Und etwas schnippisch doch zugleich

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 10. Januar 2009. Kein Gretchen-Dummerchen auf der Bühne des Linzer Landestheaters, sondern eine moderne junge Frau. Vielleicht weiß sie nicht so genau was, aber sehr wohl wen sie will. Pubertär linkisch, gar tölpelhaft hat Faust sich ihr das erste Mal genähert. So als ob ihm seine junge Gestalt erst vertraut werden, als ob er sich erst in der neuen Hülle zurechtfinden müsste. Aber dieses Gretchen ist ja so zaghaft nicht, und sie hat all das Schüchterne mehr gewohnheitsmäßig auf den Lippen, sagt’s oder singt’s vor sich hin wie Schlagertexte, die sie eigentlich nichts angehen.

Ein Gretchen als junges Ding interessiere ihn nicht, sagt Regisseur David Mouchtar-Samorai. "Eine Beziehung kann nur mit einem reiferen Menschen funktionieren und dieser reifere Mensch macht die Tragödie viel größer. Wenn jemand den anderen ausnutzt, die Naivität von diesem Mädchen ausnützt, verliert das Ganze sehr viel." Gretchen lässt sich also sehr gezielt nehmen, und Faust hält seine Gefühle wohl für wirkliche Liebe.

Allüberallgemein gültiger Stoff?

Das Gretchen – gespielt von Isabella Szendzielorz – ist in der Inszenierung des Linzer Landestheaters durch David Mouchtar-Samorai freilich die einzige Figur, die ein vom Üblichen entscheidend abweichendes Rollenbild verpasst bekommen hat. Doch was will er uns bloß über den Doktor Faust erzählen, der 1942 in Bagdad geborene, in Israel aufgewachsene und schließlich in Deutschland gelandete Regisseur? Mit dem "Clash of cilivisation" hat der Theatermann mit multikulturellem Hintergrund gar nichts am Hut. Der Erdgeist wird zwar als Schwarzafrikanerin vorgeführt und begleitet von Figuren, deren Gesten man von hinduistischen Götterbildern kennt. Aber dieser Strang wird nicht weiter verfolgt, "Faust" ist für den Regisseur ein allgemein gültiger, nicht zu verortender Stoff. Wenn man will, so spielt er zufällig in Deutschland. Und genauso zufällig spielt er jetzt in der Europäischen Kulturhauptstadt Linz, die mit ihrem Landestheater noch kaum einmal überregional in die Schlagzeilen geraten ist.

Das wird sie auch mit diesem "Faust" nicht tun. David Mouchtar-Samorai hat viel Respekt vor dem Stoff gezeigt, auch wenn er sehr großzügig den Rotstift ansetzte. Keine Zueignung natürlich, kein Vorspiel auf dem Theater, und auch in den Prolog im Himmel steigt man mittig und bündig ein: Manchmal hat man den Eindruck, dass Mouchtar-Samorai von geflügeltem Wort zu geflügeltem Wort eilt, dass er einen Zitatensalat wohl garnieren möchte. Ideal fürs Bildungsprogramm von Schulklassen?

Der Osterspaziergang: Da bleibt es bei einem etwas längeren Blick aus dem Fenster. Die Bühne ist ganz schmucklos, eine Art Blackbox-Mansardenzimmer mit drei Fenstern und auch einer Öffnung nach oben. Die Aufführung kommt mit den allernötigsten Versatzstücken aus, etwa einem Tisch mit Büchern rechts vorne, an dem Faust zuerst eingenickt ist. Die Ressourcen für großes Schauspielertheater im kargen Ambiente sind freilich in Linz so groß nicht.

Die welterkenntnismäßige Gesamtsituation

Optisch gibt der langmähnige Faust von Georg Bonn schon was her, als ein mit sich und der welterkenntnismäßigen Gesamtsituation unzufriedener Nörgler: eine intellektuelle Frustwuchtel, deshalb doppelt empfänglich für Mephistos Einflüsterungen. Das ist plausibel, geht ohne Verrenkungen. Sprechtechnisch hapert es ein bisschen bei Georg Bonn, die Stimme wirkt nicht gut fokussiert, aber man gewöhnt sich im Lauf des Abends dran.

Das Spiel macht ja doch Mephisto, dem der reflexstarke Vasilij Sotke ein pfiffiges Profil gibt. Auch als vermeintlich devoter Diener lässt Mephisto Faust an imaginären Fäden zappeln. Der brave Wagner (Thomas Bammer) in seiner altmodischen Brille nervt Faust gewaltig. Das Ensemble übernimmt abwechselnd die Rollen der Stichwortbringer, das ist alles sehr ökonomisch angelegt. Wenn Faust unterm Volk landet, dann in Disco-artigem Ambiente. Nur Auerbachs Keller ist etwas aufdringlich burschenschafts-deutsch geblieben.

Und lässt man nun all die Szenen in der Erinnerung vorüberziehen, fügt sich das Eine artig ans Andere, lustvoll wechselt die Aufführung zwischen Ernst und bukolischen Szenen - und doch wirkt das Ganze statisch, wie eine artig aufgefädelte Kette von szenischen Perlen. Wonach man vergeblich sucht: Welche Perspektiven will David Mouchtar-Samorai öffnen, will er irgendwohin genauer unsere Blicke lenken? Die Bühnenbretter, die hier eine Faust-Welt bedeuten sollen, sind mit gutem Theaterhandwerk zusammen genagelt. Aber was wohl diese Welt zusammen halten könnte? – Der Thrill auf die Premiere des Zweiten Teils (15. März, ebenfalls in einer Inszenierung von David Mouchtar-Samorai) hält sich in Grenzen.

 

Faust, der Tragödie erster Teil
von Johann Wolfgang Goethe
Inszenierung David Mouchtar-Samorai, Bühne: Heinz Hauser. Kostüme: Urte Eicker, Musik: Ernst Bechert.
Mit: Georg Bonn, Vasilij Sotke, Isabella Szendzielorz, Katharina Hofmann, Thomas Bammer, Karin Enzler, Ljubiša Lupo Grujčic, Klaus Köhler, Guido Wachter, Wanda Worch.

www.landestheater-linz.at

 

Zuletzt in Linz waren wir im November 2008, bei Gerhard Willerts Inszenierung von Was ihr wollt.

 

Kritikenrundschau

Für Norbert Mayer von der Presse (12.1.2009) trägt Vasilij Sotke als Mephisto ganz den von Mouchtar-Samorai inszenierten "durchwachsenen" Faust-Abend: Er sei der Star, mit dem sonst niemand mithalten könne. Besonders die "poppigen Hexentänze und Discoauftritte des einfachen Volkes" wirken auf Mayer "peinlich". Auch erschließt sich für ihn nicht, was der Regisseur mit den "multikulturellen Einlagen" sagen wolle. "Besonders schwer zu deuten" sei allerdings die Titelfigur, deren Seelenqualen "leichten Magenbeschwerden" ähnelten – "Faust soll das positive kritische Spiegelbild des zerstörerischen Mephistopheles sein, hier bleibt er harmlos." "Kontraproduktiv" sei auch die "an sich raffinierte Idee", Margarete als selbstbewusste Frau anzulegen, die "weiß, was sie will". Gerade die Begegnungen mit Faust aber seien "ohne Magie" – "zu wenig Spannung", gehemmte Erotik. Fazit: "alles in allem ein braver 'Faust I', bei dem nur gelegentlich aufblitzt, dass man aus dem Vollen schöpfen könnte. Mehr Vertrauen in den Text und etwas mehr Mut bei den Bildern hätte vielleicht geholfen."

Für Birgit Thek vom Neuen Linzer Volksblatt (12.1.2009) ist "der weibliche Anteil das Beste", was dieser Abend unter Mouchtar-Samorais "erstaunlich biederer Regie" zu bieten habe, der zunächst zu "bravem – und nicht einmal glänzend artikuliertem –" Aufsage-Theater verkomme. Für Thek ist auch Sotke, sonst "eine der erprobten Stützen des Ensembles", bloß "ein trauriger Mephisto, der phasenweise wie Rumpelstilzchen herumhüpft und seine Verführungskünste erst nach der Pause in Momenten erkennen lässt". In Auerbachschen Keller und der Walpurgisnacht sieht sie "nur abgeschmackte Bilder" von "Pseudo-'Orgien'". Erst in den Gretchen-Szenen gewinne die Inszenierung "an Profil", dank Isabella Szendzielorz, die "durchgehend den richtigen Ton" treffe.

Silvia Nagl schreibt auf der Website der Oberösterreichischen Nachrichten (12.1.2009): Georg Bonn sei "kein Faust, dem man Altersekel und Wissensüberdruss abnehme. "Zu jung und fesch und wendig" sei er, den wohl "kaum eine Dame mittleren Alters von der Bettkante stoßen würde". Regisseur Mouchtar-Samorai gerieten einige Szenen, etwa die Sterbeszene des Valentin oder "die Unterhosen-Negligé-Bettszene von Faust und Margarete" einfach "zu langatmig". Isabella Szendzielorz, eine in die Jahre gekommene junge Frau, vermochte "den Spagat zwischen Naivität und Enttäuschung bis hin zum Wahnsinn überzeugend darzustellen". Die "schauspielerische und sprachliche Güte" der drei Hauptpersonen werde vom Regisseur "nicht immer zum Glänzen gebracht". "Beinahe drei Stunden, die um einiges flotter möglich wären, was weder dem Text und schon gar nicht der Szenerie schaden würde."

 

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