Kleinklein des großen Plans

4. November 2022. Die Menschheit ist am Ende. Regisseurin Nina Mattenklotz schickt ein Engels-Gespann als Richtkommando auf Erden, das durch Wolfram Lotz' abgründige Hörspiel-Apokalypse irrlichtert. Denn es gilt zu retten: ein ziemlich verkorkstes Jüngstes Gericht.

Von Julia Nehmiz

4. November 2022. Was wäre, wenn es keine Menschen mehr gäbe? Mal angenommen, die Menschheit wäre, zosch zosch, von einem Tag auf den anderen verschwunden. Einfach so. Eine neue Zeitrechnung würde beginnen, die Zeitrechnung "nach Mensch".

Das Ende ist ein Anfang

Mit diesem Gedankenspiel lässt Regisseurin Nina Mattenklotz ihre St. Galler Inszenierung von Wolfram Lotz' "Das Ende von Iflingen" beginnen. Das Ende ist eben ein Anfang. Nach einer Woche ohne Menschen wären in der Schweiz zwar 15 Millionen Schweine, Rinder und Hühner gestorben, liest ein Schauspieler vor. Doch nach einem Jahr wären die Straßen verschwunden und überwuchert, und die Meere würden überquellen, weil 80 Millionen Tonnen Fische nicht aus dem Wasser geholt wurden. Die Natur würde sich die Welt langsam, aber unaufhörlich zurückerobern.

Dieses Gedankenidyll unterbricht Erzengel Michael. Er ist die lange Holzleiter aus dem Bühnenhimmel herabgeklettert, und soll nun mit Hilfsengel Ludwig die Menschheit richten – also die Menschheit im Dörfchen Iflingen. Lieber wäre er in Rom, aber gut, dann halt Iflingen, zosch zosch mit dem flammenden Schwert sie zu Asche zerteilen, denn was der Herr befiehlt, das führt Michael aus. Kein Hinterfragen. Doch die Häuser in Iflingen sind leer, die Menschen weg, Michael kann niemanden richten. Ludwig schon gar nicht, denn der hat nicht mal ein Schwert, nur eine Posaune. Auf ihrem apokalyptischen Streifzug durch das verlassene Kaff begegnen den beiden nur Tiere: ein Igel, ein Mauersegler, ein Schwein. Niemand, den sie richten können.

Das Ende von Iflingen Iko FreeseNiemand da zum Richten: Anja Tobler, Birgit Bücker © Iko Freese

Wolfram Lotz hatte "Das Ende von Iflingen" 2007 als Hörspiel geschrieben. 2019 gab er den Text für das Theater frei. Trotz Sprachwitz und abgründiger Irrealitäten, an Lotz' große Bühnenerfolge wie "Die Politiker", "Einige Nachrichten an das All" oder "Die lächerliche Finsternis" lässt sich in St. Gallen mit diesem Text nicht anknüpfen.
Mattenklotz und ihr Ensemble bringen einen theatralen Hörspielabend auf die Bühne: ein solide durchdachtes Theater auf dem Theater. Drei Schauspieler sitzen um einen Tisch, der zur Soundmaschine umfunktioniert wurde. Fast alles, was das himmlische Richtkommando an Geräuschen fabriziert, entsteht dort: Schritte, Türenknarzen, Schlüsselklappern, Aktenblättern, ein Schuss – dazu stimmungsvolle Klänge, Rhythmen, auch mal Wild-West-Parodien mit Pferdegetrappel und quäkender Melodie.

Die Engel kommen nicht voran

Erzengel Michael wird von Birgit Bücker mit kalter Nonchalance ausgestattet, ein Mafiaboss, der weiß, was zu tun ist. Hilfsengel Ludwig (Anja Tobler) ist ein tumber Tollpatsch, der clownesk durch Iflingen stolpert und es auch mal mit Empathie versucht. Wieder und wieder und wieder dringen die beiden in die Iflinger Häuser ein, wieder und wieder und wieder finden sie niemanden. Was sich hinter den Iflinger Türen hinter der fast bühnenbreiten Holzwand (Ausstattung: Lena Hiebel) abspielt, lässt Nina Mattenklotz per Live-Video übertragen. Trotz liebevoller Ausstattungsdetails der Wohnungseinrichtungen, trotz genauer Kameraführung: Was im Hörspiel einen Sog entwickelt, erlahmt auf der St. Galler Bühne. Die Engel kommen nicht voran, verhaken sich im Kleinklein des großen Plans, da hilft es auch nicht, dass sie sich als Cowboys verkleiden. Der Tonfall bleibt gleich, die Streitereien auch.

Das Ende von Iflingen2 Iko FreesePlanlos durch die Apokalypse: Anja Tobler © Iko Freese

Spannung entsteht in den flirrenden Begegnungen mit den vermenschlichten Tieren. Matthias Albolds Igel ist wie ein spießiger Wutbürger, der verbissen argumentiert, dass er im Laub wühle, weil er im Laub zu wühlen habe. Christian Hettkamps Mauersegler wie ein nächtlicher Traumtänzer im Hochflug, aus Angst vor dem Absturz sieht er in allem Lebendigen Tod und Verwesung. Beklemmend anrührend Oliver Losehands Schwein, das verzweifelt und panisch endlich geschlachtet werden will, um Erfüllung, Anerkennung, Erlösung zu finden. In diesen Begegnungen beginnt Lotz' Text düster-böse zu funkeln.

Tür zu, Feierabend

Den Höhepunkt des Stücks, den Showdown in der Kirche, inszeniert Mattenklotz als Hörstück. Erzengel Michael und Hilfsengel Ludwig in weißen Engelsgewändern, eine goldene Strahlenkrone auf dem Kopf, im Halbdunkel lesend hinter Notenpulten. Die drei Sound-Spieler lassen die Szene klingend lebendig werden. Der Schauder, wenn die Menschen von Iflingen in der dunklen Kirche auf einmal erscheinen – alle tot. Sie haben sich selber gerichtet, um dem Jüngsten Gericht zuvorzukommen. Erzengel Michael flucht und schreit. "Tür zu, Mikroports aus, Feierabend", sagt da einer der Schauspieler. Michael wütet weiter, Ludwig trötet auf seiner Posaune. Aus diesem verkorksten Jüngsten Gericht kommen sie nicht mehr raus. Die drei Schauspieler räumen um sie herum auf. Erlöst werden die Engel von einem Theatermensch: "Black", ruft jemand. Das Licht geht aus. Und so kann also noch nicht mal in Iflingen das Zeitalter "nach Mensch" beginnen.

 

Das Ende von Iflingen
von Wolfram Lotz
Regie: Nina Mattenklotz, Ausstattung: Lena Hiebel, Musik: Tobias Gronau, Dramaturgie: Anita Augustin.
Mit: Birgit Bücker, Anja Tobler, Matthias Albold, Christian Hettkamp, Oliver Losehand.
Premiere am 3. November 2022
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.theatersg.ch

Mehr dazu: Im Rahmen der Video-Gesprächsreihe "Neue Dramatik in zwölf Positionen" spricht Wolfram Lotz ausführlich über sein Werk.

 

Kritikenrundschau

Bettina Kugler erscheint die Inszenierung im St. Galler Tageblatt (5.11.2022) wie ein "vorgezogenes makaber-ironisches Finale" der letzen Spielzeit von Schauspieldirektor Jonas Knecht und seinem Faible für Wolfram Lotz und akustische und kammerspielartige Settings, auch wenn die Regisseurin des Abends Nina Mattenklotz heißt. "So werkeln also Matthias Albold, Christian Hettkamp und Oliver Losehand, weil sie mit ihren sehr menschelnden Tierrollen nicht ausglastet sind, emsig am Soundtisch. Sie zerknüllen Papier, erzeugen Spannung mit Augenzwinkern. Anders als im Hörspiel sieht man ja jedes Geräusch schon kommen."

 

 

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