"Wir können gerne weiter brainstormen"

7. August 2020. Emma Goldman-Sachs heißt nicht Emma Goldman-Sachs, und Anja de Vries heißt auch nicht Anja de Vries: Die Aktivistinnen des Peng! Kollektivs suchen den Schutz der Anonymität. Nachvollziehbar: Aktionen wie "Klingelstreich beim Kapitalismus" bewegen sich am Rande der Legalität. Das Peng! Kollektiv hat hierfür ein fiktives "Bundesamt für Krisenschutz und Wirtschaftshilfe" (angeblich unter dem Dach des Bundeswirtschaftsministeriums) gegründet und so führende Wirtschaftslenker in Gespräche über Alternativen zum Kapitalismus verwickelt. Beim Internationalen Sommerfestival im Hamburger Produktionshaus Kampnagel wird das Projekt ab kommenden Mittwoch in einer Installation präsentiert. Vorab erklären "Goldman-Sachs" und "de Vries", wie man sich das Vertrauen von CEOs erschleicht. Das Interview führte Falk Schreiber.

Peng.EmmaGoldmann SachsAnjadeVries 560 FalkSchreiberPeng! Aktivistinnen Emma Goldman-Sachs, Anja de Vries © Falk Schreiber

"Klingelstreich beim Kapitalismus", das ist eigentlich ein ganz traditioneller Klingelstreich: Sie geben sich als jemand anderes aus und führen Leute aufs Glatteis.

Emma Goldman-Sachs: Ganz klassisch. Wir rufen bei Menschen an, als ob wir an einer fremden Tür klingeln würden. Und die Leute springen auf, gehen ans Telefon, ohne zu wissen, wer da ist. Das ist ziemlich unschuldig.

Aber Sie rufen nicht bei irgendwelchen Menschen an. Sie rufen bei den Chefs von Firmen wie RWE, dem Flughafen Hamburg oder Westfleisch an. Wie kamen Sie da überhaupt am ersten Sekretariat vorbei?

Anja de Vries: Indem wir ganz viel telefoniert haben. Wir haben eine Website für unser "Bundesamt für Krisenschutz und Wirtschaftshilfe" gebaut, die war zentral. Und von der aus haben wir E-Mails geschickt, meistens an die Adresse auf der Firmen-Website. Und im Anschluss haben wir angerufen: "Wir sind vom Bundesamt für Krisenschutz und Wirtschaftshilfe, wir würden gerne mit dem CEO Soundso sprechen." Man wurde dann zu*r Referent*in durchgestellt, und dann hat man einen Termin bekommen. Manchmal musste man noch eine E-Mail schicken, mit einer weiteren Beschreibung des angefragten Gesprächs.

Was stand in diesen Mails?

de Vries: Wir haben gesagt, wegen der Corona-Krise würde es im Herbst eine Umfrage unter der Wirtschaft geben, und um diese Umfrage vorzubereiten, wollten wir mit dem CEO des Unternehmens sprechen, um seine Einschätzung der Branche einzuholen, zum Beispiel RWE für die Energiebranche oder die Helios Kliniken für das Gesundheitswesen. Dazu hätten wir Fragen, weil es ein nächstes Konjunkturpaket geben werde. Und zu diesem Konjunkturpaket gebe es dann auch die Umfrage, wie man das Geld am besten einsetzen könne. Die Webseite des Bundesamtes war so gestaltet, dass das Bundesamt angeblich bestimmte Szenarien durchspielt: demographischer Wandel, Automatisierung, Landwirtschaftskrise, Energieabhängkeit ... Und mit diesen Szenarien würden wir die Bundesregierung beraten, wie die Wirtschaft umgeformt werden sollte.

Dem Vorstand des Wohnungsbaukonzerns Vonovia haben Sie den Vorschlag gemacht, dass er gemeinnützig werden könnte ...

de Vries: Der hat erst gesagt, dass das nicht ginge. Dann meinte er aber, dass man sich überlegen könnte, eine gemeinnützige Tochter zu gründen – das war natürlich interessant. Und den Helios Kliniken haben wir vorgeschlagen, sie zu rekommunalisieren. Da meinte der Gesprächspartner sofort, dass privatisierte Krankenhäuser besser wirtschaften würden.

Aber das war doch klar, dass ein Privatunternehmen Verstaatlichungen nicht super findet.

de Vries: Wir wollten fragen, was die Lektion aus der Corona-Krise ist. Es gibt diese Fallpauschale im Gesundheitswesen, die bedeutet, dass die Krankenhäuser nur sogenannte "warme Betten" bezahlt bekommen. Und deswegen hat der Staat in den letzten Monaten 55 Milliarden Euro bereitgestellt, damit prophylaktisch genügend freie Bettplätze da sind, für Coronapatient*innen sowie auch Extragelder für Schutzausrüstung. Was das Ganze zeigt, ist, dass die Krankenhäuser nur mit Hilfe von staatlichen Geldern durch eine solche Krise kommen. Aber wenn der Staat so viele Gelder bereitstellt dann muss es doch auch ein staatliches Mitspracherecht geben. Da wir aber keine Expertinnen fürs Gesundheitswesen sind, auch nicht für die Auto- oder Luftfahrtindustrie, haben wir vorab mit dem Bündnis Krankenhaus statt Fabrik, mit Greenpeace, Oxfam und mit Gewerkschaften gesprochen. Und von denen Ideen eingeholt, was es für andere Ansätze für die jeweilige Branche gibt.

Peng Klingelstreich 560 ScreenshotPengVideo"Klingelstreich beim Kapitalismus" © Screenshot

Gewerkschaften, Greenpeace, das sind doch auch Interessenvertreter. Und die Angerufenen vertreten eben die Gegeninteressen. Diese Interessen sind bekannt. Wo ist jetzt die Erkenntnis?

Goldman-Sachs: Es ging nicht darum, konkret Alternativen aufzuzeigen. Wir wollten aber zeigen, wie Jede und Jeder aktiv sein kann. Diese Aktion bietet aktive Teilhabe. Nämlich bei der Telefonsituation: Jede und jeder kann ein Telefon in die Hand nehmen. Die Frage ist, ob man sich traut, das zu tun? Wir sind auch dort immer dilettantisch unterwegs gewesen, ohne den Anspruch, zu sagen: Das ist die Alternative. Die Alternative muss eben im gesellschaftlichen Diskurs entstehen. Und dass es diesen Möglichkeitsraum gibt, darauf hat der "Klingelstreich" abgezielt.

de Vries: Und ein zweiter Punkt: Es gibt eine Klimakrise. Und in den Gesprächen mit den Managern war das den meisten auch bewusst, und haben manche gesagt: "Naja, wenn Sie mich fragen, in meiner Position, muss ich Ihnen solche Antworten geben. Aber wir können gerne weiter brainstormen." "Klingelstreich beim Kapitalismus" spielt mit dieser Irritation, dass Menschen mehrere Rollen haben. Sie haben Verpflichtungen den Aktionären gegenüber, es gibt Verträge, es gibt einen gesellschaftlichen Auftrag ... Und trotzdem war die Frage, die das Bundesamt als Einladung an die Wirtschaft ausgesprochen hat, ob wir nicht jetzt einen radikalen Wandel brauchen und unsere Wirtschaft nicht ändern können. Oder sagen wir: Wir hängen in einem System von Interessen, und da kommen wir nicht raus? Das wäre für mich eine menschliche Tragödie.

Sie sprechen plötzlich von "Rollen" und "Tragödie". Das ist keine Aktionskunst mehr, das ist Theater!

Goldman-Sachs: Im reinsten Sinne.

de Vries: Was ich spannend fand, war: Ich habe die Rolle des Staates gespielt. Andererseits war ich ja, wie gesagt, eine Laiin. Das war ein Gespräch zwischen Wirtschaft und Staat, und gleichzeitig war es jedoch auch ein Gespräch zwischen Wirtschaft und Laiin. Da entstand ein doppelter Boden.

Und es war auch ein Gespräch zwischen Öffentlichkeit und Wirtschaft.

de Vries: Genau. So stelle ich mir das griechische Theater vor! Wie ein Amphitheater, und von den Rängen können die Menschen reinrufen.

Juristisch ist das eine Form von Amtsanmaßung.

de Vries: Unser Justiziar hat gesagt, das sei okay. Es wäre eine Straftat gewesen, wenn man betrügt, und dafür hätte man einen finanziellen Nutzen aus der Sache ziehen müssen. Wir haben aber keinen finanziellen Nutzen.

Naja. Der ehemalige Chefredakteur der "Bild", Kai Diekmann, nahm an, dass es sich hier nicht um ein Kunstprojekt handle, sondern um ein Verbrechen.

de Vries: Zur selben Zeit gab es noch andere Websites, die versuchten, Corona-Förderungen abzugreifen. Und auf der Seite des Wirtschaftsministeriums gab es auch einen Hinweis auf Betrüger. Wir sind dann in derselben Schublade gelandet. Das Wirtschaftsministerium hat das aber schnell wieder korrigiert, als klar wurde, dass unsere Website was anderes war.

Diekmann betreibt eine Kommunikationsagentur, Storymachine. Ist beispielsweise RWE Kunde von ihm?

Goldman-Sachs: Das sind alles nur Mutmaßungen, die wir da anstellen können.

de Vries: Wir haben gefragt, auch bei RWE. Keine Antwort.

Beim Internationalen Sommerfestival im Hamburger Produktionshaus Kampnagel wird ab kommenden Mittwoch eine Installation stehen: eine Telefonzelle mit Expert*innen-Imterviews und nachvertonten Mitschnitten der Gespräche. Dazu gibt es einen Film auf dem Youtube-Kanal des Peng! Kollektivs. Und als dritte Ebene gibt es die Reaktion der Medien.

Goldman-Sachs: Genau. Die ganze Aktion ist aber nur möglich durch Kampnagel. Die haben uns dieses enorme Vertrauen gegeben, dass wir diese Aktion machen können, und da sind wir sehr dankbar für. Beim Internationalen Sommerfestival wird der "Klingelstreich" quasi begehbar.

 

 
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