Schwarze Erziehung, brutale Ordnung

von Elena Philipp

Berlin, 8. Februar 2020. Was ist tief, dunkel und gefährlich? Ein Abgrund. Oder: die deutsche "Seele". Wer besitzt den Mut, hinein zu blicken, ohne zu blinzeln? Heiner Müller und Laibach! Hier der Dramatiker und Dichter, der Deutschlands düstere Deformationen in Worte fasste, dort Sloweniens Konzeptkunstklangkörper mit Hang zu Totalitarismen und Ambivalenz. Passt, fand die Journalistin Anja Quickert, die auch Geschäftsführerin der Internationalen Heiner Müller Gesellschaft ist und nun Regisseurin von "Wir sind das Volk" im HAU.

Hieb- und Stoßrichtung

Wuchtig und selbstbewusst kommt das von ihr als "Musical" konzipierte Gesamtkunstwerk daher. Umgesetzt ist es als Konzert mit Textvortrag und Projektionen. "Das Elend mit euch ist, ihr könnt nicht sterben", wird zu Beginn ein Zitat aus Müllers "Der Auftrag" an die Bühnenrückwand projiziert. "Darum tötet ihr alles um euch herum. Für eure toten Ordnungen, in denen der Rausch keinen Platz hat."

csm Laibach 560 DorotheaTuch 8551 ccb97cf8c8Alles so schön totalitär hier! Laibach featuring Heiner Müller © Dorothea Tuch

Funkelnden Auges erzählt Susanne Sachsse das Grimm'sche Märchen vom eigensinnigen Kind: von Gott bestraft, mag sich's mit seinem Tod nicht abfinden, streckt immer wieder einen Arm aus seinem Grab. Erst als die Mutter mit der Rute auf das Ärmchen schlägt, ist Ruhe. Schwarze Erziehung, brutale Ordnung ohne Ende – die Hieb- und Stoßrichtung des Abends könnte deutlicher nicht sein.

Blondes Gift

Musikalisch gibt sich "Wir sind das Volk" martialisch: Dissonante Akkorde türmen die stoisch ihre Instrumente bedienenden Musiker zu Klanggewittern und Trommelfeuer, mit Sturzflugsounds, Stahlfass-Percussion und Streichern, denen computergenerierte Störlaute jegliche Süße austreiben. Donnerdröhnend im einen Moment, bricht der massive Klang im anderen Augenblick abrupt ab oder wird in eine Stille voller Halleffekte eingesaugt. Auf Breitwandakustik gepolt, zersetzt die Anarchistentruppe dabei jegliche Pop-Dramaturgie von Strophe und Refrain; über eine Handvoll Töne gelangen Melodien meist nicht hinaus.

Aber mit Avantgarde allein ist dem Komplex des Deutschen offenbar nicht beizukommen: Ohne Anklänge an Volksmusik, Kunstlied, Schlager und Brecht/Weill/Eisler-Songs scheint eine "Wir sind das Volk"-Revue nicht vorstellbar. Agnes Mann interpretiert also Hildegard Knefs "Lied vom einsamen Mädchen", das, blond, mit weinrotem Mund und einem Herz so tot wie Stein, Männer ins Unglück stürzt. An der Rückwand eingeblendet wird dazu Gottfried Helnweins "Ephiphanie I", eine fotorealistisch gemalte, keusch verführerische Blondine als Madonna mit Kind, umstellt von fünf adorierenden SS-Offizieren. Blondes Gift, Nazi-Mutter-Ikone – effektvoll und gängig sind die von Laibach und Anja Quickert ausgelösten Deutungsreflexe.

Leuchtende Hakenkreuze

Um des Bösen Ursprung zu erklären, entführt Susanne Sachsse mit Müllers "Herakles 2 oder die Hydra" in den Wald. Bäume schlingen sich um das Erzähler-Ich, das die Spur des gejagten Tieres, die Orientierung und den Sinn fürs Selbst verliert, bis es im rasenden Kampf wieder ganz zu sich findet. Am deutschen Wesen wird die Welt verwesen?

csm Laibach 560 DorotheaTuch 8615 01c397c2e2Unter Lichtdomen © Dorothea Tuch

Assoziationen zu den Abgründen des Deutschen schnurren in einer geradezu apart die Schrecken herbeizitierenden Nummernfolge ab. Flugzeuge ziehen auf einer bis in den Zuschauerraum projizierten Landkarte ihre Vernichtungsspuren, rot leuchten Hakenkreuze neben dem Bühnenportal, während Cveto Kobal mit Hans Albers’ Fliegerlied den Schlagerstar neben dem Flügel gibt. Zum Tondokument der Rede eines führenden Nazis, die von Anstand, des Volkes Aufgabe und gewaltigen Werken (miss)handelt, drischt die Percussion-Formation The Stroj den Takt von Fabriken auf ihre Drums. "Ordnung und Disziplin", wie Laibach-Frontmann Milan Fras in einer Auftaktnummer schnarrte, münden in industrielle Menschenvernichtung – "Hier wurde AUSCHWITZ geboren", heißt es dazu eindrücklich mit Heiner Müllers Gedicht "Seife in Bayreuth".

Beflissene Müller-Ehrfurcht

"Mein Hass gehört mir", intoniert Milan Fras zum Schluss und es scheint, als runde sich der Bilderbogen. Heller wird's nicht mehr. Doch Halt: Auftritt Peter Mlakar, nach dem Schlussapplaus. Mlakar, der im Kollektiv Neue Slowenische Kunst, dem auch Laibach angehören, für reine und angewandte Philosophie zuständig ist, liest aus seinem Notizbuch die "Über-Wahrheit" ab: Liebe statt Hass. Aber den Deutschen könne man nicht vertrauen, dafür gehorchten sie zu gerne. Statt "uns" jedoch die Köpfe einzuschlagen, kröchen "sie" lieber in unsere Herzen und Eingeweide, um unsere Gene zu verändern. Hear, hear, ein Philosoph mit Body Snatcher-Phantasien?

Hier erst, nach seinem Ende, gewinnt der Abend etwas Irres, Überdrehtes, das von Laibachs staubtrockener Statuarik und der beflissenen Müller-Ehrfurcht wegführt. Peter Mlakars kurze Rede ist die Raumschifframpe aus dem Abgrund.

 

Wir sind das Volk
Konzept: Anja Quickert, Internationale Heiner Müller Gesellschaft, Laibach, Musik, Komposition, Arrangement: Matevž Kolenc für Laibach, Weitere Arrangements: Alenja Pivko Kneževič, Simon Penšek, Sašo Vollmaier, Szenographie: Janina Audick, Helene Scheithe, Louis Schmidt, Video-Szenographie: Komposter, Kostüm: Petra Jurjec, Janina Audick, Produktion: Aminata Ölßner, Isa Schulz, Soundtechnik: Matej Gobec, Lichttechnik: Tomaž Čubej, Videotechnik: Komposter & Tomislav Gangl, Stage- & Monitortechnik: Marko Turel, Agent: Sonora
Mit: Laibach featuring Agnes Mann, Susanne Sachsse, Cveto Kobal, Vier Personen Quartet, The Stroj, Special guest: Peter Mlakar
Premiere am 8. Februar 2020
Dauer: 90 Minuten, keine Pause

www.hebbel-am-ufer.de

 

Kritikenrundschau

Doris Akrap von der taz (9.2.2020) findet es "geradezu erstaunlich, dass erst jetzt jemand auf die Idee kam, die Texte des 1995 verstorbenen Intellektuellen von den slowenischen Künstlern der Band Laibach aufführen zu lassen. Ein Kollektiv, das in diesem Jahr 40. Geburtstag feiert und seit je die Überwältigungsstrategien totalitärer Ästhetik, Sprache und Musik verhandelt und nie aufgehört hat, an die Anwesenheit faschistischer Elemente in unser aller Alltag zu mahnen." Die großartige Inszenierung liefere eine große Einsicht: "dass es sehr deutsch ist zu denken, Deutsche sind immer die anderen. Die, über die wir lachen. Und dabei – so vielleicht die zentrale Botschaft dieses Abends, sind wir es alle. Kartoffel, Alman, Faschist oder Antifaschist: Wir sind das Volk."

"Von Musical kann keine Rede sein, der Abend ist ein dröhnendes (Alb-) Traumwald-Szenario, in dem quietschende Bilder und malende Klänge ihre je eigenen Bahnen durch den Raum ziehen und darin blitzhaft Geschichte sichtbar machen. Ein gnadenloser Ritt durch das Fantasma des Deutschseins, das nur Fremdheit produziert und Identitäten zerbricht“, schreibt
Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (9.2.2020).

 
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