Bling, bling

25. November 2022. "Weil die Welt will dich bescheißen, / also mach aus Scheiße Gold!" Die englische Sittenkomödie "Der Alchemist" findet man hierzulande selten auf den Spielplänen. Dresdner Hausregisseurin Lily Sykes übersetzt den Stoff ins Heute: Macht, Ruhm Geld. Und ein großes Tohuwabohu. 

Von Theresa Schütz

25. November 2022. Der Abend im Staatsschauspiel Dresden beginnt noch während des Einlasses mit einem Vorspiel vor dem Eisernen: Hausherr Gustav Lovewit (Viktor Tremmel) trällert mit theatraler Gestik ein paar englische Zeilen. "Waiting for the end, boys", kommt dabei vor. Denn es ist Pandemie. Und da er zu den obersten Zehntausend gehört, setzt er sich lieber ab und hinterlässt, uns, die Zuschauer:innen der Premiere von "Der Alchemist", unserem Schicksal: "Schlagt euch allein herum mit eurer Krankheit, / Lasst euch von Eiterbeulen plagen und von Ungeziefer jagen." Während er auf seiner Yacht weilt, soll sich Putzfrau Hilde um sein Haus sorgen. Die nutzt die Gelegenheit und zieht mit ihren zwei Kumpan:innen Subtle (Torsten Ranft) und Dolly (Anna-Katharina Muck) kurzerhand ein Fake-Unternehmen namens "Consulting Solutions" hoch. Und lockt damit ein abstruses Panorama Suchender an, denen es das Geld aus den Taschen ziehen will.

Diese Hybris, diese schlimme Hybris

"Der Alchemist" ist eine englische Sittenkomödie des Shakespeare-Zeitgenossen Ben Jonson aus dem Jahr 1610, die man hierzulande selten auf den Spielplänen findet. Hausregisseurin Lily Sykes und Chefdramaturg Jörg Bochow haben den Stoff gemeinsam ins Heute übersetzt. Wo im Original vor allem die Gier nach Gold Männer verschiedener sozialer Schichten im frühkapitalistischen London auf einen Pseudo-Alchemisten und seine Gehilfen hat reinfallen lassen, sind es in der Gegenwart verschiedene Träume von Macht, Ruhm und Erfolg. Die Geschlechterkonstellationen wurden verschoben und das alchemistische Vokabular von Tinkturen, Mixturen und Destillaturen durch Begriffe der digitalisierten Welt ersetzt. Angriffspunkt bleibt die Hybris des Menschen, der Metalle zu Gold (oder auch Smartphones) verwandelt, um Profit zu machen.

Alchemist3 Sebastian Hoppe uEine Bühne für die golden glänzenden Träume © Sebastian Hoppe

"Weil die Welt will dich bescheißen, / also mach aus Scheiße Gold!", so ist das Motto des Betrüger:innen-Trios aus einem der zahlreichen Songs mit Liedtexten von Thomaspeter Goergen. Und wie sie das machen, wird im Verlauf der fünf Akte entlang von insgesamt sieben Gästen vorgeführt. Das Bühnenbild ist die Rückseite eines Bühnenbilds. Geht ja schließlich auch um Hintertür-Tricksereien. Erster Gast ist ein tollpatschiger Anwalt und Freizeitathlet mit sprechendem Namen Doper (Jannik Hinsch) auf der Suche nach Selbstoptimierung. Scharlatan Subtle gibt den Fake-Consulting-Quacksalber, der ihm ein "Re-Set" gegen digitale Zahlung auf das Tablet anbietet, das um Hildes Hals baumelt. Der nächste Gast (Gina Calinoiu) braucht Hilfe beim Produktdesign einer giftstofffreien Zigarette. Kein Problem, sie sei "der nächste Steve Jobs" und bling, wechseln die nächsten Dollar ihre Besitzerin. Der dritte mit Mammon im Namen wie auf dem Konto (Marin Blülle) ist Kryptotrader und träumt von (s)einem Upload in die digitale Unsterblichkeit. Dafür gibt es besonders viele bling, blings. Eingespielt übrigens vom Live-Musiker David Schwarz, der den ganzen Abend mit auf der Bühne ist.

Adam des Post-Anthropozäns

Mammon hat auch Barnabas (Philipp Lux) mitgebracht, den einzigen Zweifler in der Runde. Im ganzen Bühnentohuwabohu, was man sich als sehr hektisches und lautes, kostüm- wie klamaukreiches Hin und Her-Gerenne der Spieler:innen vorstellen muss, klatscht Barnabas Mammon immer mal wieder eine, damit er zu sich kommt. Aber der "Adam des Post-Anthropozäns" hat da schon längst ein weiteres Mal bling gemacht und sich in Dolly als KI Eva verguckt. Suchende Nummer Fünf, Marie-Pierre Robert (Kriemhild Hamann), die mit Sammelbüchse kommt und am "Code" (Datensatz für Genmanipulation) interessiert ist, ist Teil der Achtsamkeitsbewegung, schimpft auf alte weiße Männer und soll dabei irritierenderweise auch ein bisschen was von Greta – "Mademoiselle how dare you" – Thunberg haben.

Alchemist1 Sebastian Hoppe uBescheißen und bescheißen lassen: Anna-Katharina Muck, Torsten Ranft, Gina Calinoiu, Nadja Stübiger © Sebastian Hoppe

Nummer Sechs ist ein deutschtümelnder Jüngling, der in die Politik will, aber nicht richtig sprechen kann, Nummer Sieben seine Schwester, eine Influencerin und GNTM-Gewinnerin in spe mit rosa Pony auf der Schulter und Springerstiefeln. Hänsel und Gretel heißen die beiden, die sich offenbar ein bisschen zu weit nach rechts verlaufen haben. Allen versprechen die drei Mimen die Erfüllung ihrer Wünsche gegen ein bisschen bling, bling.

Viele folgsame Kälber

Nach der Pause spitzt sich das Geschehen der Manipulierten, die nun auch aufeinander treffen, zu. Barnabas versucht nochmal als dicker Cowboy für Ordnung zu suchen. Aussichtlos. Hier und da ein Song, viel Trubel, Kostümwechsel, Bühnengags und überspitztes Figurenspiel – aber für was eigentlich? Als sich die Rückkehr des Hausbesitzers und damit ihr Auffliegen ankündigt, lässt Hilde ihre beiden Mitstreiter:innen fallen und gibt sich wieder als unschuldige Putzfrau. Lovewit kassiert den Gewinn, tut die Suchenden als "Träumer, die an Märchen glauben" und auch das Publikum als folgsame Kälber ab. Wo’s nur die gibt, die bescheißen und die, die sich bescheißen lassen, sieht‘s düster aus. So der Befund vom "Alchemist" 2.0, der nach drei Stunden Bühnen-Heckmeck dann irgendwie doch auch etwas dürftig ist.

 

Der Alchemist
nach Ben Jonson, aus dem Englischen von Frank Günther
In einer Bearbeitung von Lily Sykes und Jörg Bochow mit Liedtexten von Thomaspeter Goergen
Inszenierung: Lily Sykes, Bühne: Jelena Nagorni, Kostüme: Lene Schwind, Komposition: David Schwarz, Sounddesign: Arvild J. Baud, Licht: Konrad Dietze / Andreas Barkleit, Dramaturgie: Jörg Bochow.
Mit: Marin Blülle, Gina Calinoiu, Kriemhild Hamann, Jannik Hinsch, Kaya Loewe, Philipp Lux, Anna-Katharina Muck, Torsten Ranft, Jannis Roth, David Schwarz, Nadja Stübiger, Viktor Tremmel.
Premiere am 24. November 2022
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

Vieles funktioniere, die Aufführung sei ein farbenfrohes Kostüum- und Perückenfest und weise starke Momente auf, so Rainer Kasselt in der Sächsischen Zeitung (26.11.2022). Jedoch: "Die Inszenierung leidet unter einem Problem. Sie ist zu lang. Fast jeder der klar erzählten Episoden fehlt es an Wortwitz, Pointen und Timing. Wenn Lacher selten sind, stimmt etwas in der Komödie nicht."

 

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