Die Nora in Leyla

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt am Main, 18. Oktober 2008. Die Geschichte von Leyla und Medschnun kennt im Orient jedes Kind: Leyla und Kays lieben sich von Schülerbeinen an, die Eltern sind dagegen, und so wird aus der Liebessache nichts. Kays bringt das schier um den Verstand, weswegen ihm der Beiname Medschnun, "der Wahnsinnige", gegeben wird. Medschnun verzieht sich in die Wüste, lebt fortan für höhere Wahrheiten, fängt an, mit Tieren zu sprechen, während Leyla mit einem Mann ihrer Nichtwahl verheiratet wird.

Später treffen die beiden noch einmal aufeinander, doch Medschnun kann seiner Liebe zu Leyla nicht mehr nachgeben, verlöre sie doch dadurch für ihn all ihre mystisch übersinnliche Kraft. Der Frankfurter Theatermacher Alexander Brill hat aus dem Stoff jetzt eine moderne Fassung erarbeitet, die auf der türkischen Vorlage von Mehmed Fuzuli aus dem 16. Jahrhundert und der persischen von Nizami aus dem 12. Jahrhundert basiert.

Zwischen Tradition, Moderne und Bollywood

Die Bühne in der Jugend-Kultur-Kirche Sankt Peter ist dreigeteilt. Links ein aus zwei Ebenen bestehendes Gerüst, rechts eine Bühne und dazwischen ein langer Laufsteg, der keinen Ausweg bietet. Die Zuschauer sitzen zu beiden Längsseiten des Stegs und verfolgen das Geschehen wie ein Pingpongspiel. Als sie Platz nehmen, dröhnt aus den Boxen passenderweise Eric Claptons "Layla", wie den ganzen Abend über immer wieder die Musik die Regie übernimmt. Traditionelle Lieder und herzzerreißende Balladen werden gesungen, aber auch Popsongs und bollywoodeske Schlager erklingen.

Es spielt das multikulturelle Ensemble theaterperipherie, das sich für jede Produktion neu formiert und diesmal Laienschauspieler mit afghanischen, iranischen, kurdischen, libanesischen, marokkanischen, pakistanischen und türkischen Wurzeln vereint. Brill, auch Leiter des laiensclubs am Schauspiel Frankfurt, hat theaterperipherie ins Leben gerufen. Nach dem ersten Erfolgsstück "Ehrensache" von Lutz Hübner, aufgeführt im Januar dieses Jahres, konfrontiert er die Darsteller wiederum mit ihrer eigenen Geschichte und die ebenso bunt gemischten Zuschauer mit.

Irrsinn der Liebe

Brill packt seine Darsteller dabei an ihrer Spiellaune und hat mit seinem Medschnun einen Trumpf in der Hand. Der 26 Jahre alte Hadi Khanjanpour, in Teheran geboren und seit 23 Jahren in Deutschland, verkörpert diesen Liebenden wie einen Irrsinnigen: Mal säuselt er schwüle Liebesschwüre ins Mikrofon, dann spielt er den vorwitzigen Kasper, um im nächsten Moment als unbeugsamer Märtyrer in Sachen Liebe dazustehen. Der dünne Kerl erweist sich dabei als fulminantes Energiebündel. Eine der rührendsten Szenen liefert er sich mit dem sagenhaften Liebesboten (Tolga Tekin). Während sich die breitbeinige Kanakengang gerade wieder einmal zusammenrottet, liegen die beiden sich schluchzend in den Armen.

Immer wieder vertraut Brill auf kleine Ideen, die große Wirkung erzielen und beweist darüber hinaus ein gutes Gespür für Stimmungen, mal zart, mal witzig. Seine Schauspieler stellen Gazellen, Affen, Geier und Flamingos dar, ohne dass das zur peinlichen Nummer gerät. Als Erzählerin im Stück fungiert Marzieh Alivirdi, die für ihre feministische Slapsticknummer zu Recht Szenenapplaus erhält.

Was geschah, als Leyla das Haus verlassen hat

Brills Text mixt den Jugendjargon unserer Zeit mit der Metaphernwucht orientalischer Poesie. Mit farbenfroher Exotik hat er gottlob nichts am Hut. Vielmehr beleuchtet er ein gesellschaftlich zementiertes Frauenbild, bei dem die Verehrung von der Verachtung immer nur eine blumige Redewendung entfernt ist. Brills Leyla aber ergibt sich ihrem Schicksal nicht. Während sie bei Fuzuli und Nizami am Ende brav ihr Leben aushaucht, steht sie in Frankfurt in der Tradition von Ostermeiers Nora auf. Und schießt zurück.

PS: Natürlich kann man im Fall von theaterperipherie die Sozial- von der Theaterarbeit nicht leicht trennen, doch Multikulti ist hier kein Totschlagwort. Wer sich über die mangelhafte gesellschaftliche Teilhabe von Migranten beklagt, kann von Brill lernen, wie man Angebote macht, die echte Teilhabe nach sich zieht, ohne die Kunst an Folklore und Pädagogik zu verraten. Und wo sonst als in Frankfurt, der Stadt mit dem höchsten Ausländeranteil in Deutschland, könnte so ein Ensemble Furore machen?

 

Leyla und Medschnun
von Alexander Brill
Ensemble theaterperipherie, Jugend-Kultur-Kirche Sankt Peter
Eine Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt.
Inszenierung und Bühne: Alexander Brill, Kostüme: Nadja Kaster. Mit: Marzieh Alivirdi, Hadi El-Harake, Asif Hussain, Arasch Farugie, Ilyas Kariouh, Deniz Kezer, Hadi Khanjanpour, Duran Özer, Tolga Tekin.

www.theaterperipherie.de

 

Kritikenrundschau

In der Frankfurter Rundschau (20.10.) berichtet Peter Michalzik, dass Alexander Brills Jugendarbeit am Schauspiel Frankfurt unter dem neuen Intendanten Oliver Reese keinen Platz mehr haben werde, weil dieser ein eigenes Jugendtheater gründen wolle: "25 Jahre existierte sie, erst als 'Schüler-', dann als 'laiensclub', das älteste deutsche Theater seiner Art. Heute nennt man Laien 'Alltagshelden', 'Experten' oder 'Bürgerchor', lange, lange vor dieser neuen Bewegung aber haben Theater wie der 'laiensclub' erkannt, dass das Schauspiel die einzige Kunst ist, in der der Dilettant einen legitimen und sogar wichtigen Platz hat." Doch Brill setzt seine Arbeit im Theater "theaterperipherie" fort, nun "in den Randbereichen und an den Kulturgrenzen", und über seiner jüngsten Arbeit "Leyla und Medschnun" verspüre man vor allem Freude: "Man freut sich, wie leicht hier das Exotische alltäglich und normal wird. Man freut sich, welche Kraft die Form des Theaters entwickelt, um so eine ferne Geschichte einfach und konzentriert zu erzählen."

Mit seiner Bühnenfassung von "Leyla und Medschnun" habe Alexander Brill die Liebesgeschichte, die im Epos "über sich selbst hinaus ins Metaphysische" wachse, "auf den Boden der agnostischen Gegenwart geholt, die opulente Metaphorik des Orients dabei aber weitgehend gewahrt", schreibt Claudia Schülke in der Rhein-Main-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen (20.10.). Trotz ihres hohen Anspruchs habe die Produktion jedoch "ihren sozialpädagogischen Hintergrund nicht überspielen" können, vielmehr sei "das Dilettantische der Aufführung in den Vordergrund" getreten. Die Inszenierung sei "holzschnittartig zusammengesetzt: viel Gerenne, viel Gezappel, wenig aussagekräftige Bilder, dafür ein unverständlicher alberner Soloauftritt der Erzählerin". Das Sujet aber sei es wert, "in der Fassung eines kundigen Dramaturgen auch einmal professionell aufgeführt zu werden".

 

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