Wink von der Grinsekatze

von Gerhard Preußer

Bonn, 12. September 2019. Lustig muss ein Lustspiel sein. In der Hinsicht musste man bei Lessing schon immer etwas nachhelfen. Die berühmteste deutsche Komödie wurde von allen Unterhaltungsschiedsrichtern immer wieder für zu ernst befunden. Charlotte Sprenger legt in ihrer Inszenierung im Bonner Schauspiel nun sehr kräftig nach. So lustig, dass einem an dem langen Abend die Lust vergeht. Und vielleicht auch vergehen soll.

Am Anfang liegt Major Tellheim (Alois Reinhardt) wie ein vom Kreuz gefallener Christus vor einer grauen Wand. Ein demonstrativ in sein Leid verliebter Möchtegernheiliger. Man muss diesen verbohrten Kriegsmann nicht ernst nehmen, man kann mit Minna diese harten Männer verfluchen, die nichts kennen als ihre Ehre. Aber man darf ihn auch nicht so psychopathisch narzisstisch machen, dass man nicht mehr versteht, warum Minna ihn so bedingungslos liebt. In Bonn ist er ein Schreihals und ein Jammerlappen, der am Boden kriecht und sich von seinem Diener tragen lässt.

Quartier in der Zirkusarena

Dazu passt ein schleimiger Wirt (Bernd Braun) mit Embonpoint im bodenlangen Glitzerkleid, der den klammen Tellheim ausquartiert, weil der nicht bezahlen kann. Lessings unkonventionelle Dramaturgie führt uns dann schon am Anfang das Happy-ending vor. Die beiden durch den Krieg getrennten Verlobten finden sich wieder im zweiten Akt, im nämlichen Zimmer, in dem eigentlich Tellheim logierte und das nun Minna (Annika Schilling) mit ihrer Zofe Franziska (Annina Euling) bewohnt.

Aus der Auflösung dieser Scheinlösung entsteht erst der Konflikt. Der Versöhnungsmoment aber wird groß bebildert. Minna jubelt "Ich hab ihn wieder". Die graue Mauer hebt sich, dahinter liegt eine Zirkusarena mit bunten Luftballonbällen, die von der Zirkuskuppel hängen, und bizarren grell gestreiften aufgeblasen Plastikwürsten (Bühne und Kostüme: Aleksandra Pavlović).

minna4 560 thilo beu uKammerkätzchen? Oder doch bunte Jammerkatzen? Charlotte Sprengers "Minna von Barnhelm" in Bonn © Thilo Beu

Später kommt auf das Stichwort "Kammerkätzchen" noch eine drei Meter hohe, mit den Augen rollende schwarze Plastikkatze hereingefahren. Und die künftigen Bräute Minna und Franziska trippeln mit riesigen weißen Reifröcken herein. Ist das die feministische Lessing-Kritik, dass hier die objekthafte Bräutlichkeit der Frauen so übertrieben wird, dass man schmunzeln soll?

Lustiges und allzu Lustiges

Vollends verselbständigt sich das Unterhaltungsgenre nach der Pause. Franziska und Minna tanzen auf Rollschuhen zu funkiger Jazzmusik. Und dann kommen noch vier Rollschuhmädchen dazu, verkleidet als weiße Kopffüßler mit drolligen Schwellköpfen - eine bedeutungsfreie Balletteinlage wie in der Operette. Im Laufe des Abends werden die Einfälle immer beliebiger, heben ab von den Bedeutungsschichten des Dramas in die Luft der sinnfreien Assoziationsspielerei: Franziska und Minna nagen an Salatköpfen. Alle außer Tellheim singen auf einer riesigen goldenen Bettdecke gelagert, "Die Gedanken sind frei".

minna2 560 thilo beu uZwischen Schwellkörperköpfen: Annika Schilling als Minna © Thilo Beu

Franziska blubbert Unverständliches, weil sie einen Helm auf dem Kopf hat, der wie eine riesenhafte stachelige Kastanienschale aussieht. Der Bote des Königs bringt das Schreiben mit der Rehabilitierung Tellheims in einer Isoliertasche mit der Aufschrift "Eistüte".

Wenn die überquellenden Mittel der bunten Heiterkeit und Hopserei nur Kontrastmittel für den Ernst der tragischen Geschlechterkonflikts sein sollen, dann sind sie gefährlich überdosiert. Alle Anteilnahme oder auch nur Verständnis des Konflikts der Figuren wird in sinnverbeulender Heiterkeit versenkt. Das Stück verröchelt.

Jenseits der Gefühlssicherheit

Im fünften Akt, wenn Minna ihren Tellheim zurückgewinnen will durch ihre Intrige, ihm Hilfsbedürftigkeit vorzuspielen und so seinen Stolz zu brechen, wird es bei Lessing richtig ernst. In der Bonner Inszenierung wird dann der Reifrock gewechselt. Minna trägt ein schwarzes Kleid und Tellheim, der nun sein Heiratsversprechen doch wieder einlösen will, kommt in dem überdimensionierten Brautkleid herein, das vorher Minna trug.

Aber richtig ernst kann es auch hier nicht mehr werden, zu viel ist schon verspielt. Hier sieht man keine mutige, kluge Gefühlssicherheit mit Intelligenz und Witz verbindende Frau, sondern nur ein exaltiertes Nervenbündel, das sich offensichtlich in den völlig falschen Mann vergafft hat. Am Ende knutschen zwar Kammerzofe Franziska und Soldatenfreund Werner (Sören Wunderlich). Dazu sabbert der schwarzen Riesenkatze Schaum aus dem Maul. Aber Minna und Tellheim stehen unversöhnt und weit voneinander entfernt auf der Bühne und starren sich nur an. Als ob das so einfach wäre, die Relevanz eines klassisches Aufklärungsdramas für die Gegenwart zu zeigen, in dem man einfach am Ende die Versöhnung streicht.

 

Minna von Barnhelm
von Gottfried Ephraim Lessing
Regie: Charlotte Sprenger, Bühne und Kostüme: Aleksandra Pavlovic, Licht: Markus Haupt, Dramaturgie: Nadja Groß.
Mit: Annika Schilling, Alois Reinhardt, Annina Euling, Christian Czeremnych, Sören Wunderlich, Bernd Braun, Klaus Zmorek.
Premiere am 12. September 2019
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.theater-bonn.de

 

Kritikenrundschau

Lessings Sprache - manche Pointen funktionieren erstaunlich zeitlos - komme hier ganz textgetreu auf die Bühne und bilde einen witzigen Kontrast zu der kunterbunten Kinderspielplatzwelt der munteren Minna, schreibt Elisabeth Einecke-Klövekorn im Bonner Generalanzeiger (17.9.2019). Sprenger vertraue in ihrer ersten großen Bühnenarbeit dem Drama. Fazit: "Leider kein fulminanter Saisonauftakt. Aber ein intelligenter Versuch über eine alte komödiantische Spielanordnung aus junger Sicht."

 

 

 
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