Was ist aus dem Traum von Europa geworden?

von Annemarie Bierstedt

18. September 2020. Wenn eine dänische Autorin ein Schauspiel über Geflüchtete schreibt und ein deutsches Theater dies inszeniert, könnte man skeptisch kulturelle Aneignung vermuten. Erst kürzlich löste "American Dirt" der US-Autorin Jeanine Cummins eine Debatte darüber aus, ob eine weiße Amerikanerin aus der Sicht einer Mexikanerin einen Roman über deren illegale Flucht in die USA schreiben darf. "Das Abendland" der dänischen Dramaturgin Julie Maj Jakobsen will gar nicht das Leid der Geflüchteten aus deren Perspektive erzählen. Stattdessen arbeitet es sich raffiniert und klug daran ab, was die Flüchtlingskrise mit uns Europäer*innen macht. Wo liegt unsere Verantwortung für uns selbst und untereinander? Wo bestehen Defizite? Was definiert Europas Identität? Und was ist aus dem Traum von Europa geworden?

Groteske Banalität, die bis ins Mark ergreift

Dirk Löschner, noch bis 2021 Intendant des Theaters Vorpommerns, hat nun die deutsche Erstaufführung des 2018 im dänischen Aalborg uraufgeführten Stücks inszeniert, für das die Autorin im selben Jahr als beste Dramatikerin ausgezeichnet wurde. Dass sowohl die Premiere als auch die Darbietung am darauffolgenden Tag im Großen Haus in Stralsund ausverkauft sind, untermauert die Brisanz des Stücks. Auch wenn unter Corona-Bedingungen die Anzahl der Sitzplätze auf etwa ein Drittel reduziert werden musste. Auf der hinteren Drehbühne von Giovanni de Paulis kreist in einem käfigähnlichen Labyrinth ein Tyrannosaurus rex als Symbolbild des Minotauros, Nachfahre der Europa in der griechischen Mythologie. Der abstrakte Bühnenraum ist bis auf ein paar Stühle leer. Keine Requisiten, nichts Konkretes. Das braucht Jakobsens Stück, das vom erzählerischen Beschreiben lebt, nicht.

Abendland 2 560 Peter van Heesen uEuropas Nachfahre? Ist ein Monster(dino) © Peter van Heesen

Auch Löschners Inszenierung kann den Betrachtenden gerade auch aufgrund der imaginierten Bilder mitreißen. Die absurd-komische und so traurige Erzählung spielt in einer Autobahn-Cafeteria irgendwo an einer Grenze in Europa. Das Tragische und zugleich das Potential, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, besteht darin, dass das Drama die persönlichen, oft von Konsum pervertierten Lebensgeschichten der Europäer*innen fokussiert, deren groteske Banalität den Zuschauenden vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise bis ins Mark ergreift. Nein, zum Glück ist Jakobsens Stück keine Gefühlspornografie aus der Tragödie anderer und Löschners eineinhalbstündige Inszenierung ist es auch nicht.

Alle sind sie müde Einzelkämpfer

Der Regisseur übernimmt den Originaltext und kürzt das ursprünglich für März 2020 geplante Stück um etwa 45 Minuten, damit es ohne Pause Corona-tauglich wird. Statt der 18 manchmal ineinander überfließenden Rollen spielen die sieben Schauspieler nur elf. Fesselnd sprechen und verkörpern die Darstellenden Figuren im Ringen mit sich selbst. Der Mitarbeiter (Felix Meusel) mit unsicherer Geschlechtsidentität hat nie eine dauerhafte Beziehung gehabt. Claudia Lüftenegger und Markus Voigt kämpfen als belgisches Ehepaar neben dem Bankrott mit dem Zerbrechen der Ehe. Während der lettische LKW-Fahrer von einem besseren Leben träumt, prahlt ein Geschäftsmann von der Fusion seiner Firma. Ein jeder ist müder Einzelkämpfer. Statt eines Gemeinschaftsgefühls herrscht Misstrauen. Als eine syrische Frau eintritt, sich immer mehr Flüchtlinge vor der Cafeteria versammeln, kulminiert der Konflikt im Verriegeln der Türen vor denen da draußen. Ein gestörtes System macht bei anhaltender Überforderung dicht.

Abendland 1 560 Peter van Heesen uMisstrauen statt Gemeinschaftsgefühl: die Figuren in "Das Abendland" © Peter van Heesen

Als syrische Frau, die sich neben die Leiche ihrer ertrunkenen Tochter kauert, um sich im nächsten Moment schreiend gegen die brutalen Wachmänner zu wehren, hat Annett Kruschke eine enorme Körperlichkeit. Als Wachmann und lettischer LKW-Fahrer mit Cowboystiefeln stellt Niklas Krajewski sehr überzeugend all jene dar, die sich außen vor fühlen und als Hüter des Abendlandes inszenieren: "Jetzt verpisst euch, ihr Schmarotzer. Wir verteidigen das, was uns gehört." Hut ab vor Feline Zimmermann, die sich aufgrund des grauenvollen Ekels mit heruntergelassenen Nylonstrümpfen auf der Bühne einen (gespielten) Durchfall abringen muss.

Sebastian Undisz Klaviersolo und die fünf Chöre verschiedenster europäischer Länder wie "Laila Laila" aus Tschechien und "Jetzt fahr'n wir über'n See" haben Singspielcharakter und doch rühren sie, teils Hoffnung verströmend, am Emotionalen. Das berührende Stück findet kein befriedigendes Deutungsnarrativ für ein künftiges Europa, aber es konfrontiert mit dem ohnmächtigen Agieren der Europäer*innen für mehr Menschlichkeit. "Frieden. Und sehe vor mir ein Bett. Einen Tisch", wünschst sich die syrische Frau. Eigentlich wollen doch alle das gleiche, oder nicht? Maliziös ertönen am Ende "I want a dog" von Hobo Johnson und anschließend langer Applaus.

 

Das Abendland
Von Julie Maj Jakobsen. Deutsche Erstaufführung
Regie: Dirk Löschner, Musikalische Leitung/Live-Musik: Sebastian Undisz, Bühne und Kostüme: Giovanni de Paulis, Dramaturgie: Oliver Lisewski, Regieassistenz/Abendspielleitung: Oliver Freund, Inspizienz: Bénédicte Gourrin, Kerstin Wollschläger, Soufflage: Lina Schmidt.

Mit: Felix Meusel, Feline Zimmermann, Annett Kruschke, Claudia Lüftenegger, Markus Voigt, Niklas Krajewski, Jan Bernhardt.
Premiere am 28. September 2020
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-vorpommern.de

 

Kritikenrundschau

Rezensent Reinhard Amler sieht in der Ostsee Zeitung aus Rostock (21.9.2020) ein "brandaktuelles" Stück, denn er sieht eine Geschichte aus dem abgebrannten Lager Moria. Intendant Dirk Löschner zeige auf ernüchternde, teil schonungslose Weise, was "diese Flüchtlingskrise aus uns macht." Und das "in völlig ungewohnter Spielweise. Dem eigentlichen Text wird nämlich immer eine Erklärung vorangestellt, was auf der Bühne gerade passiert oder passieren soll. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, das Ganze wäre eine Vorstellung für Sehbehinderte. Also für die Verantwortlichen in der Politik??? Am Ende löt sich der "Flüchtlingsstrom", der sich vor einer Raststätte versammelt hat, wieder auf. Alles scheint wie vorher. Eine "Lebenslüge" angesichts der Tatenlosigkeit und zunehmende Verdrängung des Problems in der Politik.

Antonia Ruhl schreibt in der Deutschen Bühne (online 19.9.2020): "Abschottungsbestreben und Hilflosigkeit der europäischen Flüchtlingspolitik" würden "geradezu paradigmatisch ins Bild gebracht". Dass die Lebensgeschichten parallel und gegeneinander erzählt werden und ständig wie in aller Munde sind, habe den "schönen Effekt", dass alle als nur von anderen Beschriebene dastehen und Rollenzuweisungen offensichtlich würden. So sehr die d"etailliert ausgearbeiteten Figuren" der Beliebigkeit entgingen, hätten sie doch "das Potenzial zum Typischen". Die Tendenz zum Statischen werde durch "Momente spielerischer Kraft" durchbrochen. Zwar sei das Bedürfnis nach einem kleinen utopischen Wink verständlich, nichtsdestotrotz wirkten die eingebauten "Chöre der Gemeinschaftlichkeit" wie aus dem Stück gefallen. An der Angst vor dem Unbekannten nimmt auch das Theater Schaden. Das konsequent zu zeigen, ist das Verdienst der stringenten Regie Löschners und seines konzentrierten Ensembles.

 
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