Windmühlen auf dem Mond

von Andreas Schnell

Oldenburg, 21. September 2008. Die Geschichte ist bekannt, könnte man meinen, und der Bühnenfassung des Oldenburger Hausautors und -regisseurs Marc Becker skeptisch entgegensehen. Aber wer kennt den "ersten großen Roman der Weltliteratur" (Georg Lukács) denn schon wirklich? Dass es darin um einen verträumten armen Edelmann vom Lande geht, der zu gern Ritterromane liest, gegen Windmühlen kämpft und eine Dulcinea vergebens verherrlicht, das ist natürlich so.

Aber das ist auch noch lange nicht alles. Der "Don Quijote" ist eine - durchaus liebevolle - Polemik gegen die Ritterromane der Zeit Miguel de Cervantes', glänzt durch virtuoses Spiel auf der Erzählklaviatur und – so die Deutung, auf die sich auch Becker bezieht -, stellt "die Frage nach der Bedeutung und der Wahrheit von Figuren und Fiktionen", wie wir einem Zitat aus dem Programmheft entnehmen können.

Der Dichter als Schöpfer

Dafür lässt Becker gleich zu Beginn Cervantes (reizvoll missmutig: Caroline Nagel) selbst auftreten und die Geschichte des Ritters von der traurigen Gestalt erzählen, derweil ein etwas klappriger Kerl im Schlafanzug hereinhuscht und nach seiner Rüstung fragt: Don Quijote (überzeugend als sympathischer Wirrkopf mit elegischem Charisma: Till Weinheimer). Und dieser Cervantes lässt auch keinen Zweifel an seiner Intention, "die Ritterromane zur Abscheu der Menschen zu machen".

Er greift immer wieder in die Geschichte ein, zeigt sich gelegentlich gar glattweg überrumpelt, gibt Einsätze, hält seinen Geschöpfen schon auch mal den Mund zu und bricht Szenen ab – das darf er schließlich, so als Autor. Dieses durchlässige Verhältnis zwischen Cervantes und seinen Schöpfungen setzt sich fort in den unsicheren Blicken Quijotes, der sich jedes Mal bei Sancho Pansa der Tatsache zu versichern scheint, dass er der ist, als der er sich der Welt vorstellt. Und Cervantes, der sich als Soldat und Abenteurer beschreibt, spiegelt sich seinerseits darin wieder, wenn er diesen Umstand gleich zweimal betont.

Wie der Welt zugehörig fühlen?

Don Quijote, der uns die Fragen nach der Wirklichkeit stellt, erklärt derweil, die Welt müsse anders sein, "damit man sich ihr wieder zugehörig fühlt", und gibt sich damit vor allem als erlesener Sinnsucher zu erkennen, der sich mit der alltäglichen Routine, wie sie seine Haushälterin repräsentiert, schlichtweg nicht zufrieden geben will. Eine durch und durch moderne Figur!

Infolge dieses Beschlusses legt er sich die Welt zurecht, und wenn er dafür böse Mächte heranziehen muss – das Unerklärliche kann schließlich alles erklären: "Was für eine Welt, wo niemand das Unvorstellbare in Erwägung ziehen mag", seufzt er verzweifelt. Und sieht die eigene Größe darin, dass er im Unterschied zu normalen Verrückten ganz ohne Grund durchdreht.

Nur bleibt auch dies nicht ungebrochen, schließlich hat er ja seine Gründe, nämlich seinem armseligen Leben höhere Bedeutung zu verleihen: Als er damit konfrontiert wird, dass er leichtfertig eine Gruppe Sträflinge entkommen ließ, weiß er durchaus, sich aus der Affäre zu mogeln, das würde einfach nicht in das Bild passen, dass er von sich in der Welt haben will.

Maßstäbe verändern

Solcherlei Reflexionen und Brechungen durchziehen die Inszenierung als roter Faden. Das ist das eine, was an Beckers Stück den Reiz ausmacht. Das andere ist nicht zuletzt die teils hinreißende Ausstattung: Aus zwei schlichten Bretterverschlägen, werden Pferd und Esel. Im zweiten Teil tauchen die beiden Bauten erneut, maßstabsgetreu verkleinert und damit andeutend, was aus dem armen Ritter werden wird, der am Ende reumütig ins reale Leben zurückkehrt und stirbt.

Wie eine Szene aus "Alice im Wunderland" zeigt Becker die höfische Gesellschaft – ebenfalls im zweiten Teil –, die sich den derweil berühmt gewordenen Ritter und seinen Knappen (mit Gefühl für die Doppelbödigkeit der Figur: Thomas Birklein) zur Belustigung ins Haus holt – ein echter Augenschmaus, mit viel durchaus auch derbem Witz, gelungenen Slapstick-Einlagen und einer Musik von herber Schönheit und delikatem Witz von dem in Bremen lebenden Amerikaner Willy Schwarz. Und Windmühlen gibt es natürlich auch: Ganz klein sind sie und stehen auf dem Mond. Eine schwere Aufgabe mit leichter Hand gelöst.


Don Quijote und Sancho Pansa
nach Miguel de Cervantes, bearbeitet von Marc Becker
Regie: Marc Becker, Bühne: Peter Engel, Kostüme: Dinah Ehm, Musik: Willy Schwarz. Mit: Caroline Nagel, Till Weinheimer, Thomas Birklein, Gaby Pochert, Sascha Grüb, Norbert Wendel, Juliana Djulgerova, Vincent Doddema, Willy Schwarz.

www.staatstheater.de

 

Mehr zu Marc Becker: im Mai 2008 inszenierte er in Oldenburg Glück für alle, im Oktober 2007 Goethes Faust 1.

 

Kritikenrundschau

"Grob zusammengefasst", schreibt Egin Jeichw in der Nordwestzeitung (23.9.2008) handle es sich bei "Don Quijote" um die "Geschichte eines unkritischen Lesers, der über die ausufernde Lektüre von Ritterromanen den Kopf verliert und beschließt, die Welt der Illusion zu imitieren – und daran scheitert". Die Theaterfassung von Marc Becker gehe, "in einer Sprache, die sich am modernen Alltags- und Comedyvokabular orientiert", über des Cervantes "Kritik an den literarischen Moden hinaus". Hier nämlich sei Quijote "auch ein Mensch, der in die Illusion flüchtet, um nicht den 'Eindruck zu erwecken, als hätten wir schon zu Lebzeiten mit allem abgeschlossen'".
"Schräg, bunt, fantasievoll" sei die Inszenierung in Beckers eigener Regie, aber im ständigen Bemühen darum zuweilen auch etwas langweilig. Neun Schauspieler schlüpften betriebsam in mehr als dreißig Rollen, es werde Flamenco auf Strümpfen getanzt und die beiden fahrbaren Holzgestelle von Peter Engel, "die nicht von ungefähr an trojanische Pferde erinnern", gefielen durchaus. Dennoch wird Jeichw mit dieser Arbeit nicht glücklich: Alles wirke wie "Fast Food" – "lecker, aber wenig nahrhaft."

 

 
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