Rauchen mit Cathérine Deneuve

6. März 2022. Spätestens seit "Small Town Boy" am Berliner Maxim Gorki Theater ist Falk Richter für seine scharfsichtigen Untersuchungen schwuler Emanzipationsbiografien bekannt. Folgerichtig also, dass er irgendwann bei Édouard Louis ankommen würde – dessen Prosatext "Die Freiheit einer Frau" er jetzt in Hamburg zum campy-glamourösen Musical macht.

Von Falk Schreiber

6. März 2022. Im Zentrum von Katrin Hoffmanns Bühne steht eine Skulptur: eine riesige Faust. Man könnte denken, dass man es hier mit der stolzen Arbeiterfaust zu tun hat, die die Welt am Laufen hält; mag sein, dass so etwas tatsächlich in den Industriestädtchen Nordfrankreichs zu sehen ist.

Aber wenn man genau hinschaut, stellt man fest, dass die Faust nicht erhoben ist, sondern mit Gewalt in Richtung Boden drückt. Diese Faust steht nicht für Stolz, diese Faust ist repressiv und hält unten, was unten bleiben soll. Und unten steht ein grau verputztes Puppenhäuschen: das Heim der Familie Bellegueule. Das Heim von Édouard Louis, geboren 1992 als Eddy Bellegueule in Hallencourt.

Eigentlich ist es folgerichtig, dass Falk Richter irgendwann bei Louis landen würde. Die Emanzipation von als repressiv wahrgenommenen Kleinstadtstrukturen (nicht zuletzt auf der Folie der Homosexualität) ist ein zentrales Thema für Richter, besonders deutlich 2014 in Small Town Boy, aber auch sechs Jahre später in In My Room am Berliner Maxim Gorki Theater. Und die autobiografisch grundierte Soziologie-Literatur von Louis, der sich mit 19 Jahren aus dem heteronormativen, von Armut und Gewalt geprägten Umfeld Hallencourts befreite, kommt diesem Interesse entgegen. Allein: Bei Louis steht die Befreiung zwar ebenfalls im Fokus, ist allerdings eingebettet in tiefergehende Überlegungen, die fragen, was das für Verhältnisse sind, die die Verachtung von Bildung, Sensibilität und Non-Konformität mit sich bringen. Louis fragt, was das für eine Faust ist, die die Menschen in Hallencourt nach unten drückt und ihnen als Kompensation gerade mal den Hass auf die bietet, die sie für noch schwächer erachten: Frauen. Schwule.

Las-Vegas-hafter Klassizismuskitsch

Die Bühnenskulptur für Richters deutschsprachige Erstaufführung von Louis' voriges Jahr erschienenem Buch "Die Freiheit einer Frau" ist also durchaus stimmig, auch wenn die ansonsten mit Las-Vegas-haftem Klassizismuskitsch vollgestellte Bühne im Hamburger Schauspielhaus zunächst ein Gefühl des Zuviel weckt. Ständig blinken Bildschirme, Plastikbäumchen stehen im Weg. Im Hintergrund ist ein riesiges, goldenes Säulentor zu sehen, auf dem die Aufschrift "Métamorphose" einen Hinweis darauf gibt, dass man auch aus den prekärsten Verhältnissen heraus eine Verwandlung schaffen kann. Andy Besuchs Kostüme sind mal freudlose Arbeitertristesse, mal reiner Drag. Und alle paar Minuten setzt sich Bernadette La Hengst an den weißen Flügel und spielt einen wuchtigen Rocksong.

FreiheiteinerFrau DenisKooneKuhnertVerwandlung zwischen blinkenden Bildschirmen: Paul Behren und Josefine Israel © Denis "Koone" Kuhnert

Man denkt also, dass Richter Louis' Prosatext, der die Emanzipation seiner Mutter aus einer von Gewalt und Verachtung geprägten Beziehung erzählt, nicht trauen würde. Und dass die Regie deswegen alles auffahren würde, was ein gut ausgestattetes Staatstheater sowie die perfekte Beherrschung der Bühnenmittel hergeben: laute Musik. Ausstattungsorgien. Und ein perfekt aufeinander abgestimmtes Ensemble, das sich um Paul Behren (Édouard), Eva Mattes (Mutter, alt), Josefine Israel (Mutter, jung) und Christoph Jöde (Vater) gruppiert. Womit man dieser raffinierten Inszenierung allerdings gleich zu Beginn auf den Leim geht.

Kein voyeuristischer Großkünstler-Blick

Denn Richter weiß natürlich, dass Louis' genaue Prekariatsbeschreibungen die Gefahr in sich tragen, zum Sozialporno zu werden, wenn man sie im Theater eins zu eins abbildet. Also zieht er eine Zwischenebene ein: Er macht die deprimierende Geschichte vom Rand der Gesellschaft zum campy-glamourösen Musical. Er lässt La Hengst und ihre Band einen mitreißenden Score von Bikini Kill über Nina Hagen und Bronski Beat bis zu den feministischen Prä-Punks Hans-A-Plast performen. Israel darf als Mutter zur Scorpions-Ballade "Send Me An Angel" schmetterlingsgleich vom Bühnenhimmel schweben (und so eine Ahnung von der viel späteren Entpuppung geben). Und wenn es doch einmal sozialrealistisch werden soll, dann findet das auf der Seitenbühne statt, als Kitchen-Sink-Drama per Handyfilm auf die Videoscreens übertragen. Man muss diesen Zugriff nicht mögen, aber: Der voyeuristische Blick eines Großkünstlers auf die Abgehängten ist das jedenfalls nicht.

Deutsches SchauSpielHaus Hamburg: „Die Freiheit einer Frau“ nach dem Buch von Édouard Louis, aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel in einer Fassung von Falk Richter. Regie: Falk Richter. Bühne: Katrin Hoffmann. Kostüme: Andy Besuch. Premiere am 5.3.2022 im SchauSpielHaus. Foto: Josefine Israel © Denis »Kooné« Kuhnert, 2022. Die Bilder dürfen im Rahmen der Ankündigung und Berichterstattung unter Nennung des Copyrights honorarfrei genutzt werden. Bitte senden Sie uns ein Belegexemplar an presse[at]schauspielhaus.de. Kontakt zum Fotografen: info@koone.deÜber allem droht die Faust, die mit Gewalt nach unten drückt: Josefine Israel in Katrin Hoffmanns Bühnenbild © Denis "Koone" Kuhnert

Was es hingegen auf jeden Fall ist: Augenfutter. Der Abend ist unterhaltsam, er ist funktional gebaut, und nur hin und wieder hat man das Gefühl, dass das hier alles zu gut funktioniert, dass der Schmerz und die Verletzungen, die Louis beschreibt, gar nicht mehr wirklich weh tun, wenn sie in solch einer selbstsicher reflektierten Theatersprache gezeigt werden.

Glückliche Dekadenz im Luxusappartement

Einmal, als die Mutter den Absprung aus den bedrückenden Verhältnissen fast geschafft hat, träumt sie sich in ein Filmstarleben hinein, rauchend an der Seite von Cathérine Deneuve. Richter zeigt diesen Traum als Video-Mashup von Szenen mit einer rauchenden Deneuve, während neben ihr Mattes vor sich hinpafft, gleichzeitig verschämt und außer sich Freude. Und La Hengst spielt dazu Der beste Augenblick in deinem Leben / ist gerade eben erst gewesen. Da hat jemand schon sehr viel verstanden, von Popmusik, von Film, von gesellschaftlichen Verwerfungen. Und Humor beweist er auch noch.

Dabei hat auch "Die Freiheit einer Frau" blinde Flecken. Der Abend erkennt klassistische Diskriminierung, aber dass man diese nicht ohne den Blick für Sexismus und Rassismus denken kann, dafür muss ein Aufsatz von Mely Kiyak im Programmheft herhalten. Und die Metamorphose von Eddy zu Édouard mit glücklicher Dekadenz im Luxusappartement stellt ein Klischeebild dar, und dann auch noch eines mit homophober Note. Andererseits immunisiert sich die Inszenierung gegen diese Kritik gleich selbst: weil alles an ihr zutiefst künstlich ist, weil alles Camp ist und doppelter Boden. Und dabei in sich vollkommen stimmig.

 

Die Freiheit einer Frau
nach Édouard Louis in einer Fassung von Falk Richter
Regie: Falk Richter, Bühne: Katrin Hoffmann, Kostüme: Andy Besuch, Licht: Annette ter Meulen, Video: Sébastien Dupouey, Mitarbeit Video: Jonas Link, Livemusik/Songs: Bernadette La Hengst, Bühnenmusik: Daniel Freitag, Dramaturgie: Beate Heine.
Mit: Paul Behren, Josefine Israel, Christoph Jöde, Eva Mattes, Eva Maria Nikolaus, Musikerinnen: Peta Devlin, Bernadette La Hengst, Bärbel Schwarz, im Video: Rolf Bach, Uwe Behrmann, Gerlinde Supplitt, Sowie: Freddy Ehm, Jonas Millian Göthe, Phileas Spallek, Tomasz Wolski.
Premiere: 5. März 2022
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus.de

Kritikenrundschau

Falk Richter habe den Stoff als schillerndes Familien- und Gesellschaftstableau auf die Bühne gestemmt, so Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (7.3.2022). Der Regisseur "ist einer, der aus einem schmalen 90-Seiten-Prosatext wahrlich einen großen Abend zaubern kann, ohne den Kern zu verwässern." Grandios spiele Josefine Israel die jüngere Mutter. Und Paul Behren als Sohn transportiere glaubhaft die Wut auf die angehängten Verhältnisse, auch die Scham und den Selbsthass. Wenn Israel mit Schmetterlingsflügeln vom Bühnenhimmel schwebe, sei der Abend fast schon beim Musical angekommen. "Dialoge und Spielszenen wechseln mit scharfkantigen Rockeinlagen." Fazit: "Bei aller ästhetischen Perfektion schafft es der Theaterabend tief zu berühren."

Für einen Theaterabend klinge die Vorlage nach schwerer Kost, schreibt Heiko Kammerhoff in der Hamburger Morgenpost (7.3.2022). Doch Regisseur Falk Richter und sein Team bringen stattdessen eine "unterhaltsame, keine Minute langweilige Revue auf die Bühne, ohne dabei die ernsten Themen zu trivalisieren."

Der Theaterabend verplaudere "sein ernstes Thema" größtenteils "in völliger Belanglosigkeit", befindet Eberhard Spreng im Deutschlandfunk (6.3.22). Falk Richter inszeniere, "was ihm mit Pop, Kitsch und Showbiz zu unerfüllten Lebenssehnsüchten gerade so einfällt", urteilt der Kritiker. "Da erzählt der homosexuelle Regisseur aus einer wohlhabenden Schicht vom Leben eines homosexuellen Autors aus einer unterprivilegierten Schicht und verpasst das zentrale Motiv der Scham." Dass der Theaterabend "so sehr zur anekdotischen Nummernrevue" zerfalle, so Eberhard Spreng weiter, liege allerdings auch daran, "dass Édouard Louis in seinem Büchlein über die Mutter eher brüchige Gedanken und Erinnerungssplitter kollagiert und den Erzählbogen anderer Arbeiten hier nicht zu spannen vermochte".

"Ohne irgendeine Form von Geheimnis" erzähle die Aufführung einfach immer geradeaus "vor sich hin", bemerkt Michael Laages im Deutschlandfunk Kultur (6.3.22). Nie komme "Poesie" ins Spiel – ein Problem, das dem Kritiker zufolge vorrangig in Louis' Texten begründet liege. Insofern mache Falk Richter – von Laages als "der große Kitschmeister des politischen Theaters in Deutschland" bezeichnet – daraus "das Beste", was man machen könne: Er "stattet aus bis zum Abwinken" und halte den Abend so "natürlich in Bewegung". 

Was diesen Abend für Till Briegleb von der Süddeutschen Zeitung (8.3.2022)"trotz seines formalen Hangs zu Unterhaltungsformaten streckenweise bewegend macht", ist die Orientierung am Gefühl der Empathie. Louis’ Text beschreibt Briegleb als "eine Beziehungsreise, auf der er die familiären Erniedrigungen Schritt für Schritt von der Person seiner Mutter distanziert und dabei ihr großes Leid erfasst". Für diesen oft schmerzlichen Prozess zwischen Mutter und Sohn finde Falk Richter immer wieder eindrückliche Szenen. "Und so wird aus Édouard Louis’ Buch ein Mutmacherabend mit klarer Botschaft. Wer sich von der Scham isolieren lässt, ist verloren."

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Die Freiheit einer Frau, Hamburg: UnentschiedenKonrad Kögler 2022-03-06 09:43
Da Falk Richter und sein Ensemble bei der deutschsprachigen Erstaufführung den Édouard Louis-Text sehr respektvoll behandeln und sich darauf konzentrieren, geeignete Gedanken-Splitter und Anekdoten szenisch nachzustellen, wirkt die Inszenierung ästhetisch recht konventionell. Den Abend auf 2,5 Stunden zu strecken, war angesichts des nicht mal 100 Seiten dünnen Bändchens ein ziemlicher Kraftakt, so dass die Inszenierung einige Längen durchschreiten muss.

Sympathisch wird „Die Freiheit einer Frau“, wenn Richters Inszenierung wie die Titelfigur aus ihrem Korsett ausbricht und die szenische Nachstellung des Essays regelmäßig für ein Punk- und Rock-Konzert unterbricht. Szenen-Applaus ernteten z.B. Bernadette La Hengst und ihre beiden Live-Band-Mitstreiterinnen Peta Evlin und Bärbel Schwarz für ihre Version von Nina Hagens „Unbeschreiblich weiblich“ oder Paul Behren für sein High Heels-Solo zur Miley Cirus-Coverversion von „Gimme Gimme More“ von Britney Spears. Doch bei der Metamorphose vom vorlagentreuen Erzähltheater zur schillernden Revue bleibt „Die Freiheit einer Frau“ meist auf halbem Weg stehen, so dass der Abend oft unentschieden und nicht aus einem Guss wirkt.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2022/03/05/die-freiheit-einer-frau-schauspielhaus-hamburg-kritik/
#2 Die Freiheit einer Frau, Hamburg: Augen auf! neill 2022-03-06 19:30
Da betonen Regisseure wie Falk Richter oder Christopher Rüping doch immer wieder, wie gemeinschaftlich alles entstünde. Und jede einzelne Kritik, auch auf nachtkritik.de, zeugt davon, dass selbst Kritiker:innen ihnen überhaupt keinen Glauben schenken: "Israel darf als Mutter zur Scorpions-Ballade "Send Me An Angel" schmetterlingsgleich vom Bühnenhimmel schweben (und so eine Ahnung von der viel späteren Entpuppung geben). (...) Der voyeuristische Blick eines Großkünstlers auf die Abgehängten ist das jedenfalls nicht."
Sie "darf", sein "Blick" macht es möglich. Tja, Schauspieler:inne, macht endlich die Augen auf und fangt an, selbst zu denken und zu lenken.
#3 Die Freiheit einer Frau, Hamburg: in Langeweile eingepasstnell 2022-03-07 14:59
Das Bürgertum inszeniert für das Bürgertum die Arbeiterschicht. Gibt es einmal eine tolle Form und eine gute Literatur darüber, die nicht gelangweilte Bürgers-Ex mit Bürgers-Neuer zum Thema hat, wie bei Edouard Louis, kommen sofort die Bürgis angerannt und wollen das Lebendige ganz schnell wieder in ihre gähnende Langeweile einpassen. Gäääähn
#4 Die Freiheit einer Frau, Hamburg: FluchtGeorg 2022-03-07 15:59
Vor lauter Angst, nur ja nicht in 'Den voyeuristischen Blick eines Grosskünstlers auf die auf die Abgehängten' zu verfallen, flüchtet man sich in 'Kunst'.
Das wird der Sache aber leider in keiner Weise gerecht.
Gibt es den wirklich keinen würdevollen Blick auf die Abgehängten mehr?
Keine Form, keinen Ausdruck deren Milieu, deren Geschmack und Kodes auch abzubilden?
Hier wurde der kleinste gemeinsame Nenner in Form von Kunstgewerbe gesucht ...

Kommentar schreiben