Grausige Verwandlung

24. Februar 2022. In den "Bakchen" von Euripides fallen dionysisch berauschte Frauen über einen Herrscher her und zerfleischen ihn. Die kanadische Dramatikerin Anne Carson hat dieses Gräuelgeschehen mit "Bitch, I'm a Goddes" in unsere Zeit fluider Geschlechteridentitäten verlegt. In Hannover wird das Werk in der Regie des Choreographen Guy Weitzmann zum modernen Höhlengleichnis.

Von Frank G. Kurzhals

24. Februar 2022. Schon die Uraufführung der "Bakchen" von Euripides, das war 406 v. Chr., hatte den Nerv der Zeit getroffen. Das Drama der von Dionysos verblendeten Frauen, die im orgiastischen Rasen den Herrscher von Theben morden, wurde mit dem begehrten ersten Preis im Athener Tragödienwettbewerb ausgezeichnet. Seitdem zählt das zwischen apollinisch festgefügter Klarheit und dionysischem Rausch oszillierende Stück zu den meistaufgeführten Werken der Antike.

Spiel der Gegensätze

Die Nachdichtung, die jetzt in Hannover zur Erstaufführung kam, stammt von der Kanadierin Anne Carson. Maria Milisavljević hat sie ins Deutsche übertragen und der Tänzer und Choreograf Guy Weizman hat sie in Szene gesetzt. "Theater ist die verspielte Übung, uns nicht einer einzigen Wahrheit zu verpflichten", davon ist Weitzmann überzeugt, und deswegen zeigt er in Hannover mit den "Bakchen" gleich den Plural von Wahrheit. Binär war gestern, was jetzt zählt, ist alles, was zwischen den Polaritäten liegt, zwischen männlich und weiblich, Gewinn und Verlust, Richtig und Falsch, Gut und Böse, Leid und Lust. Bei Weizman ziehen sich Gegensätze an und verschmelzen. Schon der reißerische Titel der Inszenierung illustriert diese Schmelztiegel-Haltung äußerst anschaulich "Bitch, I'm a Goddess".

Bitch Goddess 3 KatrinRibbe uDas Hannoveraner Ensemble in Kostümen von Maison the Faux auf der Bühne von Ascon de Nijs © Katrin Ribbe

Die Bühne (von Ascon de Nijs) ist übersäht mit aufgerissenen Pflastersteinen (aus Schaumstoff), die mal vom Himmel auf das wild tanzende Volk regnen, mal sind sie der Spielgrund für Kathmos (Wolf List), den Großvater von Thebens Herrscher Pentheus, von Teiresias, dem hier nicht blinden Seher, der von Katherina Sattler leider zu oft forciert deklamierend gegeben wird, von Agave, der Mutter von Pentheus (Alrun Hofert), die vor allem in der artistischen Mordszene an ihrem Sohn mitzureißen versteht, und von den Bakchen, die von Nils Rovira-Muñoz mehrfach geklont und auf high heels in einer Person verkörpert werden. Sie alle sind meist eingehüllt in ein zotteliges Allover von Haaren (Kostüme: Maison the Faux), die den ganzen Körper zum ekelig sinnlichen Urzeit-Knäuel werden lassen.

Dionysos, Superstar

Der Star des Abends ist Dionysos, hinreißend lasziv und ironisch, schnippisch und kess, sardonisch und verführerisch gespielt von Anja Herden. Sie nimmt ganz großartig den Kampf mit dem ordnungsliebenden Pentheus (Kaspar Locher) auf, ist eigentlich eine aus dem Publikum, quält sich aus der ersten Sitz-Reihe des Theaters zum Kampf nach oben auf die Bühne und solidarisiert sich dort sofort mit den Frauen, die auf den Sitzen geblieben sind. Und kämpft stellvertretend für all diese ihren Kampf gegen den ewig gestrigen Pentheus.

Bitch Goddess 1 KatrinRibbe uGeschlechterkämpfer: Anja Herden als Dionysos trifft auf Kaspar Lochte als Pentheus © Katrin Ribbe

Dionysos, deren Nacktheit durch einen flatternd-transparenten Mantel im Animalprint verhüllend betont wird, ist alles gleichzeitig, erotisch, raffiniert und auch genial brutal, dominant und sanft, wie es gerade passt. Ihr Gegenspieler Pentheus changiert auch, aber auf der Verliererseite. Er ist zuerst starker Mann, dann zur Frau verwandelt, geifert und giert, ist auf Ordnung aus und auf Macht, will die Deutungshoheit behalten, immer bestimmen, und verliert gerade deswegen alles. Er ringt zwar mit Dionysos, nimmt sie mal an die nicht nur verbal kurze Leine und wirbelt mit ihr durch die Gegend, bis sie dann die Führung übernimmt, muss nackt vor dem Publikum stehen, als gälte es zu zeigen, dass Pentheus ein Mann ist, um danach, wieder angezogen, als Frau daherzukommen, und als Frau unter Frauen zerfleischt zu werden. Von Anfang an ein nicht mal mehr bedauernswerter Absteiger.

Ein modernes Höhlengleichnis

Weizman erzählt die Geschichte eines stolzen Herrschers, der, weil er Andere und Anderes nicht respektieren möchte, scheitert. Auch, weil er, Pentheus, selber nicht weiß, wer und was er ist. Es ist ein Fest der Ambivalenz, das Weizman in Hannover feiert. Das dieses Fest auch dunkle Seiten hat, ist die Stärke der Inszenierung, die den Bühnenraum oft zu einem platonischen Höhlengleichnis werden lässt. Die Schatten an der Wand, die von Flagscheinwerfern in Leni Riefenstahl-Qualität erzeugt werden, sie sind der flackernd-dunkle Teil einer vielschichtig diversen Wirklichkeit.

 

Bitch, I'm a Goddess
von Anne Carson
nach "Bakchen" von Euripides
aus dem Englischen von Maria Milisavljević
Regie: Guy Weizman, Bühne: Ascon de Nijs, Kostüme: Maison the Faux.
Mit: Anja Herden, Kaspar Locher, Wolf List, Katherina Sattler, Alrun Hofert, Nils Rovira-Muñoz.
Premiere am 18. Februar 2022
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-hannover.de

 

Mehr von Anne Carson: An der Berliner Volksbühne brachte Ragnar Kjartansson 2017 einen kurzen lyrischen Text der Dichterin auf Castorf'sche Abendlänge. In Raw Saloon: Ein Rohspiel.

Kritikenrundschau

Eine willde, verführerische und auch etwas verwirrende Version eines Klassiker, schreibt Stefan Arndt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (21.2.2022). Guy Weizman nehme das Stück von zwei Seiten in die Zange: "Er abstrahiert zunächst den zentralen Konflikt - und gibt diesem Ideentheater dann eine sehr sinnliche und körperliche Anmutung." Trotz Verschiebungen sei "Bitch, I'm a Goddess" kein klarer Beitrag zu Gender-, Identitäts- der sonstigen Debatten. "Die Produktion ist ein theatrales Gesamtkunstwerk, das Fragen nicht beantwortet, sondern ästhetisch überformt." Und das gelinge eindrucksvoll.

Ungebrochen bleibe an diesem Abend die Stärke der Bakchen-Fabel, so Michael Laages in der Deutschen Bühne (19.2.2022). "Sie markiert das unausweichliche Drama an der verstörten, an der eigenen Zerstörung arbeitenden Menschheit." Die Frage sei, ob der Stoff verliere oder gewinne, wenn er sowohl von der Autorin Anne Carson als auch der Übersetzerin Maria Milisavljević in entscheidenen Phasen recht gewaltsam auf Alltagsniveau nivelliert werde. Fazit: Am Ende bleiben mehr Fragen als Antworten.

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Kommentare

Kommentare  
#1 Bitch, Hannover: flackernd-dunkel?Oh je! 2022-02-25 02:00
... die Aufführung habe ich noch nicht gesehen, kann also auch nichts darüber sagen, ausser dass ich die Zottelfotos ein wenig irritierend finde... die Kritik aber schockiert mich nachgerade... das Stück oszilliere zwischen "apollinisch festgelegter Klarheit und dionysischem Rausch"... hallo? Da oszilliert gar nichts. Der ultra rationalistische Herrscher Pentheus wird mit seinem versteckten Begehren konfrontiert. Wer sein Begehren ignoriert, wird bestraft. Schlimmstenfalls sogar von seiner eigenen Mutter. Dieses wohl letzte Stück von Euripides ist so knallhart, dass es mitnichten "zu den meist aufgeführten Werken der Antike" zählt. Bruno Ganz hat mir erzählt, dass sie die (später legendäre) Inszenierung von Grüber in Berlin in der Regel vor 50 bis 60 Zuschauern spielten. Und: Euripides schwang sich spätestens mit den "Bakchen" zum Anti-Platon auf. Höhlengleichnis? Au contraire! Und am Ende der Kritik tauchen auch noch "Flagscheinwerfer in Leni Riefenstahl-Qualität" auf. Wenn schon, dann wenigstens richtig: es handelt sich um FlugAbwehrKanonen. Und was bitte ist "der flackernd-dunkle Teil einer vielschichtig diversen Wirklichkeit"?

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