Endlich unglücklich!

30. Januar 2022. Milan Peschel und sein Ensemble kündigen Vaudeville-Theater an, doch von großer Akrobatik, Slapstick und Sketchen keine Spur. Die Enttäuschung ist groß, bis etwas Unerwartetes geschieht.

Von Max Florian Kühlem

30. Januar 2022. Im letzten Drittel geschieht doch noch ein kleines Theaterwunder. Fast hatte man Milan Peschels Stückentwicklung "The Head in the Door oder Das Vaudeville der Verzweiflung" schon aufgegeben: zu redundant, entwicklungslos verharrend im Meta-Diskursraum, spektakulär unspektakulär. Aber dann wird mit dem Stillstand der Drehbühne und der Versammlung des Ensembles auf engstem Raum plötzlich der Text lebendig und interessant: Es gibt hier ja doch ein Anliegen, eine tiefere Ebene hinter abschnurrenden, oft mauen Intellektuellenwitzen.

Spieler, Regisseur, Tischler

Milan Peschel, bekannt als Schauspieler unzähliger Film-, Fernseh- und Theater-Produktionen und Regisseur, ist auch gelernter Theater-Tischler. Als solcher weiß er, wie eine Provinzbühne aussieht. Wer jemals Theater in einer umfunktionierten Schulaula, einem Kneipen-, Bürgersaal oder Ähnlichem erlebt hat, wird sich erinnert fühlen, wenn sie*er die sieben Darsteller:innen durch die Kulissen der kleinen Drehbühne auf der großen Dortmunder Bühne irren sieht. Peschel und sein Ensemble beziehen sich auf die Tradition des Vaudeville-Theaters, wie es einst in den französischen und amerikanischen Vorstädten gespielt wurde (und wahrscheinlich hier und da bis heute wird): Sketche, Boulevard-Komödien, Gesangs- und Varieté-Nummern.

Ein rätselhafter Text im Programm, der mit einem der im Stück genannten Figurennamen unterschrieben ist, behauptet, Milan Peschel habe in den 1960ern "in einigen Gebieten des nördlichen Amerika, aber vor allem in Europa, die Zusammenarbeit mit dem Ensemble des Schauspiel Dortmund begonnen, was schließlich zum 'Vaudeville der Verzweiflung' führte". So verkörpert das Ensemble multidimensionale Charaktere: abgehalfterte Film- oder Theaterschauspieler, die unbegabtesten, unbekanntesten ihrer Zunft, aber auch eine Beobachterinstanz ihres verzweifelten Unterfangens – und sich selbst als reflektierende moderne Leistungssubjekte im (Spät-)Kapitalismus.

Kein Können weit und breit

In der ersten Stunde wechseln die Darsteller*innen zwischen trockenem Aufsage-Theater und hektischen Turbulenzen. Ekkehard Freye verwandelt sich zwar irgendwann in ein Charlie-Chaplin-Double, doch wirklich gut gebaute Slapstick-Nummern findet man in dieser Inszenierung nicht. Auch keine irgendwie eintrainierte Akrobatik. Linus Ebner, der in immer schrilleren Kostümen und mit immer mehr Power auftritt, ist offenbar der einzige, der ein wenig jonglieren kann. Bis auf ganz kurze choreographierte Bewegungsnummern findet sich hier also kein wirkliches Varieté, eher ein Vaudeville, das zur Verzweiflung treibt, weil da gar kein Können aufblitzt, das unterspielt werden könnte.

Marlena KeilLinus EbnerEkkehard FreyeBettina EngelhardtNika MiškovićAnton AndreewHelden der Verweigerung: das Dortmunder Ensemble im Kostümbild von Nicole Timm © Birgit Hupfeld

Aber dann bricht ja diese letzte halbe Stunde an und die Schauspieler*innen werden doch noch, was sie womöglich von Beginn an hätten sein sollen: zu Theater-Performer*innen mit starker Präsenz, die sich geschmeidig in unterschiedlichen Diskursräumen bewegen. Mehrfach finden sie zu Kafkas "Verwandlung", die wie heute üblich als Bild für das depressive Leistungs-Subjekt verstanden wird. Vier Jahre sei sie in ihrem Zimmer geblieben, erklärt Bettina Engelhardt in ihrer Rolle: "Ich wollte mich unsichtbar machen, mein Leben der Verwertbarkeit entziehen. Aber keiner hat das verstanden, mir wurde wieder einmal nur Starrsinn, Eitelkeit und Arroganz vorgeworfen."

"Nutzlos, langweilig und schlecht gelaunt"

Immer wieder finden Sie auch zu einer Philosophie der Gegenwart, wie zum Beispiel Byung-Chul Han sie formuliert, und fragen: Brauchen wir wirklich Apps, die unsere Fitness, unseren Schlaf überwachen? Sollen wir ein Dankbarkeitstagebuch führen und damit "das Unerträgliche ertragen"? Wieder Bettina Engelhardt: "Wenn dir die Welt weismachen will, dass du nicht gut genug bist, dann scheiß drauf! Ich will ein zielloses und unglückliches Leben führen – nutzlos, langweilig und schlecht gelaunt." Da ergibt dann auch die Verweigerung einstudierter Slapstick- oder Artistik-Nummern oder Boulevard-Sketchen mit "Timing" Sinn. Diese Inszenierung ist ein Plädoyer für das Nicht-(Mehr-)Können, für das Verzweifeln an einem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, das seine Mitglieder offenbar immer öfter ins Unglück stürzt, für das Verzweifeln an prekären Verhältnissen – die die Schauspieler*innen durch eigene Anschauung ergründen können.

 

The Head in the Door oder Das Vaudeville der Verzweiflung

von Milan Peschel und Ensemble

Regie: Milan Peschel, Bühne: Magdalena Musial, Kostüm: Nicole Timm, Dramaturgie: Sabine Reich, Lichtdesigner: Henning Streck, Licht: Stefan Gimbel, Ton: Gertfried Lammersdorf, Christoph Waßenberg.
Mit: Anton Andreew, Alexander Darkow, Linus Ebner, Bettina Engelhardt, Ekkehard Freye, Marlena Keil, Nika Mišković
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Premiere am 29. Januar 2022

Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

https://www.theaterdo.de/

Kritikenrundschau

Der Abend brauche "einige Zeit, um richtig auf Touren zu kommen", zeigt sich Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger (31.1.2022) zunächst skeptisch, aber immerhin hefe "eine ausgesprochen motivierte Truppe" über "Verständnishürden" hinweg, "zum Beispiel, wenn sie mal eben ein Tänzchen einlegen". Der "Stadttheatergänger" werde zwar "mit Sinnlosigkeit, mit Absurdität verwirrt", aber das Ensemble mache sich "hemmungslos zu Affen, um ein gleichgültiges Publikum einzufangen, zu interessieren, zu unterhalten". Am Schauspiel Dortmund sei der Abend eine Wiederentdeckung von "Amüsement und Verspieltheit".

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