Kuscheltier und Kapital

von Mirja Gabathuler

Basel, 28. August 2019.  "Just Do It." In diesem Spruch steckt ein Versprechen. Ein Versprechen, das der US-amerikanische Sportkonzern Nike all jenen gibt, die in seine superfunktionalen Shirts und Sneakers schlüpfen. Ein Versprechen, das auch die Treibstoff Theatertage in Basel geben: Macht einfach mal. Wird schon gutgehen.

So viel sei vorab verraten: Als Claim von Nike wird "Just Do It" bereits am Eröffnungsabend der diesjährigen Treibstoff Theatertage demoliert. Als Motto des Festivals hingegen würde es wunderbar taugen. Treibstoff versteht sich, der Name verrät's, als Anschubhilfe für junge Projekte. Seit vor 15 Jahren die erste Ausgabe des Produktionsfestivals über die Bühne ging, hat es sich über Basel hinaus als Nachwuchs-Plattform, Treffpunkt der Freien Szene und Seismograf gegenwärtiger Bühnenformate etabliert. Die Namen im Programm lesen sich über die Jahre wie ein Who-is-Who von startbereiten Schweizer Freie-Szene-Neulingen und Absolventen der Talentschmieden in Gießen, Hildesheim oder Berlin.

Der Zusatz "Theatertage" ist eigentlich ein Understatement. Denn hier finden sich im Zwei-Jahres-Rhythmus alle möglichen Spielformen zusammen: Tanz neben Performance neben Puppenspiel, Digitales neben Dokumentarischem neben klassischer Dramaturgie. Hauptsache, ein Projekt traut sich was. Es gilt, Einfälle auszuprobieren, noch bevor sie bis zum Ende durchexerziert sind. Lieber etwas zu naiv zu sein, als zu wenig neugierig: Dieser Anspruch lässt sich an den ausgewählten Stücken ablesen.

Kleinster gemeinsamer Nenner

Kuratiert wird das Festival von einer Jury, in der auch die Leitungen der drei Veranstaltungsorte Kaserne Basel, Junges Theater Basel und Roxy Birsfelden vertreten sind. Die Talentförderung hat für sie auch eigenen Nutzen: Wer in ihren aktuellen Programmen blättert, entdeckt darin immer wieder ehemaligen Treibstoff-Nachwuchs. Vorerst aber soll sich dieser am diesjährigen Festival austoben. "Ungebremst und vielleicht auch halsbrecherisch" soll es gemäß Begleitheft zugehen: mit Theatermacherinnen und Performern "am Anfang ihrer Laufbahn", die "keinen Namen zu bewahren, sondern zu erringen" haben.

Care3c 560 Flavio Karrer uFrauen und Fiktion mit "Care 3.0" © Flavio Karrer

Wobei dieses Jahr, bei der 9. Ausgabe, im Vergleich zu vergangenen Ausgaben eher Zurückhaltung angezeigt scheint. Zunächst gibt es weniger Stücke (5) an weniger Tagen (6) zu entdecken. Dahinter steckt laut den Veranstaltern der Gedanke, dass ein kompakteres Festival für die Besucher attraktiver sei. Außerdem wirken die fünf realisierten Produktionen auf den ersten Blick überraschend konventionell. Gab es in den letzten Jahren etwa Aufführungen in Bürogebäuden, Augmented-Reality-Spaziergänge und andere experimentelle und interaktive Spielformen, spielen dieses Jahr alle Stücke im herkömmlichen Theaterraum und mit herkömmlichen Mitteln der Bühne.

Inhaltlich und formal hingegen ist das Spektrum breit, ein Leitthema fehlt. Wollte man einen kleinsten gemeinsamen Nenner ausmachen, dann vielleicht diesen: Das Interesse, gesellschaftliche Diskurse der Gegenwart auf die Bühne zu übersetzen, um sie in diesem Möglichkeitsraum weiterzudenken. Und die Lust, Sehgewohnheiten umzuschreiben.

Arbeit ohne Anerkennung

Am eindeutigsten steht das der Produktion "Care 3.0" im Jungen Theater Basel im Sinn. Das Diskurs- und Drama-Kollektiv "Frauen und Fiktion" beschäftigt sich darin mit Fürsorge in unserer Gesellschaft: mit dem niedrigen Status der Care-Arbeit und mit der verklärten Rolle der sorgenden Frau und Mutter – wobei die private mit der kollektiven Vorstellung des Um-, Für- und Versorgens eng verwoben ist.

Sechs Darstellerinnen und Darsteller – ihr Geschlecht ist eindeutig uneindeutig gehalten – veranstalten auf der Bühne ein Art Laufsteg der Fürsorger. Der Altenpfleger, die Hebamme, die Kita-Betreuerin oder der Rund-um-die-Uhr-Assistent posieren und präsentieren sich dem Publikum: als schillernde Truppe in ausgefallenen Kostümen, zwischen Pailletten-Party-Glamour und funktionaler Pflegekluft. In Anekdoten erzählen sie von der alltäglichen Abwertung ihrer Arbeit.

Der Theatertext besteht fast ausschließlich aus Interviewauszügen, die teils im Original abgespielt, teils den Darstellern in den Mund gelegt werden – oder zwischendurch in bizarren Lip-Sync-Sequenzen laufen, also beides gleichzeitig. Wenn die Gruppe selbstbewusst über die Bühne stolziert und zu verzerrten Beats lasziv den Bühnenraum einnimmt, ist das eine Hommage an die Codes und Techniken des Voguings und des Drags: In ihnen findet "Care 3.0" einen utopischen Gegenentwurf zur Starrheit der Geschlechterrollen und der Fürsorgehierarchie. Zumindest auf der Bühne gelingt die Überwindung durch Überzeichnung – und gibt lustvoll Gegensteuer, wenn das Stück zwischendurch etwas pädagogisch und akademisch wirkt.

Plüschtier mit Persönlichkeit

Sehr viel vertrackter wird es auf der Probebühne des Roxy in Birsfelden. Dafür auch kuschliger: Nicht nur, weil der weiß ausgekleidete Raum klein ist, und daher auch Räume hinter der Bühne gefilmt und auf die Wände übertragen werden. Sondern auch, weil die Gruppe FYDUZ um Lucien Haug sich mit "Go Pfüdi Go!" den besten Freund des Menschen vorknöpft: das Plüschtier. Auf Schweizerdeutsch ist ein "Pfüdi" ein putziges kleines Wesen.

GoPfuediGo1 560 Flavio Carrer uLucien Haugs "Go, Pfüdi, Go" © Flavio Carrer

Von zweimal rund zwei Dutzend "Pfüdis" wird Schauspielerin Bärbel Schwarz bei ihrer One-Woman-Show auf der Bühne unterstützt: den Mitgliedern eines Kinderchors, die sie in ihrem amüsant ausufernden Monolog-Dschungel zurechtweisen, und einem Rudel Plüschtiere mit Persönlichkeit. Diese Überbleibsel der Kindheit im Erwachsenenleben sind das Vehikel, um zu großen Fragen zu gelangen.

Am Ende geht's in 54 Kapiteln um des modernen Menschen Kern: Während ihm die Worte fehlen, die Gefühle ausbleiben, seine Erinnerung voller Lücken ist und ihm als halbgare Ahnung doch wie ein Klotz am Bein hängt, bietet sich das Plüschtier als emotionales Pflaster und Erinnerungsgefäß an. Auch wenn es bereits aus allen Nähten platzt und sich aufdröselt. Es lohnt sich, in diese klamaukige Plüschwelt einzutauchen – auch wenn wohl einige Einfälle qua Flughöhe des Konzepts über die Köpfe der Zuschauer hinwegtraben.

Kein Sportstück

Ganz ohne Worte kommt "Wer hat Angst vor Niketown?" von Maximilian Hanisch und Sarah Methner aus. Es stellt die Frage, was mit der Symbolkraft von sozialem Protest passiert, wenn eine Sportmarke sich ihn einverleibt. Vier Performerinnen und Performer in (markenloser) Sportkleidung turnen durch einen Bühnenkasten, der bis auf drei gepresste Müllwürfel und einen knallrotes Nike-Häkchen, den sogenannten Swoosh, leer ist. Ihre absurden Bewegungen gleichen anfangs einer Mischung aus Aerobic, Boxkampf und Siegerposen. Die Parallelen zu Protest und Gewaltausbruch sind aber von Beginn weg angelegt – und werden immer eindeutiger.

Niketown 560 Treibstoff u"Wer hat Angst vor Niketown?" von Maximilian Hanisch & Sarah Methner © Treibstoff

Die Performer gruppieren sich zu Bildern, wie wir sie tausendfach aus den (sozialen) Medien kennen. Gereckte Fäuste, zwischen Euphorie und Ekstase verzerrte Minen. Und immer mit im Bild: der Nike-Swoosh. Selfie mit Swoosh. Kaepernick-Kniefall mit Swoosh. Polizeigewalt mit Swoosh. Swoosh auf gestrecktem Mittelfinger. Swoosh im Tränengas. Am Ende wird das Häkchen-Symbol unter Müllbergen begraben und die Bühne demoliert. Der Schriftzug "Just Do It" bleibt die einzige Lichtquelle im apokalyptischen Szenario – während der Mob sich mit Wasserflaschen abkühlt, wie Fußballer nach einem Match.

Eine ekstatische Choreografie über 70 Minuten, ein Kommentar auf den Triumph des Marktes über die Menschen, ohne Begriffe und moralische Eindeutigkeiten, und trotzdem dicht und beklemmend dystopisch: Darin ist eine Radikalität, die ein Festival wie "Treibstoff" sich gerne auf die Fahnen schreibt. Das Ausprobieren hat sich gelohnt: Let's do it again.

 

Treibstoff Theatertage

Wer hat Angst vor Niketown?
(Kaserne Basel)
Konzept & Regie: Maximilian Hanisch
Konzept & Bühne: Sarah-Marleen Methner
Mit: Elvio Yair Avila, Kilian Ponert, Anne Sauvageot, Fang Yun Yang
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

Care 3.0
(Junges Theater Basel)
Konzept: Frauen und Fiktion (Anja Kerschkewicz, Felina Levits, Paula Reissig, Eva Kessler)
Mit: Florence Fausch, Ariclenes Garcia aka AriGato St. Laurent, Jonas Mahari, Lina Krüger, Arnis Levits, Laetitia Reymond, Gregor Schuster, Marylin Nova White, Kathrin Brogli
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Go, Pfüdi, Go
(Roxy Birsfelden)
Konzept & Text: Lucien Haug; Spiel: Bärbel Schwarz
Szenografie: Pia Schwarz
Musik & Sounddesign: Lucien Montandon
Dramaturgie: Maja Bagat
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Vom 27.8 bis 1.9.2019
Kaserne Basel, Junges Theater Basel und Roxy Birsfelden

treibstoffbasel.ch