Die Lieder aber schreiben die anderen

von Esther Boldt

Frankfurt, 26. Oktober 2008. Einmal auf Null gehen! Einmal Neuanfang! Einen ganz persönlichen Urknallmoment zur Begründung einer neuen Geschichte! Etwa den, kurz bevor sie sich zum ersten Mal küssten: Sie hielt ihre Stirn an seine gedrückt, ihre weißblonden Fransen und seine goldblonden Locken fielen ineinander, und sie sagte: "Ich will nicht, dass der Moment aufhört." Und er sagte: "Sag jetzt nichts", und sie zogen den Moment vor ihrem ersten Kuss in die Länge, in eine ungeheure Ewigkeit, eine unlautere Glücks- und Vorfreudenverlängerung. "Das ist der Anfang von etwas ganz, ganz Großem."

Von etwas Großem, etwas Blutigem und Ungeheurem, ja. Aber kein Neuanfang. Schließlich heißen die beiden Liebenden Siegfried und Kriemhild, ihre verkrachte, schuldbehaftete Liebes- und Familiengeschichte ist der Stoff von Mythen, Opern, Filmen und Dramen. Der Regisseur Robert Lehniger packt den urdeutschen Stoff bei seinem historischen Ballast und inszeniert in der Schmidtstraße des Schauspiels Frankfurt "Nibelungen. Remake eines deutschen Trauerspiels nach Friedrich Hebbel mit Texten von Johannes Schrettle".

Umwege zum Trauerspiel

Dabei interessiert sich Lehniger ebenso brennend für die Heldensage selbst – seine Faszination für die "Nibelungen" spürt man in jedem Augenblick – wie für die Frage, wie diese großen Geschichten sich ins kollektive Gedächtnis fräsen. Er fügt dem Stück eine Metaebene hinzu, die Frage nach Ursprung und Reproduktion, nach Geschichtsschreibung. "Alles hat mal mit einer Kopie begonnen", räsoniert ein Archivar draußen im Gang, "oder das Original gibt es noch gar nicht."

"Nibelungen" beginnt als bespielte Hausinstallation, in der das Publikum durch Flure, Treppen und Keller der alten Lagerhalle geführt wird. Auf Umwegen gelangt man wieder auf die Bühne, die mit Regalen labyrinthisch in viele kleine Räume unterteilt ist. Da schwadroniert einer über den Gott Odin, gegenüber ein blutgetränktes Bett, und eine junge Frau schreibt immer wieder "Ich darf kein Kreuz machen auf meines Liebsten Gewand" mit Kreide an die Wand. Durch eine Tür stolpert man unversehens in einen Zuschauerraum, dort geht es los, das deutsche Trauerspiel.

Ein vielschichtiges Ideenreich

Die vorher eingezogene Metaebene löst sich überraschend flüssig, beiläufig ein, denn noch während die Geschichte von Gunther und Brunhild, von Siegfried, Kriemhild und Hagen Tronje geschieht, wird sie zur Historie verschrieben – wenn Kriemhild etwa Hagen ihre Angst anträgt und Anne Müller auf der Treppe kauert, angespannt bis in die Fingerspitzen, und sagt: "weißt du nicht, was doch in Liedern schon gesungen wird, dass er an einem Fleck verwundbar ist?" Aljoscha Stadelmanns Hagen ist ein lüstern-fieser Einflüsterer, der ein waches Auge auf das Schlossgeschehen hat und König Gunther (Wilhelm Eilers) fest im Griff. Per Videoprojektion beobachtet Hagen, wie Brunhild (Julia Penner) in ihrer Hochzeitsnacht Gunther unterbuttert und ruft Siegfried, die störrische Isländerin ein weiteres Mal zu bändigen.

Man hat die Räume, die nun per Video herangeholt werden, vorher selbst durchgangen, wie das Blutbett, auf dem Brunhild gebrochen wird. So schafft Lehniger ein bilderstarkes, vielschichtiges Ideenreich, in dem sich Nibelungensage, Inszenierung und die Erinnerung des Zuschauers überlagern. Der Abend birst schier vor Einfällen und Assoziationen, von denen manche furios funkelnd überspringen, andere schlicht in die Leere gehen.

Die Fragen der Nachgeborenen

Das Ensemble agiert präzise und dicht in diesem fast filmischen und doch so theatralen Bildertanz, allen voran Sebastian Schindegger als Siegfried, der den Helden von Anfang an von der komischen Seite nimmt, ohne die Fallhöhe zu reduzieren. Der hinreißend zu 80ies-Songs den Schwertschlucker spielt und sich maulfaul der eigenen Heldenerzählung verweigert, als Gunther und Hagen ihn nach der Sache mit dem Drachen fragen: Die Lieder schreiben ohnehin immer die anderen.

Der Kuss aber, den sich Siegfried und Kriemhild zärtlich abrangen, hat nur den Untergang besiegelt, und so überlagern sich am Ende das finale Gemetzel und die Fragen der Nachgeborenen, die Anne Müller herausschreit. Im weißen Hochzeitskleid springt sie aus ihrer Kriemhildrolle: "Wir quälen uns schon seit drei Stunden mit diesem Lied herum!" Wie ein weißer Wirbelsturm fegt sie durch den Raum, während sich die Männer an den Textbüchern festhalten, und schreit den Zorn und die Ratlosigkeit heraus darüber, wie man überhaupt mit etwas anfangen könne, wo doch alles immer schon da ist?

Man möchte ergänzen: Wenn auch der aufgeschobene Kuss kein Einmaligkeitsgarant, sondern bloß wieder der Fetzen einer tausendmal erzählten Liebesgeschichte ist? So bleibt nur der Tod als martialischer Schlusspunkt, als Ende von allem, und Müller springt zurück zu Kriemhild und tötet ihre Widersacher, lange und qualvoll.

 

Nibelungen
Remake eines deutsche Trauerspiels nach Friedrich Hebbel mit Texten von Johannes Schrettle
Regie: Robert Lehniger, Grundraum: Maria-Alice Bahra, Jan Alexander Schroeder, Ausstattung: Irene Ip, Video: Bert Zander. Mit: Wilhelm Eilers, Aljoscha Stadelmann, Nicholas Reinke, Sebastian Schindegger, Anne Müller, Julia Penner.

www.schauspielfrankfurt.de


Andere Nibelungen? In Freiburg inszenierte im Februar 2008 Christoph Frick das Hebbels Trauerspiel. Mit Hebbels Großsdrama startete auch Karin Beier im Herbst 2007 ihre Kölner Intendanz. Etwas lockerer geht Dieter Wedel in Worms bei den Nibelungenfestspielen mit dem Stoff um – den hier Moritz Rinke dramatisch bearbeitet hat – und die der Volksmund deshalb manchmal auch Wedelungen nennt.

 

Kritikenrundschau

Nach dem für sie streichbaren "Vorlauf" des Abends mit aufgeteilten Zuschauergruppen mag Sylvia Staude von der Frankfurter Rundschau (28.10.) eigentlich kaum vermuten, "dass das noch was werden könnte". Jedoch: "Der Rest dieser 'Nibelungen'- Inszenierung Robert Lehnigers (...) wäre dann ziemlich gut so, wie er ist: Macht manchmal arg auf lustig, hat aber mehr als nur einige starke, konzentrierte Momente." Dabei sei das Handlungsgerüst "in knappe, durchaus bildmächtige Szenen gefasst" und "erstaunlich viel" vom Hebbel-Text zu hören, dazu "in Scharnierfunktion auf heutig Machendes" von Johannes Schrettle. Zu sehen außerdem ein Siegfried wie aus einer Hollywood-Komödie. Lehnigers "Charakter-Grobzeichnung" habe immer wieder "erstaunliche Wurzeln in die Tiefe". So seien diese Nibelungen "gerafft und zugespitzt, hart und zart" und am stärksten die beiden Frauen Brunhild und Kriemhild.

Bisweilen sehe es so aus, "als sei keinesfalls beabsichtigt, die Personen in einer linearen Handlung an die überlieferten Theatergesetze zu binden", schreibt Michael Hierholzer in der Rhein-Main-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen (28.10.). Stattdessen zerfielen diese "Nibelungen" zu "Fragmenten eines Gesamtkunstwerks, aus Theater und Film, Licht und Klang, Szenerie und Vortrag, Text und Musik, Sage und Gegenwart, Trauerspiel und Farce". Doch daneben sei an diesem Abend eben auch das Hebbel-Stück und "die Macht, die Kraft, die Wucht des Mythos" zu erleben. "Dank der großen Somnambulen des hiesigen Sprechtheaters", nämlich Anne Müller als Kriemhild, stehe am Ende außerdem "ein Mythos der besonderen Art: das starke Gefühl". Und "die flirrende Reinheit der Empfindung" könne niemand "so betörend zum Ausdruck bringen". Durch den Zuschauer-"Initiationsritus" vom Anfang, der zur Kunst führe, werde "die Realität erst einmal zum Verschwinden gebracht". Thema dieser "kurzweiligen, mit Symbolen überfrachteten" Adaption sei auch, dass "die Helden von heute mit Popstars verwechselt werden können". Denn: "Pop ist Mythos: eine weitere Gleichung", die in dieser Inszenierung aufgehe.

Marcus Hladek von der Frankfurter Neuen Presse (28.10.) findet den "Lehr-Parcours" zu Beginn zwar schick aber wenig lehrreich. Der Rest folge dann dem "Spielmodell Schmidtstraße: sehr frei, aber nicht gar so dramenfern, wie man denkt, ein bisschen albern und stark drauf aus, die Subjektivität der Darsteller ins Spiel zu setzen". Vor der Pause spiele sich das nah an den Zuschauern, darunter auch eine "opernhafte Trockeneis-Orgie", die allerdings "wie eine Billig-Parodie mit 'Koyaanisqatsi'-Gedöns auf Wedels Wormser 'Nibelungen'" anmute. Anne Müllers Kriemhild allein stifte das, was bleibt "von den Luftsprüngen ins Neue": Wenn sie vom "Burgunderhaufen per 'Nibelungenlied' exorziert werde, beschwöre sie "den einen, verlorenen Moment möglichen Anfangs zwischen ihr und Siegfried". Das sei "Kitsch, oh ja. Aber starke Geste."

 

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