Theatertreffen mit dem Hamlet aus Zürich. Und hier zu seiner Inszenierung von Kleists Amphitryon im Berliner Maxim Gorki Theater vergangenen September.

Kritikenrundschau

In der Neuen Zürcher Zeitung (15.9.) schreibt Bettina Spoerri: Bosse erweise dem Aufführungsort "geschickt Reverenz" durch die eingespielten Aufnahmen der "helvetischen Märchenfee Trudi Gerster". Das bemerken die Schweizer KritikerInnen alle am prominenten Ort. Sie fährt fort: In der Inszenierung machten sich "die Figuren selbständig" und versuchten, "die Fäden ihrer Existenz in die eigenen Hände − oder genauer: in die eigenen Münder – zu nehmen". Sprechen werde zur Tat. Zuerst jedoch würden die Zuschauer in eine "Schule der Entfremdung und Dekonstruktion geschickt". Das "Traumspiel über die Macht der Phantasie" drohe sich "in der langgezogenen Mitte, wenn der Effekt der dramaturgischen Überraschung aufgebraucht ist", in "Gags und Schabernack zu verlieren". Doch dann folge ein "wahrlich bezauberndes Finale", in dem alle "zuerst festlich vergoldet erscheinen und zuletzt ganz verwandelt im Schaum geboren werden".

Auf der website des Schweizer Newsnetz (15.9.), zu dem die Basler Zeitung genauso gehört wie der Zürcher Tages-Anzeiger, schreibt Rico Bandle: Jan Bosse habe tief im Kostüm- und Requisitenfundus gewühlt und erschaffe "Traumwelten, die jedes Kinderherz höher schlagen lassen würden – um sie dann jäh zu zerschlagen". Bosse lasse "die Schauspieler immer wieder aus ihren Rollen fallen, Umbauten werden grösstenteils offen gemacht", Mittel, die sich im Verlauf des Abends abnutzten. Gegen die "Eintönigkeit" setze Bosse auf "immer spektakulärere Effekte": mal werde die Bühne "zum Marionettentheater mit lebenden Marionetten", mal fülle er "die gesamte Szenerie mit Schaum, darin waten Riesen-Fabeltiere." Dieses Eintauchen in romantische Phantasien wecke Assoziationen an "virtuelle Computerwelten".

In der Berner Zeitung Der Bund (15.9.) schreibt Charles Linsmayer: Trotz "schöner Bilder" könne von dem versprochenen "psychedelischen Entertainment" nicht die Rede sein. Linsmayer hält es für denkbar, dass nach einer "langfädigen" Kindheitserzählung der Ritter im Hintergrund "nicht aus Schwäche, sondern vor Langeweile unter der schweren Rüstung zusammenbricht", und auch das Publikum sei "offensichtlich dankbar", als die sich "ganz im Verbalen und in Gesangseinlagen erschöpfende Produktion" nach eindreiviertel Stunden ins "Bildmässig-Märchenhafte" übergehe und "eine Reihe von wundervoll poetischen Schaustellungen" präsentiere. Der Applaus des Premierenpublikums habe "wohl eher den letzten 15 fröhlich-ausgelassenen Minuten als dem ganzen Projekt" gegolten.

Ein Ensemble, das "auf der Suche nach der eigentlichen Geschichte auch sich selbst spielt", sah Marion Ammicht in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (14.9.). "Geschichten vervielfältigen sich, werden ironisch gebrochen, changierend zwischen vorgestellter Wirklichkeit und Wahn. Traumspiele, sonderbar und zauberhaft." Der Gestiefelte, der Regisseur, das phantastische Ensemble und die Kostüm- und Bühnenbildzauberer würden "in einem Traum-Schaum geborenen furiosen Schlussbild" alles wieder hinbekommen. "Und man fragt sich, wer hier eigentlich wem wessen Geschichte erzählt hat? Die Bühne ist offen bis auf die Brandmauer. Das Geheimnis bleibt."

Auch Tobi Müller blieb von der Erzählerinnenstimme Trudi Gersters nicht unberührt, wie er in der Frankfurter Rundschau (16.9.) berichtet: "Der Saal zuckt zusammen. Man erinnert sich an die Märchen und an den Schauer. Gerster, das war immer Drohung und Belohnung in einem. Erst Zimmer aufräumen, dann Trudi." Zu schauerlich wurde ihm der restliche Abend dann aber nicht. Vielmehr erlebte er im Ganzen eine "offene Täuschung": Statt des "Gestiefelten Katers" würden andere "Märchen der Emanzipation" erzählt und psychologisch kommentiert oder ad absurdum geführt. Indes: "Trotz gespiegelter Erzählrahmen und Spaß am Tand ist das über weite Strecken auch ein frontaler Aufsageabend."

Jan Bosse habe von Tieck nur "das Gerüst, die Spielsituation" übernommen, dieses Wenige sei auch das Beste an diesem Abend, so Martin Halter (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.9.). Es sei zwar "nur gerecht", dass Bosse noch zwei Kunstmärchen von Tieck "als Kulisse und Knetmasse für seine eigene Theatermaschinerie" benutze. "Zu den Märchen selbst ist ihm allerdings nur ein verkaterter Stiefel eingefallen: Mal fällt ein blecherner Ritter um, mal fallen Schneeflocken oder Sterntaler vom Himmel." Origineller, zauberhafter, unterhaltsamer sei das Spiel mit und hinter den Kulissen. Fazit: "Wenn am Ende alle Barrieren zwischen Wirklichkeit, Theaterillusion und Wachtraum, zwischen einem Handwerker-Rüpelspiel und der Komödie des Theaterhandwerks fallen, sind alle Vorhänge zu und viele Fragen offen."

 
Kommentar schreiben