Kosmos des Trotzalledem

von Harald Raab

Weimar, 31. August 2020. Wagnermusik rauscht auf. In einem Bühnengefährt mit Schwan-Attrappe rollt er mit wallendem Gewand in den Hof der Alten Feuerwache: ein in die Jahre gekommener Lohengrin mit der Leibesfülle eines Bachus und dem gravitätischen Gehabe eines Göttervaters, raumgreifend wie ein Revue-Star. Er parliert mit Goethe, der als Pappmaschee-Figur zum Empfang bereit steht. Man ist schließlich in Weimar. Benny Claessens hat das Kunstfest 2020 dort eröffnet mit einem Feuerwerk der schauspielerischen, der schaustellerischen Höchstleistung.

Text egal: "PAUL oder im Frühling ging die Erde unter" von Sibylle Berg

Hurra, das Theater ist wieder da: wild, laut, komödiantisch, geliebt, gehasst, spannend wie Fußball – und doch auch von unendlicher Zärtlichkeit. Die Regel, dass man respektvoll mit Autoren umgeht, wird mit Witz und souveräner Chuzpe von Claessens missachtet. Das Stück "PAUL oder im Frühling ging die Erde unter" ist von der gebürtigen Weimarerin Sibylle Berg und wird hier von Ersan Mondtag inszeniert. Es ist die Geschichte eines Mannes, dem in Pandemie-Zeiten bewusst wird, schon vorher isoliert gewesen zu sein. Er erinnert sich an Ablehnungserfahrungen und an sein Coming-out als Schwuler, an die erste Liebesnacht mit einem Jungen.

PAUL 560 CandyWelz uBenny Claessens, Goethe und Schiller in "PAUL..." © Candy Welz

Claessens testet den Text auf Spielbarkeit, er hat das Manuskript in der Hand, liest, mal ironisch, mal mit Missfallen, wirft die Blätter widerwillig weg. Er lästert, kommentiert, präsentiert sich selbst. Er fragt Goethe, ob er überhaupt weitermachen soll. Der rät zum Durchhalten. Ein (fiktiver?) Anruf bei Sibylle Berg in Irland. Die beschwichtigt, der Text sei sowieso nicht wichtig. Er tanzt, zieht die große Show ab, singt das rockige "To bring you my love" der Dark-Queen PJ Harvey und setzt mit dem Schmachtfetzen "Both sides now" von Joni Mitchell einen gefühligen Schlusspunkt. Showtime halt. Und doch könnte die Achterbahnfahrt eines Liebeserwachsens nicht einfühlsamer vermittelt werden, als es Benny Claessens in seiner furiosen Jonglage gelingt.

Das Fremde in uns: Falk Richters "Five Deleted Messages"

Kontrastprogramm. "Five Deleted Messages" von Falk Richter. Auf der überhöhten Bühne vor einer drei Stockwerke hohen Leinwand. Hier performt Dimitrij Schaad einen Loser im Griff des Corona-Lookdowns. Der Schauspieler K. – Kafka lässt grüßen – ist auf sich selbst zurückgeworfen, steht nackt vor seinem Kühlschrank. Da ist niemand und nichts, was ablenken könnte. Er begegnet sich selbst – kein Zuspruch, keine Frauen. In dieser Sphäre blühen krude Verschwörungstheorien. Erkenntnis aus der Pandemiezeit: "Alles hängt mit allem zusammen." So banal wie wahr.

FiveDeleted 560 CandyWelz uDimitrij Schaad in "Five Deleted Messages" © Candy Welz

Schaad liefert ein facettenreiches Solo ab über das Existentielle, zwischen unfreiwilliger Komik und heulendem Elend. Das Individuelle wird zur Zustandsbeschreibung einer nach Sinn suchenden und gerade deshalb so verführbaren Gesellschaft. K. wollte Faust spielen und muss jetzt ohne Auftrittsmöglichkeit herausfinden, "was die Welt im Innersten zusammenhält". Vielschichtigkeit und Komplexität gelingen nicht zuletzt deshalb, weil der Videokünstler Chris Kondek mit von der Partie ist. Er verpasst dem Live-Spiel kein bloßes Blow-up auf der Leinwand. Die Videostrecke zeigt in autonomen Sequenzen das große Fremde in uns, den Identitätsegoismus unserer Tage. Regisseur und Autor Falk Richter hält Balance zwischen realer und irrealer Angst.

Kunstfest mit zwei Schwerpunkten und Freiluftkino

Einer der beiden Schwerpunkte des Kunstfests ist es, künstlerische Antworten zu finden, was die Covid19-Situation mit den Menschen macht, wie sie das Miteinander verändert: der Mensch dem Menschen eine Ansteckungsgefahr in der Pandemie der Einsamkeit.

Mephistopheles 560 ThomasMueller u"Mephistopheles" im Freiluftkino mit Regenschirmen © Thomas Müller

Goethes arkadische Landschaften stehen Pate für eine Video/Klang-Installation der italienischen Künstlergruppe Anagoor. Sie markiert den zweiten Schwerpunkt: Raubbau an der Natur, das Leiden aller Kreaturen. Des Dichterfürsten klassische Idyllen waren einst, Umweltzerstörung prägt jetzt die Campagna Romana und ihre Menschen. Der Titel, "Mephistopheles", verweist auf den Ungeist, der alles Lebendige verneint. Die Video-Bilder des Regisseurs Simone Derai sind von dramatischer Erzählkraft, grausam, aber auch voller Poesie. Das Elend der Menschen im Altersheim, die auf den Tod warten. Die Hölle der Schlachthöfe, die Ausbeutung der Landschaft durch die Agrarindustrie. Dieses Wechselbad der Bildsuggestionen wird live mit elektronischer Musik von Mauro Martunuz sphärisch potenziert, paraphrasiert.

Dieser Beitrag erinnert nicht von ungefähr an das alte italienischen Freilichtkino, dem Cinema all'aperto. Denn das geschlossene Areal der Alten Feuerwache wurde mit Bedacht als Hauptort für einen wesentlichen Teil der 60 Aufführungen gewählt. Werden wegen steigender Corona-Zahlen Hygienevorschriften verschärft, kann die Feuerwache in ein Autokino verwandelt werden. Wer will, kann Parallelen ziehen: Der Geist der Weimarer Klassik ist im Kunstfest 2020 lebendig. Ein Kosmos des Trotzalledem. Die Zauberformel heißt Bescheidenheit, die Ausdrucksform: das kleine Format, die Organisation ist mit strengen Abstandsregeln und Begrenzung des Ticketverkaufs straff.

Weltuntergangs-Geschichte: "Ghostdance" von Thomas Köck und Andreas Spechtl

Ein zeitkritisches Statement ist auch das Stück "Ghostdance - The art of living on a damaged planet", eine Art Bilder- und Gedankenreise quer durch den Shutdown. Hoch sophisticated beschäftigen sich der Dramatiker Thomas Köck und der Musiker Andreas Spechtl mit dem aktuellen und dem vergangenen Krisenmodus. Geliefert wird in dieser Geisterbeschwörung ein historischer Blick auf die Weltuntergangsstimmungen, die es immer schon gab. Ein enervierender Patientenbericht über Exorzismus und neuronale Phänomene des Tarantismus (Tanzwut) und des Vergessens lässt das Publikum verstört zurück.

Die anschließende Performance der Schauspielerin Annina Walt ist eine wütende Klatsche gegen das Lamento: Sie jagt mit Klopapierrollen Köck und Spechtl von der Bühne und macht als rasende Katastrophen-Jule ihrem Frust Luft: "Das Leben ist so langweilig ohne Kunst." Und allen ins Hirn getrommelt, die das Theater als politisches Tribunal missbrauchen: "Die Wahrheit des Theaters ist die Lüge." – vulgo Illusion. Geradezu fassungslos reagiert sie auf das Demonstrationsspektakel am selben Tag in Berlin: "Deutschland, schäme dich für Deutschland!" Die Spinner nicht als Verschwörungstheoretiker adeln, die Rechten als das benennen, was sie sind: Nazis.

Erhobener Zeigefinger vs. Formenzauber des Theaters

Philipp Ruch warb mit wohlbekannten Warnungen für sein Zentrum für politische Schönheit – der Schuldzuweisung an alle für das Sterben im Mittelmeer, der Aussage, Demonstrieren gegen Rechts sei für die Katz. Es müssten neue Formen her. Welche wohl? Ruch spielt mit dem Feuer, zündelt gar. Sei doch der Zusammenbruch der Zivilisation längst erfolgt. In wenigen Jahren werde die CDU Steigbügelhalter zur Machtergreifung der AfD sein.

Die Frage muss erlaubt sein: Wird bei dem Programm des Kunstfestes 2020 nicht zu oft der erhobene Zeigefinger bemüht? Wird Theater mit seinen aufgeregten Kassandra-Rufen nicht auch zum Durchlauferhitzer von hochkochender Hysterie und Frust?

Sieht man von dem Ruch-Auftritt ab, so ist der künstlerische Ansatz in Weimar aber doch so differenziert, die Bildästhetik so zwingend, dass man nach den ersten Tagen sagen muss: Hier triumphiert nicht – wie so oft – das Gutgemeinte über das Gutgemachte. Die Form wird nicht der politischen Aussage geopfert. Der Formenzauber des Theaters ist ein Beitrag zum Fortbestand von Zivilisation. Hoffentlich.

Kunstfest Weimar 2020
vom 26.8.2020 bis 13.9.2020

PAUL oder Im Frühling ging die Erde unter

von Sibylle Berg
Regie: Ersan Mondtag.
Mit: Benny Claessens.

Five Deleted Messages
von Falk Richter
Regie: Falk Richter.
Mit: Dimitrij Schaad.

Mephistopheles
Ein Film von Anagoor

Ghostdance – The art of living on a damaged planet
von Thomas Köck und Andreas Spechtl
Mit: Annina Walt, Ylva Sofia Stenberg (Sopran), Thomas Köck, Andreas Sprechtl.

www.kunstfest-weimar.de


Im #Nachtkritikstream zeigen wir zwei Produktionen des Kunstfest Weimar:

1.  September 20:30 bis 2. September 20:30: Schwimmen nach Weimar von Steve Karier

5. und 6. September: Livestream ab 20.30 Uhr: Ich bin nicht bereit, gerettet zu werden* & Pandemie - Eine Wiedergängerin von Sivan Ben Yishai. Regie: Marie Bues

 

Kritikenrundschau

"'Paul' und 'Fi­ve De­le­ted Mes­sa­ges' sind Mo­no­lo­ge für den Aus­nah­me­zu­stand, mit all den Män­geln, de­ren Zei­chen sie stolz tra­gen", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (3.9.2020): "in Ei­le her­ge­stellt, vom of­fe­nen Stü­cken­de schon zu Be­ginn über­schat­tet, schwa­chen Prot­ago­nis­ten auf die pa­pie­re­nen Lei­ber ge­schrie­ben". Kümmel lobt die Schauspieler und merkt an, dass bei­de Stü­cke auch Do­ku­men­te der Be­frei­ung seien, "zwei Ar­ten, auf­zu­tau­chen und Luft zu ho­len: Es hat et­was Neu­es be­gon­nen."

"Eine echte Uraufführung möchte man sich anders ­vorstellen", kommentiert Dorothea Marcus in der taz (4.9.2020) Bergs "Paul": "Nur manchmal bricht dann durch Claessens groteske Showbären-Sentimentalität doch noch so etwas wie Bergs universelle Traurigkeit." Anders Richters "Five Deleted Messages": Der Text ende "mit unser aller Ratlosigkeit – denn das Gefühl, die Pandemie hätte etwas verändert, hat sich schon längst in Luft aufgelöst". Die "Humanpartikel" (Falk Richter) rasten wieder ungebremst. "Schön, wie man sie beim Kunstfest Weimar noch mal nachdenkend verlangsamt."

"Kein Sprung ist dem Tagespolitarrangeur Richter bekanntermaßen zu weit und keine Moral zu banal", rechnet Simon Strauß in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (7.9.2020) mit "Five Deleted Messages" ab. Der "sonst so eindrückliche Dimitrij Schaad" wirke hier mit "redlich bemühtem Katastrophen-Kladderadatsch" trotz der aufwendig produzierten Videos im Hintergrund nur wie die schüchterne Vorband von Benny Claessens. Dem widerum liegt Strauß zu Füßen: "Einerseits nimmt sich sein stolz-schwules Ego alles heraus, bedroht die blasse Konvention, schüchtert ein, behauptet Übermacht; andererseits überspielt es die eigene Versagensfurcht, ist gefährdet und versucht, sich den gnadenlosen Kontrollblicken der Allgemeinheit durch ständige Veränderung zu entziehen. Ein queerer Brandauer. Eine vom Kopf auf die Füße gestellte Rampensau."

In der Süddeutschen Zeitung (11.9.2020) berichtet Egbert Tholl vom Kunstfest Weimar und schwärmt von Benny Claessens: "Er ist ein trauriger Clown mit verschmierter Schminke im Gesicht, aber auch der große Spieler, der Theater immer im Moment erfindet." Eigenartig an allen Auftragsstücken sei, "dass sie nach Ende des harten Lockdowns in Auftrag gegeben wurden, aber alle mit ihm hantieren", so Tholl. "Vielleicht muss man erst einmal das ganze Corona-Zeug aufschreiben, dann kann man es archivieren und zu einer von engen inhaltlichen und gedanklichen Zwängen befreiten Kunst zurückkehren." Immerhin habe das Kunstfest Weimar durchaus schon "Momente lebenden Theaters" geboten.

 
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