Wir sind nur Zombies hinter Phrasenmasken 

von Jürgen Reuß

Freiburg, 11. Oktober 2008. Die Welt ist schlimm. Täglich wird es schlimmer. Aber wie sieht der schlimmste Fall aus? Kathrin Rögglas "Worst Case", am Samstag im Kleinen Haus des Theaters Freiburg uraufgeführt, lässt die katastrophale Welt nicht untergehen, sondern in einer Puppenstube implodieren.

Das Publikum schaut von oben in ein um neunzig Grad gekipptes Schlafzimmer-Flur-Bad-Wohnzimmer-Ensemble (Bühne und Kostüme: Claudia Grünig). Im Schlafzimmer räkelt sich eine laszive Blondine (Johanna Eiworth), im Bad werkelt der Klempner (Florian Schmidt-Gahlen), im Wohnzimmer tummeln sich zwei Typen im Bildungsfernen-Look, einmal Marke Military (Frank Albrecht) und einmal Marke Hip-Hop (Ullo von Peinen), sowie zwei Frauen im lässigen Großstadtchic (Dorothee Metz, Vanessa Valk), die auch für den Puppentransport zuständig sind.

Leben aus zweiter Hand 

Neben den Schauspielern tritt nämlich auch eine graugesichtige Puppe auf, die das Stück eröffnet. Zwischen Sofa und laufender Glotze beschwört sie mit Kinderstimme in einem "mal sehen"-Lamento das kommende Unglück: "mal sehen, ob die wälder wieder brennen, (…) mal sehen, ob das ganze runterkommt und eine staubwolke uns entgegenschlägt, die alle farben schluckt." Als stumme Zeugin geistert die Puppe im Folgenden mit großen Augen durch die Stube wie eine Art Sixth Sense-Gespenst, das nur punktuell aus seiner Zwischenwelt zu den lebenden Akteuren durchdringt.

Auch die Lebenden haben ein Problem mit dem Durchdringen – zu sich, zur Welt, zueinander. Sie hocken in ihrer Behausung und sind mit dem offenbar katastrophischen Draußen nur vermittelt verbunden. Über Fernsehen, Radio, Telefon. Ihr gesamtes Denken ist auf das Eintreten des "Worst Case" gerichtet. Innerhalb dieser Fixierung existieren sie selbst nur als Monologe indirekten Zitierens anderer über sich. Wenn der Militärmodenträger erzählt, was ihm durch den Kopf geht, klingt das dann so: "er habe die informationen nur aus zweiter hand, er hätte sich ja stets auch nur in der zweiten reihe von alarmsituationen aufgehalten."

Damit ist auch eine der Grundbefindlichkeiten in Rögglas Stück benannt: Die Menschen haben das Gefühl, nur aus zweiter Hand zu leben. Nie waren sie wirklich irgendwo dabei. Sogar sich selbst kennen sie nur aus den Erzählungen anderer.

Sehnsucht nach dem Schrecken 

Je mehr dieser Monologe Regisseur Leopold von Verschuer geschickt ineinander verwebt, scheint aus diesem Schrecken ohne Ende eine seltsame Sehnsucht nach dem Ende mit Schrecken zu entstehen. Die Sehnsucht nach einem katastrophalen Ereignis, das von dieser vermaledeiten indirekten Erfahrung und Selbstungewissheit erlöst und den Menschen im unentrinnbaren gemeinsamen Leiden so etwas wie Authentizität (zurück?)gibt.

Kathrin Röggla, die als Literaturstipendiatin 2001 in New York zufällig in 9/11 hineingeriet, beschrieb dieses Gefühl für sich damals so: "Jetzt habe ich also ein Leben, ein wirkliches." Ihr Stück "Worst Case" wirkt wie eine Revision dieser damaligen Einschätzung. Eine gewisse Enttäuschung von der Katastrophe scheint durch, wenn der schaulustige Military-Man jetzt resümiert: "er könne nicht glauben, dass das jetzt das ende sei, also da fühle er sich jetzt doch betrogen, da fühle er sich ziemlich enttäuscht. das könne doch nicht wahr sein. er hätte sich gedacht, da käme noch was anderes heraus."

Die Inszenierung macht diese Enttäuschung durch eine treffende Neuverordnung der Sprecherstandorte deutlich: Irgendwann im monadischen Redestrom bricht die Puppenstube entzwei und in die Lücke schiebt sich ein überdimensionaler Frauenhinterkopf mit wunderbar lebendig wallendem Haar.

Im Jenseitigen verkümmert

Aus den Menschen, die in ihren Wohnungen nur eine Fernbeziehung zum Leben führen – ein sich irgendwie falsch anfühlendes Puppenhausdasein –, werden die Bewohner eines Oberstübchens, die Stimmen, die sich über Bildschirme, Telefonleitungen und sonstige Drähte ins Hirn gefressen haben und anstelle eines irgendwie authentischen Ichs das Kommando übernommen haben.

Der Worst Case dieser Inszenierung hat jeglichen Kontakt mit der Außenwelt verloren, ist ein intraneuronaler Kollaps. Wir alle sind die hirntoten Zombies hinter den Phrasenmasken, mit denen die Schauspieler zum Schluss aufs Publikum zuwanken. Während das arme innere Kind, verkörpert von der graugesichtigen Puppe, längst im Jenseitigen verkümmert ist und nur noch Staumeldungen verlesen kann.

Man muss diesen Abschied vom Politischen in die manische-depressive Innenschau mögen, um den Reiz des Stücks zu entdecken. Das Publikum spendete angemessen verhaltenen Applaus für diese Kopfgeburt.

 

Worst Case
von Kathrin Röggla (UA)
Regie: Leopold von Verschuer, Bühne und Kostüme: Claudia Grünig, Puppenbau: Dorothee Metz, Musik: Bo Wiget. Mit: Frank Albrecht, Johanna Eiworth, Dorothee Metz, Florian Schmidt-Gahlen, Vanessa Valk und Ullo von Peinen.

www.theater.freiburg.de

 

Mehr lesen über Kathrin Röggla und Leopold von Verschuer? Im Mai 2008 inszenierte von Verschuer die Uraufführung von Rögglas publikumsberatung (eine schüchterne veranstaltung) im Zürcher Neumarkt Theater. Ebenfalls im Mai schrieb Kathrin Röggla auf der nachtkritik-stuecke08-Seite über ihre Erwartungen an die Dramatik der Gegenwart.

 

 

 
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