Ich bin kein Star, holt mich hier raus

4. Dezember 2022. Ewig lockt der Kaninchenbau. Doch in der Nürnberger Lewis-Carroll-Überschreibung von Johanna Wehner und Ensemble sucht Alice vor allem eines: Den Ausgang aus einer geschlossenen Gesellschaft. Ein dystopisches Exit-Game, das trotzdem Spaß macht.

Von Wolfgang Reitzammer

4. Dezember 2022. Bei der Haushaltsdebatte im Deutschen Bundestag mussten die Abgeordneten unlängst literarisches Allgemeinwissen bemühen. Bundeskanzler Olaf Scholz attestierte dem Unionsfraktionschef Friedrich Merz, er habe eine verzerrte Sicht auf die Wirklichkeit. Seine Rede habe ihn an "Alice im Wunderland" erinnert: "Was in Wahrheit groß ist, das reden Sie klein, und umgekehrt." Was zunächst logisch klänge, sei in Wahrheit blanker Unsinn. Wer an Merz' Behauptungen glaube, der glaube auch an sprechende weiße Kaninchen. 

Ab in den Kaninchenbau

Damit hat Lewis Carolls 1865 veröffentlichte Geschichte nun Eingang in den politischen Diskurs gefunden; knapp 14 Tage später präsentiert die renommierte Opern- und Theaterregisseurin Johanna Wehner im Nürnberger Staatstheater ihre musikalisch angereicherte Text-Version des Kinderbuchs für Erwachsene als Uraufführung im Schauspielhaus. Dies allerdings mit einigen Hindernissen: das schon für 2020 geplante Projekt fiel der Corona-Pandemie zum Opfer, nun musste Johanna Wehner wegen einer Lungenentzündung das Probenfinale distanziert aus dem Krankenbett mitverfolgen und dem Ensemble – allen voran Janning Kahnert und Regieassistentin Paula Pohlus – viel Eigenverantwortung übertragen.

Der Inhalt dürfte und sollte weithin bekannt sein; schließlich nahmen Denis Scheck und auch die ZEIT-Redaktion von 1980 das Buch in den Kanon der 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur auf: Durch ein Kaninchenbau-Loch in der Erde gerät Alice im freien Fall in ein unterirdisches Wunderland, in eine verkehrte Welt voller Irritationen. Dort wird sie konfrontiert mit gefährlichen und manchmal absurden Situationen, gleichzeitig mit den höchst unlogischen Sprüchen, die die Phantasietiere und -menschen im Munde führen.

Alice im Wunderland 3 Konrad Fersterer uDebattierclub eigener Art: "Alice"-Ensemble im Bühnenbild von Benjamin Schönecker © Konrad Fersterer

Recht unterschiedliche Lesarten sind zu diesem Klassiker des literarischen Nonsens möglich: der Übersetzer Christian Enzensberger (Bruder des verstorbenen Hans Magnus) sah darin 1966 wohl ein antiautoritäres Kinder-Emanzipations-Märchen, anglo-amerikanische Rockmusiker:innen wie Grace Slick (Jefferson Airplane), Tom Waits oder John Lennon verstanden den Text als psychedelisches Traumspiel mit Bewusstseins- und Körper-Erweiterung. Ganz anders die Herangehensweise von Johanna Wehner: sie entzieht "Alice im Wunderland" die fantastische Märchenhaftigkeit und macht aus dem Text ein dystopisches Exit-Game mit abgeriegelter Tür und allseitiger Sprachverwirrung.

Geschlossene Gesellschaft

Die fast schon erwachsene Alice (Llewellyn Reichman) wird in eine geschlossene Gesellschaft versetzt, in der eigentlich "kein Platz" mehr frei ist, in der die gar nicht so tierischen Menschen gehetzt aneinander vorbeireden, in der alles relativ und nur eine Frage des Standpunkts ist. Das erinnert manchmal an ein Handkesches Sprechstück, manchmal an ein absurdes "Endspiel". Die verängstigte Alice hat so viele Fragen, die alle um das Problem kreisen: Ich bin kein Star, wie komme ich hier wieder raus?

Doch die sechs verschrobenen Wunderland-Bewohner machen das Mädchen auf der clever ausgeleuchteten Drehbühne (Benjamin Schönecker) mit ihren Gegenfragen nur schwindlig und flüchten sich lieber in Nonsens-Exkurse über die Nützlichkeit von Silikon-Spritzpistolen, über ungeheuer große Einladungs-Briefe und über die Frage, ob Paris die Hauptstadt von London ist.

Kurt Weill meets Elektro-Pop

Janning Kahnert spielt mit Bravour einen konfusen Hutmacher, Annette Büschelberger ist die schnöde Kopf-Ab-Königin und Justus Pfannkuch überzeugt als gehetzter Duracell-Hase. Alice möchte das Gesellschafts-Spiel zwar mitspielen, doch sie weiß nicht, welche Regeln eigentlich gelten und wie man gewinnen oder verlieren kann.

Dazu haben Verena Mohrs und Kostia Rapaport einen stimmigen Soundtrack geschrieben, der wie eine Mischung aus avantgardistischem Elektro-Pop und einer Anmutung von Kurt Weill klingt. Mit zwei Keyboards, Cello, Geige, Bass-Ukulele, Akkordeon und diversen perkussiven Werkzeugen entstehen schräge Chansons mit leicht verrätselten Texten.

So ist der ausgiebig beklatschte Abend eine lohnende, kurzweilige und hintersinnige Denksport-Aufgabe; insbesondere geeignet für die Millionen von Menschen, die unermüdlich in Festzelten und Après-Ski-Hütten "Who the f… is Alice?" grölen.

 

Alice im Wunderland
Musikalisches Schauspiel für Erwachsene nach Lewis Carroll (Uraufführung)
von Johanna Wehner (Text), Vera Mohrs (Liedtexte und Komposition) und Kostia Rapoport (Komposition)
Regie: Ensemble mit Johanna Wehner, Janning Kahnert, Paula Pohlus, Musikalische Leitung: Kostia Rapoport, Vera Mohrs, Bühne: Benjamin Schönecker, Kostüme: Miriam Draxl, Dramaturgie: Sabrina Bohl, Licht-Design: Albert Geisel. Mit: Annette Büschelberger, Nicolas Frederick Djuren, Janning Kahnert, Justus Pfannkuch, Llewellyn Reichman, Karoline Reinke, Sascha Tuxhorn
Premiere am 3. Dezember 2022
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause 

www.staatstheater-nuernberg.de

 

Kritikenrundschau

In den Nürnberger Nachrichten (5.12.2022) empfindet Wolf Ebersberger diese "Alice" als "zeitgenössisches absurdes Theater, das aus der Kinderliteratur eine verrückte Komödie über uns vermeintlich Erwachsene macht". Individuum und Masse, Anpassung und Ausgrenzung, Logik und Lust am Unsinn würden hier als Themen in raffinierter Sprachartistik durchgespielt. Ebersbergers Fazit: "Ja, diese Alice ist eine Kopf-Geburt
– aber man freut sich mit ihr, dass sie ihn bis zum Ende so klug aufbehält."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Alice, Nürnberg: Gedacht und gelachtHagen 2022-12-08 21:29
Vielen Dank für diese schöne und genaue Kritik dieses wunderbaren Abends. Selten so viel gedacht und gelacht. Danke, Wahnsinnsensemble!!!

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