Leuchtendes Düsterland

von Maximilian Sippenauer

München, 5. Juni 2021. Als sich, nur für Sekunden, auf der bühnenbreiten schwarzen Rutsche drei Schatten abseilen, horizontal schreitend, dabei chorisch-monoton deklamierend, ist das vielleicht eine kleine Spitze gegen jenen Regisseur, der in München ein Theater weiter (am Residenztheater) seit Jahren martialisch dunkel auf Stahlmaschinen marschieren lässt. Gemeint ist der Regisseur Ulrich Rasche, in dessen Arbeiten mitunter Neodeutschtümelei interpretiert wird – die in dieser Inszenierung von Pınar Karabulut an den Münchner Kammerspielen hingegen unter Verdacht steht.

Bürgerliche Sexualscheinheiligkeit

Entsprechend wird heute Abend nicht marschiert, sondern gerutscht, getänzelt, geplanscht, wenn die Inszenierung dem bedeutschten Deutschen nachspürt. Obgleich die Lieblingsfarbe der Urtextverfasserin Schwarz-Weiß ist, werden an diesem Abend vornehmlich pastellige Puppenkleider getragen oder Schlaghosen in Rosa und Hellgrün und natürlich ganz viel Glitzer. Düsterland leuchtet als crazy Neokitsch. Heldin des Abends: Die Schriftstellerin Gisela Elsner. 1937 in Nürnberg in beste Verhältnisse geboren und gegen diese ein Leben lang angeschrieben und angekämpft. Sozialistin, Feministin, Hedonistin. 1992 sprang Elsner aus einem Fenster einer Münchner Privatklinik in den Freitod. Knapp drei Jahrzehnte später widmet man ihr an den Münchner Kammerspielen nun mit "Der Sprung vom Elfenbeinturm" einen Abend, bald Nummernrevue, bald Portrait. Regisseurin Pınar Karabulut hat dafür zusammen mit Mehdi Moradpour mehrere Elsner-Texte zu vier lose verknüpften Bildern arrangiert, die im Wesentlichen alle großen Elsner-Themen abklopfen: der schwelende Faschismus in der BRD, die Utopie eines echten Sozialismus im Angesicht des Made-In-Germany-Kapitalismus, die bürgerliche Sexualscheinheiligkeit sowie die prekäre Rolle der Frau im Allgemeinen und der der künstlerisch oder intellektuell unbequemen, sprich aktiven Frau im Speziellen. Kurzum: ziemlich viel Holz, selbst für 150 Minuten, was sich zuletzt rächen wird. "Für uns gab es nichts Großartigeres als diesen Weltkrieg".

Elfenbeinturm1 München 560 Emma Szabó uWilde Nummernrevue: Annette Paulmann, Zeynep Bozbay, Gro Swantje Kohlhof © Emma Szabó

Fünf Kinder spielen Nazideutschland in Nazideutschland. Verwandeln eine zerbombte Ruine während des zweiten Weltkriegs in eine Tauschbörse für Kriegsdevotionalien wie arische Glasaugen, Holzbeine oder russische Kugeln von der Ostfront. Diskutieren über Erbmasse und Endlösung und verwirklichen sich ihren Traum von einem Kinder-KZ. Karabulut inszeniert diesen satirischen Horror aus Elsners "Fliegeralarm" als Freakshow. In der Talsohle jener gigantischen schwarzen Rutsche, die das Bühnenbild ist, stehen fünf SchauspielerInnen in glitzernden Moonboots und rosa und hellblauen Puppenkleidern, rotblonden Perücken, Schleifchen auf dem Kopf und Silikon-Augen auf den Augen. Überdreht wie Spongebob-Figuren, mal schnell und piepsig schnatternd, mal comichaft auf der Stelle trampelnd, verschmelzen hier Kinderkasuistik und Nazilogik und entpuppen sich als erschreckend deckungsgleich. Zum Zusehen macht das sehr viel Spaß, es zeigt sich aber bereits ein Grunddilemma des Abends: Die krasse Überzeichnung bewahrt zwar vor einer trivialen Aktualisierung des Stoffes. Als klamaukiger, surrealer Albtraum inszeniert, ist die wahre Bedeutung dieses Nazi-Spielens intellektuell dechiffrierbar, bleibt emotional aber fern. Das scheint sich zu ändern, als vier bayerische Jäger ins Bild rutschen.

Unter der Haut des BRD-Spießers

Sprung in die 80er Jahre: Auszüge aus Elsners "Heilig Blut". Drei Altnazis erschießen während der Jagd einen anderen Jäger. Gott sei Dank ein Wehrdienstverweigerer, der eh viel zu weich und unentschlossen war. Der Mord wird vertuscht, der Tote verscharrt, der schlaffe Leichnam an Seilen die Bühnenrutsche hochgeschleift. Ziemlicher gute Fortschreibung. Das Feuer der faschistischen Ideologie, das in den Augen der Kriegskinder flammte, glimmt hier eine Generation später unter der Haut des BRD-Spießers subkutan weiter. Doch anstatt diese Analyse Elsners nun weiter zu verfolgen, entscheidet sich Karabulut für einen inhaltlichen Break: Genug Antifaschismus. Jetzt läutet‘s Kapitalismuskritik. Das Stück nimmt in der Folge an Fahrt auf, verliert dafür aber zunehmend an Fahrtrichtung. Ein Schraubenfabrikantenangestellter schildert, in rosa Schlaghose pirouettierend, seinen Albtraum von der herkulische Aufgabe alle Schrauben der Schraubenfirma Bissel und Söhne zählen zu müssen. Stefan Merki spielt das ziemlich unterhaltsam. Dann rückt in einer Reihe kleiner Szenen Gisela Elsner in den Vordergrund. Wird von einem russischen Oberst angebaggert. Dann in einer Talkshow von einem Chauvie interviewt, bis es ihr schließlich reicht und sie zu rappen beginnt. Es geht um den Sexismus, gegen den sich Elsner wehren musste. Die ermüdenden Legitimationen darüber, warum sie schreibt, was sie schreibt und das noch dazu als Frau und so weiter.

Elfenbeinturm2 München 560 Emma Szabo uKörperliche Kapitalismuskritik: Gro Swantje Kohlhof © Emma Szabó

Dazwischen entzündet Wiebke Puls das olympische Feuer und scheitert in Kurzintermezzi in verschiedensten Sportarten: Die Ringe hängen zu hoch, die Kugel fällt aus der Hand und Hochsprung klappt auch nicht. Klar, um Scheitern geht es in Werk wie Leben der Gisela Elsner auch. Das ist alles sehr lustig und die acht SchauspielerInnen sind mitreißend, nur verliert man ob der Sprunghaftigkeit den Überblick. Der kommt wieder, als in einem Kurzfilm am Ende noch das Paradoxon Libido und Bürgerlichkeit verhandelt wird. Swingerparty in der Vorstadtvilla. Hecheln, Schnaufen, Zusammenstoßen, Sich-Entwinden. Bloß nicht mit dem eigenen Partner schlafen. "Schamröte im Dunkeln". Hier, im naturalistischen Setting einer Fernsehserie ist sie dann doch am stärksten zu spüren, jene brillante Dialektik, zu der Elsner fähig ist, zwischen schonungsloser Hyperbel und nicht minder radikaler Ehrlichkeit. Elsners Erkenntnisprinzip: Voll in und auf die Fresse.

Die perfekte Antithese

Karabuluts "Der Sprung vom Elfenbeinturm" ist eine multiperspektivische Annäherung an die inzwischen eher vergessene Schriftstellerin. Die Überfrachtung scheint dabei aber nicht nur Hommage, sondern auch Ablenkungsmanöver von einem Kernproblem: Denn Elsner bleibt als perfekte Antithese zur alten Bundesrepublik notwendig ein Teil derselben. Und obgleich ihre Themen heute nicht minder virulent sind, hätte ein Wirksammachen für die Gegenwart mehr Fokus und mehr Loslösung von Elsner bedurft. So ist das Stück jetzt nicht ganz die große Studie über das Deutschsein, sondern vor allem eines: ein surreales Biopic.

Der Sprung vom Elfenbeinturm
Nach Texten von Gisela Elsner
In einer Fassung von Pınar Karabulut und Mehdi Moradpour
Regie: Pınar Karabulut, Bühne: Bettina Pommer, Kostüme: Aleksandra Pavlović, Musik: Daniel Murena, Licht: Maximilian Kraußmüller, Video (Kamera & Schnitt): Su Steinmassl, Dramaturgie: Mehdi Moradpour.
Mit: Zeynep Bozbay, Gro Swantje Kohlhof, Bekim Latifi, Stefan Merki, Annette Paulmann, Wiebke Puls, Vincent Redetzki, Edmund Telgenkämper.
Premiere am 5. Juni 2021
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de 

 

Kritikenrundschau

Der BR (6.6.2021) ist hoch erfreut über diese Inszenierung: Regisseurin Pınar Karabulut gebe schon mit dem ersten Bild ästhetisch die Marschrichtung ihrer Inszenierung vor – und zwar, indem sie das Überzeichnende der literarischen Vorlage auf die Bühne übertrage. Dieser "Bühnenritt" habe einen "bedrohlichen Witz", der Gisela Elsners literarischem Werk sehr entgegen komme. Und so passe der Abend auch zum Anspruch der neuen Intendantin der Münchner Kammerspiele, Barbara Mundel, Frauen auf verschiedenste Weise ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Laut Kritik haben Pınar Karabulut und ihr Team dafür "einen grandiosen Aufschlag geliefert".

Für Egbert Tholl hätte dieser Abend "großartig" sein können, schreibt er in der Süddeutschen Zeitung (6.6.2021), aber: Es stehe sich die Regisseurin "selbst im Weg". Pınar Karabulut habe aus Texten von Gisela Elsner, aus Romanen und Interviews eine "schillernde Textvorlage" erstellt, "ein Panoptikum voller Verheißung auf einen herrlich bösen Abend". Leider trete diese nur selten ein. Albern sei vieles, wenig böse und oft disparat. Einzelne Passagen findet der leicht enttäuschte Kritiker gut: Ein Interview mit Schauspielerin Annette Paulmann als Giesela Elsner sei "luzide", der halbstündige Film ein Höhepunkt. Als eine "fabelhaft entworfene, beißende Satire auf Männergier in der Eigenheimhölle" beschreibt ihn Tholl. Und so seufzt der Kritiker am Ende seines Textes kurz: Für ihn hätte die Regisseurin alles konzise zusammenbauen sollen, dann wäre dieser Abend "eine Wucht".

 

 

 
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