Mit Rauschebart und Häkelmützchen

von Esther Boldt

Frankfurt, 19. Dezember 2008. Nun also Camus. In den letzten Wochen wurde vielfach angemerkt, dass die Theater derzeit gern zu Romanstoffen greifen. Und dass es für diesen Griff nicht immer gute Gründe gibt. Beispielsweise bei Sebastian Baumgarten, der nun "Der Fremde" nach dem Roman von Albert Camus im Kleinen Haus des Schauspiels Frankfurt inszeniert hat.

Baumgarten begreift Literatur als Ausgangsmaterial, das er gründlich durchschüttelt und durchwalkt und bei Gelegenheit auch mit ein paar zeitgemäß klingenden Diskursen versieht.

Dräuender Sinn 

"Der Fremde" nun legt gleich zu Anfang eine derart bleierne Bedeutungsschwere hin, dass die Inszenierung ins Stolpern gerät, noch bevor sie so recht angefangen hat, weil alles Kommende mit unheilvoll-dräuendem Sinn überfrachtet wird. Aber ging es bei Camus nicht um ein Fremdsein in der Welt? Darum, dass Sein und Welt unerträglich sinnfrei sind, obwohl der Mensch tagein, tagaus nichts anderes tut, als nach ihrem Sinn zu suchen? Von der Gottverlassenheit allen Seins ganz zu schweigen?

Jedenfalls kündigen zwei Flachbildschirme schon beim Einlass "Der Fremde – Rekonstruktion eines Sündenfalls" an. Dann huschen fünf Gestalten auf die Bühne, die Bildschirme zeigen Falilou Seck, der einen Text von Frantz Fanon liest, dem Vater aller Kolonialismuskritik. Natürlich, gleich wird es um den Mord eines Franzosen in Algerien an einem Araber gehen, geschrieben von einem Autor mit algerofranzösischen Wurzeln. Trotzdem gibt diese übergroße Dose Kolonialismuskritik, die der Regisseur jetzt aufreißt, dem Abend keine einheitliche Richtung, nicht zuletzt, weil es nicht aufgeht, den Mord an dem Araber zu politisieren – so verheißungsvoll der Titel der Erzählung in diesem Zusammenhang zunächst auch klingen mag.

In den folgenden zwei Stunden verhackstückt Baumgarten den Roman, überführt seine Chronologie in ein rechtes Chaos, in dem hier und da Szenen, Bilder und Zitate aufblitzen, durchwirkt von kruzifixschwingenden Exorzisten in schwarzen Existentialisten-Rollkragenpullis, mit gestelzt-französischem Akzent und anderen Albernheiten.

Sich gegen die Welt stemmen 

Alle Schauspieler sind permanent auf der Bühne. Mal flüstern sie, bademantelbewehrt, Meursault ins Gewissen, mal schmieren sie ihn mit dunkler Farbe an, und kurz spricht der "Farbige" nur noch Französisch. Wolfram Koch spielt diesen Meursault, wenn es denn was zu spielen gibt, als verhakelten Sonderling, der seine Knie zusammenpresst und sich von Innen stets etwas gegen die Welt zu stemmen scheint. Aber meist hasten die Schauspieler nur über die Bühne, tun so, als würden sie mit der Fernbedienung die üppige, technikverliebte Sound- und Videokulisse steuern, rollen Badetücher aus und wieder ein, oder berieseln sich ein wenig mit Sand, der stilgerecht in einer dünnen Schicht den Boden bedeckt.

Ruth Marie Kröger darf als "Frau (Marie)", wie das Programmheft sie nennt, in roten Highheels und weißer Unterwäsche umherstaksen, sich lasziv auf dem Boden räkeln und das heiße Dummchen geben. So dass man daran denken muss, dass die 'Postcolonial Studies nicht ohne Grund irgendwann dazu übergingen, das Prinzip des "Anderen" auch mit Blick auf Genderfragen zu problematisieren. Denn Baumgarten inszeniert hier eine Eins-A-Projektionsfläche, ein ziemlich grausiges Frauenbild.

Furchtbare Klischees 

Später stürzt sich eine Horde farbig angemalter Männer auf "Frau Marie", dabei im Chor raunend, dass sie nun mal etwas übrig hätten für weiße Frauen und ihre Honighaut. Spätestens hier wird überdeutlich, dass der Regisseur seinen eigenen, deutlich kolonialistisch gefärbten Blick auf das "Fremde" überhaupt nicht mitreflektiert.

So zieht er sich einerseits Postcolonial Studies an, offenbar ohne sie wirklich gelesen zu haben, und reproduziert im gleichen Atemzug furchtbare Klischees. Bei denen, um noch ein weiteres Beispiel zu nennen, der aus dem Senegal stammende Falilou Seck den Araber spielt und in der Mordszene am Strand natürlich einen Rauschevollbart und ein Häkelmützchen tragen muss, weil das Fremde offenbar nur in Gestalt von Fundamentalisten daherkommen kann. So erweist sich die vorgeblich politische Inszenierung als unerträglich reaktionär.



Der Fremde
nach dem Roman von Albert Camus
Deutsch von Uli Aumüller
Regie: Sebastian Baumgarten, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Ellen Hofmann, Musik: Andrew Pekler. Mit: Martin Butzke, Wilhelm Eilers, Wolfram Koch, Ruth Marie Kröger, Falilou Seck.

www.schauspielfrankfurt.de


Mehr zu Sebastian Baumgarten: Im September 2008 inszenierte er an Berlins Komischer Oper Requiem, wo er Mozarts Musik und Interviews mit Sterbenden verband. Im Düsseldorfer Schauspielhaus setzte er im April 2008 Meister und Margarita nach dem Roman von Michail Bulgakow in Szene.

 

Kritikenrundschau

In Sebastian Baumgartens Frankfurter Inszenierung von Camus' "Der Fremde" werde "nicht nacherzählt, was man besser mal lesen sollte, sondern Theater gemacht", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (22.12.), "mit technischem Brimborium in einem überfüllten Bühnenbild, mit albernen und mit bösen Ideen und mit Wolfram Koch." Letzterer sei "nicht der Meursault, den man sich beim Lesen denkt, aber … für diese anderthalb Stunden die perfekte Besetzung". Seine Verklemmtheit gehe nie ins Manierierte – er stelle sie nicht zur Schau, sondern schleppe das Verklemmte mit sich durch den Abend, "weil es zu ihm gehört". Die Aufführung zeige sich "nicht besonders erklärungslustig", eher sei es, als würden wir in Mersaults Kopf gesteckt, "in dem es chaotisch und nicht besonders helle zugeht. In dem sich Erinnerungen an dumme Kneipen- und lustlose Liebesszenen tummeln, ein Stimmengewirr, Szenenfetzen." Die Stärke der Inszenierung sei, dass auch ihre verspielten Elemente "nicht lustig, eher zerfahren, irrsinnig" seien.

"Ein einziges szenisches Chaos, ein kaum auflösbares Puzzle", schreibt Bruno Russ im Wiesbadener Kurier (22.12.). Zwar räumt er ein, daß manches in diesem Chaos wohl im Kontext dieser Camus-Auseinandersetzung durchaus Sinn macht, findet aber insgesamt doch, daß der Abend sein Thema und auch Albert Camus verfehlt. Denn es gebe weder "eine spannende Verhandlung" der Fragen des berühmten Romans, noch wandelt sich "die absolut freie Existenz des Helden in die Würde des schweigenden Scheiterns", so überzeugend Wolfram Koch die Titelfigur aus Sicht von Russ auch spielt. Doch die Hektik des Abends lasse für die existenzialistischen Positionen keinen Raum. "Gottlos übertönte Matthäuspassion reicht da nicht".

"Eine grandiose Inszenierung" hat dagegen Christian Gampert vom Deutschlandfunk (20.12.) gesehen. Sebastian Baumgarten, "ein Meister der Rhythmisierung von Tönen, Bildern und Worten", falte "die Erzählung mit dem Besteck der Postdramatik völlig auseinander, spult sie vor und zurück, legt per Video-Monitor eine zweite, historische Schiene unter Camus' Philosophie des entfremdeten, absurden Menschen – und geht ganz von außen an das Thema heran". Während Camus "lange nur monologisch die Sicht des bewusstlosen Außenseiters" erzähle und dann "gänzlich philosophisch" werde, untersuche Baumgarten "das kollektive Unbewusste", bringe die "somnambule Politparabel zum Tanzen" und erzeuge "mit der Zeit jenes sengende Klima – zwischen kolonialem Strand-Tourismus und revolutionärem arabischem Polit-Terrorismus – das Meursaults sinnlosen Mord erst hervorbringt." Wolfram Koch gelinge "etwas wirklich Großes: den Meursault ganz von innen heraus zu spielen, vorsichtig, apathisch, um in einer finalen Aggression dann die Bedeutungslosigkeit eines jeden Lebens zu behaupten."

Sebastian Baumgartens "szenische Fragmentierung" des Camus-Romans entspricht für Jürgen Berger von der Süddeutschen Zeitung (30.12.) "dem Gemütszustand des Mörders. Da ist nichts, was sinnstiftend sein könnte", wobei Wolfram Koch "das nicht so ganz kleine Kunststück zu Wege bringt, die Gleichgültigkeit eines Menschen zu spielen, der nicht weiß, dass er das Zeug zum begnadeten Zyniker hat". Koch spiele das "seltsam anrührend, als wandle ein in jeder Lebenslage grinsender mediterraner Autist auf der Bühne". Der wirkt auf Berger "wie eine warm glühende Osram-Birne, von der man allerdings weiß, dass man ihr nicht zu nahe kommen sollte, da man sich ansonsten eine Erfrierung holen könnte". Baumgarten entfalte mit dieser "Bühneninstallation" ein "musikalisches Essay" und erde den Roman historisch, indem er Falilou Seck Texte des Antikolonialisten Frantz Fanon sprechen lässt. Dabei lasse er die Schauspieler "wundersam fließend zwischen den Figuren wechseln".

Dirk Pilz
rät in der Berliner Zeitung (23.11.) allen Besuchern der Aufführung dringend, den Roman zu lesen. Denn: "Ohne Textkenntnis verliert man in diesen anderthalb Stunden womöglich leicht die Orientierung". Baumgarten liefere "einen Kommentar zu Camus", Denkfolie dafür sei Frantz Fanons "Die Verdammten dieser Erde": die erlittene koloniale Gewalt führt früher oder später zur Herausbildung revolutionärer Subjekte. Und wenn Baumgarten den Franzosen Meursault einen Araber im Terroristenlook erschießen lasse, sei dies ein Fingerzeig auf den "derzeitigen Terror-Diskurs": Der Terror sei politisch "Produkt einer kolonialistischen Geisteshaltung", "philosophisch" sei er jenes Fremde, "das sich am Eigenen des Westens zeigt". Das sei "ein gehaltvoller Steilpass für eine notwendige Debatte". Bloß sei er den Schauqualitäten nicht "dienlich". Derart "intellektualistisch überladen" gerate das Spiel zur "unsinnlichen Anordnung von Szenenfragmenten". Die Schauspieler wirkten wie "ferngesteuert", wie "Zitate von Figuren, deren Originale verborgen bleiben".

Im Berliner Tagesspiegel schreibt Andreas Schäfer: Eigentlich müsse der Abend statt "Der Fremde", passender "Das Fremde" nach der "Vorstellungswelt des Klischees" heißen. "Araber mit Fundamentalisten-Bart", Weiße, die, "sobald es um Sex geht", schokobraun angeschmiert würden, und "Dunkelhäutige, die, sobald sie einer hellhäutigen Frau ansichtig werden, von der geschmeidigen Haut der Weißen züngeln". Außerdem "Pflichtverteidiger, die sich "im 'Du bist okay'-Therapeutensprech" durch ihre Passagen winden, und "Barbiefrauen", die "auf High-Heels ihre Rundungen zur Schau stellen müssen". Man merke, dass Baumgarten von der Oper kommt. "Weite Gesten, großes theatralisches Mundaufreißen". Außerdem knalle der Regisseur die Bühne "mit Technikgedöns wie Flachbildschirmen und Großleinwänden" zu und verpixele die Handlung in "viele Splitter und Zitate, die ungeordnet durcheinander purzeln". Es entstehe der Eindruck, man "glotze anderthalb Stunden in eine Rumpelschublade des Unbewussten". "Schwerer Kolonialismusdiskurs" einerseits, "ironisches Spiel mit dem Fremdwerden der Welt durch Medien" andererseits ergebe zusammen "ein hilfloses Schlingern zwischen dem Pathos einer unspezifischen Anklage und der harmlosen Fratze des Versatzstücks".

 

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