Mach nichts! Stirb jung!

20. März 2022. Die Pandemie und das deprimierende Festhocken daheim haben ihnen schwer zugesetzt. Aber jetzt wird zurückgeschlagen. In ihrem Deutschland-Debüt "Protec / Attec" rufen die New Yorker Erzähltheatermacher:innen Julia Mounsey & Peter Mills Weiss zum Streik gegen die unendliche Ödnis des Daseins auf.

Von Katrin Ullmann

20. März 2022. Eigentlich dürfte es diesen Text gar nicht geben. Eigentlich hätte ich streiken müssen. Nicht nur gegen die Arbeit streiken, sondern gegen des Leben. Gegen die Liebe. Gegen das Gefühl. Gegen das Glück. So zumindest propagiert es Julia. "Wenn Sie dieses Theater verlassen, wissen Sie, was Sie tun müssen?", fragt sie fast drohend. An einem der Mikrofone steht diese Julia, gespielt von Julia Wieninger. Wissend, unangenehm, brodelnd ruhig spricht sie diese Sätze (nachdem sie sich noch kurz zuvor in den Wahnsinn geflippt hatte). "Weil Sie jetzt anders sind. Sie sind jetzt ganz anders als vorhin, als Sie reingekommen sind. Spüren Sie das?" Naja, nö, eher nich', denke ich. Aber da schnippst sie schon mit ihrer rechten Hand. Und dieses Schnippsen ist eine Verabredung zwischen ihr und dem Publikum, in dem ich eben auch sitze. Und es ist das Zeichen für JA. Ein fast kollektives JA ist also die Antwort aus den Zuschauerreihen und doch ein eindeutig dirigiertes.

Streikaufruf

"Gut, denn wenn Sie dieses Theater verlassen, werden Sie streiken", wiederholt sie. Und ich überlege kurz, ob das geht. Und ob ich das will. Mich, wie diese Julia mir rät, einfach hinlegen, wo immer ich bin, und nie wieder aufstehen. "Nichts würde mehr passieren. Die Menschheitsgeschichte würde enden. Und wir wären frei." Ok, das ist also ihre Losung, ihre Lösung? Oder, wie es an anderer Stelle im Text formuliert und sehr laut, sehr mantra-artig wiederholt wird: "Do nothing, die young, end the world." Für "die young" bin ich eh schon zu alt und also schreibe ich diesen Text. Ohne Hinlegen. Ohne Streik. Und eigentlich war es doch auch nur ein Spiel, die Sache mit dem Finger schnippsen, und dem JA oder NEIN sagen, eben je nachdem, ob sie das Publikum mit ihrer rechten oder ihre linken Hand anweist.

protec attac2 ThomasAurin 5493m1Wo steckt der Sinn dieses Lebens? Julia Wieninger und Lars Rudolph im karg gehaltenen Maalersaal © Thomas Aurin

"Protec / Attac" heißt dieses merkwürdige Stück Theater, das Julia Mounsey und Peter Mills Weiss geschrieben und im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses uraufgeführt haben. Es ist ein Stück von zwei Künstler*innen für zwei Schauspieler*innen, in diesem Fall sind das Julia Wieninger und Lars Rudolph. Mounsey und Weiss kommen aus New York, waren Mitglied des "Soho Rep. Writer/Director Lab", arbeiteten dort unter anderem mit dem Public Theatre, La MaMa, der Wooster Groop und Richard Foreman zusammen, und inszenieren jetzt zum ersten Mal in Deutschland. Das klingt irgendwie wild. Mit ihrem Stück "[50/50] old school animation" waren sie zum "Radikal jung"-Festival am Münchner Volkstheater eingeladen und mit einem Jurypreis ausgezeichnet. Auch was. Und ok, ehrlich gesagt: Die Erwartungen sind nicht gerade niedrig.

Next Level: Die Autorin spricht

So gar nicht erfüllt allerdings werden sie mit diesem merkwürdigen Theatertext und Abend, der wie ein harmloses Gespräch in einem New Yorker Apartment beginnt, kurzzeitig Mitgefühl vortäuscht, bevor er sich dann zum Verhör über Scheiblettenkäse, Hoffnungslosigkeit und Stuhlgang entwickelt, fast eine weiche Abzweigung ins Beziehungsdrama nimmt, anschließend wie ein halbherzig therapeutisches Manipulationsspiel daherkommt und schließlich eine agitatorische Bewegung propagiert. Oder nein, diese ist ja nur ein Spiel. Mit "Level 1 leicht, Level 2 mittel und Level 3 schwer." Und dann, am Schluss, ist da noch die Stimme der Autorin "Hallo. Ich bin Julia Mounsey aus dem Interview. Aus New York. Julia Wieninger hört eine Aufnahme meiner Stimme und wiederholt meine Worte. Entschuldigen Sie mein langsames Deutsch, aber ich wollte Sie direkt ansprechen."

protec attac2 ThomasAurin 1154m1Aufrichten und Streik predigen: Julia Wieninger und Lars Rudolph in "Protec / Attac" © Thomas Aurin

Stockend, als flüsterten ihre AirPods ihr diesen Text gerade ein, so spricht Julia Wieninger diesen Schlussmonolog. Vorn, ganz nah an den Zuschauerreihen steht sie dann, schlaff hängen ihre Arme herab. Tonlos, emotionslos ist ihre Stimme, mit der sie vom Zustand jener Frau erzählt – "Im ersten Jahr der Pandemie habe ich meinen Job verloren und fühlte mich elend. Ich fühlte mich nutzlos, machtlos und allein." – jener Künstlerin, die bald die Fantasie einer Massenbewegung hat, die auf Elend basiert. "Wir würden nicht protestieren, wir würden einfach nur verdammt noch mal aufhören. Mit allem." Und ein Credo entwickelt. Noch mal zur Erinnerung: "Do nothing, die young, end the world."

Dann lieber Prozac!

Der Schluss verweist also zurück auf den Anfang. Und vielleicht, vermutlich ist die Frau, die ihrem mehr oder weniger besorgten Gegenüber (Lars Rudolph) zu Stückbeginn über ihren Scheiblettenkäsen-Konsum, ihre Hoffnungslosigkeit und ihren Stuhlgang Auskunft gab, also die Autorin selbst? Die im ersten Pandemie-Winter Handyspiele spielte, sich klein und unbedeutend vorkam, eine elendige Krise durchlebte, die doch aber bestimmt keine einzigartige war? Soll man diesen Text als Autofiktion verstehen – als tatsächlich eher kleine, kaum selbstironische Erzählung einer (künstlerischen) Krise? Als Erzählung ohne jegliche Transferleistung, voller Selbstzweifel und, ja, auch voller Selbstmitleid und Selbstüberschätzung?

So wirklich mag man das an diesem Abend kaum glauben, an dem Weiss und Mounsey mit diesem dünnen Text den Minimalismus mit Mikrofonen feiern, an dem kleine Zuckungen große Bedeutungen bekommen, leere traurige Blicke mehr als Worte sagen sollen. An diesem bedeutungsschwangeren und zugleich unentschiedenen Abend, an dem Spiel Ernst sein soll und Ernst auch Spiel, und Witz auch Wahn? Okay, sorry, wenn es das ist, dann lieber Prozac als Protec / Attac. Dann hätte ich doch streiken sollen. Oder mich hinlegen. Und das tue ich jetzt auch. Ob ich wieder aufstehe? Mal sehen. Es ist auch egal. Die Menschheitsgeschichte würde eh nicht enden. Und wir wären auch nicht frei.

 

Protec / Attac
von Julia Mounsey & Peter Mills Weiss
Deutsch von Lydia Nagel
Regie: Peter Mills Weiss & Julia Mounsey, Bühne, Kostüme, Licht: Kate McGee, Video: Matt Romein, Dramaturgie: Finnja Denkewitz.
Mit: Lars Rudolph, Julia Wieninger.
Premiere am 19. März 2022
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.schauspielhaus.de

Kritikenrundschau

"Dieses Stück ist eine Art analoges Videospiel. Wir, das Publikum, sind immer beteiligt", berichtet Peter Helling im NDR (20.3.2022). Julia Mounsey und Peter Mills Weiss behandelten "Covid als Stopptaste" in ihrem eigenen Leben und dem der Gesellschaft. "Auf merkwürdige Art ist dieser Abend eine absolute Diät der Sinne: ohne Puder und Perücke, ohne Figuren oder Drama. Aber in seinem Aufruf zur kollektiven Verweigerung wirkt der Abend seltsam überholt. Angesichts von Krieg und Klimakrise fragten sich nicht wenige Zuschauer nach der Aufführung, ob zu Hause sitzen und nichts tun ernsthaft die richtige Antwort sein kann. Als wären wir, ob wir es wollen oder nicht, zurück in die Geschichte geworfen."

Das Regie-Team treibe die Vereinzelung und Vereinsamung auf die Spitze, in dem sie die Machtverhältnisse umkehre. "Die Frau ist ihrem Schicksal nicht ausgeliefert, das Elend und die Ödnis sind bewusst gesucht. Ein Streik gegen das Leben, freiwillige Monotonie gegen die Monotonie da draußen", schreibt Maike Schiller vom Hamburger Abendblatt (21.3.2022). Der Abend weigere sich Theater zu sein, entwickle sich zum manipulativen Experiment, das jedoch "ein wenig läppisch" daherkomme.

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Protec / Attac, Hamburg: atmosphärisch GN 2022-03-22 10:33
da hätte man anstelle dieser nachtkritik auch gleich schreiben können: ich habe keine ahnung wie es sich anfühlt, psychisch krank zu sein, (...)

das stück hingegen ist eines der atmosphärisch feinsten abbilder des umgangs mit psychischer krankheit inmitten einer pandemie, welches ich bisher gesehen habe. hier wird ohne selbstmitleid auf inhaltlicher und formaler ebene mit zeichen aus dem therapieapparat (die schrecklichen ja und nein fragebögen; die unfassbar peinliche grandezza von plötzlichen hybris anfällen in wie-gehts-mir-runden), dem alltag in der wohnung (handyspiele; teilnahmsloses hungern und simpelste hygiene vernachlässigen) und den inneren mantras (einer der besten sätze: "immer wieder denken - hoffnungslosigkeit ist gnade") von psychisch kranken menschen ein raum aufgemacht, der so dicht ist, dass sich leute wie man oben sieht in hohn flüchten, um sich ihm zu entziehen. denn es ist unangenehm einmal anzuerkennen: für manche menschen i s t hoffnungslosigkeit gnade. aber gut.

toll dass das schauspielhaus das gezeigt hat. langweilig dass die kritiker*in dann lieber witze über prozac (was glaube ich nie benannt wurde, wahrscheinlich einfach das erste antidepressivum aus dem us-raum dass der autorin eingefallen ist), "künstlerische krisen" und menschen macht, die morgens wirklich nicht aufstehen können. :)

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