Richard II. von Wiesbaden

von Valentina Tepel

Wiesbaden, 19. Januar 2020. Wie ein begossener Pudel steht er da und betrachtet den farbenfrohen Blumenstrauß in seiner Hand, streicht dann wie in Trance langsam über die grüne Topfpflanze neben sich, und man möchte ihn am liebsten in den Arm nehmen und ihn vor der Welt da draußen schützen. Dieses Szenario in der Eröffnungsszene der Premiere von "Casino" am Hessischen Staatstheater zeigt zwar nicht Jens, die Hauptfigur des Abends, steht aber sinnbildlich für ihn und für sein Gefühl der Sehnsucht nach einer Zeit, die längst vorbei ist.

Doku-Tragi-Komödie

Es ging wie ein Lauffeuer durch die Presse: Das Stück handelt von Jens aka Sven Gerich, dem Oberbürgermeister Wiesbadens, der wegen Verdacht auf Bestechlichkeit, Vorteilsnahme und Vetternwirtschaft 2018/2019 in Kritik geriet. Die Liste der Vorwürfe war lang: Von Privatgeschäften mit Sonderklauseln, über ominöse Urlaubsreisen und teure Weihnachtsessen bis hin zu Ungreimtheiten im Vergabeverfahren für die Gastronomiekonzessionen im Wiesbadener Kurhaus. Sven Gerich zog schließlich die Reißleine, beendete seine politische Karriere im Juni 2019 und gab bekannt, 2020 nicht mehr zu den Wahlen anzutreten.

Regisseur Clemens Bechtel und Autor David Gieselmann haben aus dieser Geschichte zusammen mit der Dramaturgin Marie Johannsen eine Mischung aus dokumentarischem Theater und Tragikomödie geschrieben. Dafür haben sie seit September letzten Jahres Interviews mit Protagonist*innen und Beteiligten geführt und Zeitungen durchforstet. Bühnenbildner Ulrich Frommhold hat eine karge, minimalistische Version eines Großraumbüros entworfen, vermutlich (auch) als Witz, wenn man bedenkt, dass Sven Gerich das erste Mal von der Öffentlichkeit kritisch beäugt wurde, als er sein neues Büro im Rathaus (zu) kostspielig umbauen ließ.

Falsche Freunde

Thomas Peters' Jens ist ein charismatischer, sympathischer Mann, der viel lacht und treuherzig an seinem Glas Wein nippt. Und Jens wäre auch fast ein Macher geworden, wenn er zwischen dem vielen Papiere unterschreiben, Anträge im leidenschaftlichen "Du brauchst gar nicht weiterzureden, ich bin dabei!"-Slogan rufen und dem ganzen Selfiesschießen Zeit dafür gefunden hätte.

Casino 1 560 Karl und Monika Forster uChristina Tzatzaraki, Martin Plass, Paul Simon, Thomas Peters © Karl und Monika Forster

Es hätte alles so schön sein können "an Tagen wie diesen". Wären da nicht Bernd Brenz (Michael Birnbaum), Fraktionsvorsitzender im Stadtradt und Rechtsanwalt, der in trumpesker Montur entweder leere Floskeln durch die Gegend grölt oder in eisiger Ruhe Shakespeare zitiert. Und der zwielichtige Immobilienunternehmer und Geschäftsführer der städtischen Holding Wolf Meister (Uwe Kraus), erst loyaler Begleiter von Jens, dann derjenige, der ihn ans Messer liefert und an die Öffentlichkeit geht. Wie Vormunde marschieren sie minütlich in Jens' Büro ein, halten ihm lange Vorträge über Freundschaft und Misstrauen oder erscheinen wie übergroße Gottheiten auf der Leinwand.

Blindheit der Macht

Jens beginnt, an seinen Freunden zu zweifeln, bemalt sich kriegerisch das Gesicht mit der Erde seiner Topfpflanze. Denn er merkt: Wenn er in dem Machtfüge, in dem er sich befindet, überleben will, kann er nicht hilflos an der Rampe stehen und um die Liebe des Publikums buhlen, während die anderen die Strippen ziehen. Shakespeares "Richard II." zitierend fängt er an, gegen seinen Machtverfall zu kämpfen. Die Bühne spielt diese Partie mit, indem sich das Büro im Verlauf des Abends demontiert und das verschlossene Hinterzimmer zu einem großen Gemälde voller Torbögen wird, in deren Mitte überall offene Türen verloren im Raum stehen, die Jens am Ende eine nach der anderen zuknallt.

Casino 2 560 Karl und Monika Forster uThomas Peters, Michael Birnbaum, Uwe Kraus (Leinwand im Hintergrund) © Karl und Monika Forster

Das Stück hält sich an die aus der Presse bekannten Fakten, darüber hinaus wird nichts Neues zutage gebracht. Der Text glänzt durch Sprachfindigkeit, da zwar inhaltlich fast ausschließlich politische Entscheidungen hin und her geschoben werden, durch raffiniert gesetzte Pointen aber die Motivationen, Ängste, Träume und die Wut der Figuren gut sichtbar werden und Fragen nach Freundschaft in der Politik, Amoralität und die Blindheit der Macht in den Vordergrund rücken. Wenn auch manchmal durch einen leichten Hang zum Pathos gebremst, wirkt die fiktive Überhöhung durchaus glaubhaft. Es ist eine Geschichte über machthungrige Männer, die jahrelang wie Gallionsfiguren über Leichen gegangen sind mit der festen Überzeugung, dass sie genau dort hingehören, wo sie stehen. Die Realität geht wie eine leichter Wind durch den Saal, immer bereit für den alles vernichtenden Sturm.

Geschädigte Existenzen

Den verstörendsten Auftritt hat Frau Gärtner (Christina Tzatzaraki), eine ehemalige Mitarbeiterin von Wolf Meister. Die sogenannte "Leiche im Keller" stottert kränkelnd ihre Geschichte herunter: wie sie von Wolf Meister manipuliert und emotional erpresst wurde. Dabei liegt sie tief eingemummelt im Bett, wird per Live-Kamera gefilmt und erscheint übergroß auf der Leinwand. Die Figur, die nach unserem Mitleid förmlich schreit und dabei so verkümmert und abstoßend wirkt, zeigt uns damit so deutlich auf, wie die Gesellschaft funktioniert und was sie durch Skrupellosigkeit hervorbringt: Den Menschen, die den Zustand dieser geschädigten Existenz zu verantworten haben, ist es scheiß egal.

Als Jens mit den Worten "In zehn Jahren kommen wir wieder, um zu bleiben. Und dann lernen die mich richtig kennen" endet, sackt die kluge Inszenierung leider etwas in sich zusammen. Die verbale Moralkeule um die Wiederholung von Geschichte und die Menschheit, die eh nie daraus lernen wird, verfehlt die Kraft des Abends. Trotzdem ist "Casino" eine erschreckend ehrliche Machtanalyse, die ein sehr detailliertes Portrait einer zerrütteten Machtelite zeigt. Dennoch scheinen die Macher*innen den Willen zur Versöhnung stärken zu wollen. Der ehemalige Oberbürgermeister indes saß (anders als sein Nachfolger Gert-Uwe Mende) nicht im Premierenpublikum.

 

Casino
ein Political von Clemens Bechtel und David Gieselmann
Regie: Clemens Bechtel, Bühne: Ulrich Frommhold, Kostüme: Vesna Hiltman, Dramaturgie: Marie Johannsen, Video-/Foto-Design: De-Da Productions, Live-Video: Gerard Naziri, Musik: Paul Simon, Frank Rosenberger.
Mit: Michael Birnbaum, Uwe Kraus, Thomas Peters, Paul Simon, Iris Atzwanger, Christina Tzatzaraki, Lena Hilsdorf, Martin Plass, Simon Fuchs, Taddeo Hanss.
Premiere am 19. Januar 2020
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-wiesbaden.de

 

Kritikenrundschau

"Wer auf saftiges Austeilen spekuliert hatte, dürfte enttäuscht gewesen sein, die erfundenen Bonmots erreichen selten die Qualität von Originalzitaten", schreibt Eva-Maria Magel in der Rhein-Main-Zeitung (19.01.20).

 

 
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