Endstation Sehnsucht auf russisch

von Ralph Gambihler

Chemnitz, 24. Januar 2009. Die Inszenierung beginnt mit einer "Pause". Soeben hat Ferapont, der schwerhörige alte Diener, eine Schubkarre von links herein geschoben und die Ladung wie einen Haufen Gartenerde auf die Rampe gekippt, allerlei hübsch verschnürte Geschenke, darunter auch der berühmte Samowar. Nun sitzt er rastend vor dem Publikum, packt Stulle und Thermoskanne aus und fängt an, vom Stück zu erzählen. "Drei Schwestern" kennt er nämlich, das hat er schon mal gesehen: "In Moskau. Das war toll! Toll!"

Aber so toll, erfährt man dann wenige Sätze weiter, war die Moskauer Tschechow-Aufführung dann auch wieder nicht, sondern eher dunkel und sterbenslangweilig, so dass Ferapont das meiste verschlief, während nachher, im Hotel, ein Bräutigam über das Treppengeländer in den Tod stürzte. Großes Drama. Die Kunst, vom Leben überholt.

Durch das trübe Glas der Erinnerung
Dann packt der Alte seinen Kram, steht ächzend auf und pinselt vor dem Abgang noch etwas in kyrillischer Schrift auf den eisernen Vorhang, das den Figuren in den nächsten zwei Stunden ganz sicher nicht gelingt: "Ich gehe." Mit dieser Brechung durch das trübe Glas der Erinnerung beginnt Enrico Lübbe, der Chemnitzer Schauspielchef, seine Tschechow-Ausleuchtung.

Einmal mehr verhandelt er die Dramen zwischen Traum und Wirklichkeit. Das tat er zuletzt auch mit Endstation Sehnsucht, seiner Chemnitzer Einstands-Inszenierung. Allerdings klebte die manisch am Text und war darüber klein und museal geraten. Mit Tschechows ewigem Schwermutsdrama, im Programmheft als "Endstation Sehnsucht, russisch" apostrophiert, geht es besser.

Das Wohnzimmer im Haus der Geschwister Prosorow darf man sich durchaus luxuriös vorstellen, nur hat Hugo Gretler (Bühne) den historischen Kontext gekappt. Das Ambiente mit seiner Spiegelwand und seiner beigen Eleganz erinnert eher an einen Großverdiener-Haushalt der 1960er Jahre als an die russische Bourgeoisie um 1900.

Das bekannte Bild des Stillstands
Die Teppichelemente allerdings, die sich an den Kanten wie Schelf-Eis übereinander schieben, erzählen die alte Geschichte vom Niedergang. In diesem Raum wird vier Akte lang herum gesessen. Viele Beine werden übergeschlagen und viele Sätze gesprochen gegen Langeweile und Lethargie. Die Regie legt nichts wesentlich Neues in das Stück, sie kostet es lediglich aus, arrangiert und konturiert das bekannte Bild des gesellschaftlichen Stillstands am Ende einer Epoche.

Die Einfälle sind simpel, aber nicht ohne Effekt. Wenn sie etwa im Leid am Nichtstun über die Großartigkeit der Arbeit schwadronieren, schiebt bestimmt die von lebenslanger Arbeit gekrümmte Greisin Anfisa den Staubsauger durch die Sitzgruppe. Oder Andrej, der beruflich schwer geerdete Bruder von Olga, Mascha und Irina, fischt schon wieder eine Hand voll Chips aus der Chipstüte, die er bei sich führt wie ein Mechaniker seinen Lumpen. Und wenn in diesem mit Resignation gefüllten Villen-Wartesaal sich doch einmal das Schweigen dehnt, hat bestimmt noch jemand eine Kaffeetasse, mit der sich erlösend klappern lässt.

Mit anderen Worten: Enrico Lübbe bleibt seinem schnörkellosen und für seine 33 Jahre überraschend konventionellen Regiestil treu. An keiner Stelle fährt er dem Autor in die Parade, lieber schaut er ihm fasziniert über die Schulter. Wo Sebastian Hartmann im nahen Leipzig seine postdramatische Show abzieht, begnügt er sich mit präziser Schauspielerführung und einzelnen, garantiert nicht von Originalitätssucht gemalten Bildern.

Fallende Masken der Vereinsamten
Eines zeigt Luftballons, die ungefähr auf Hüfthöhe im Raum hängen bleiben wie die Figuren mit ihrem Lebenshunger und ihrem Liebesdurst, irgendwo zwischen dem desillusionierenden Boden der Garnisonsstadt und dem verlorenen Sehnsuchtsort Moskau. Alles schon mal dagewesen – wohl wahr.

Letztlich sehen wir Vereinsamende, deren Masken gut zwei Stunden lang fallen. Der Andrej von Wenzel Banneyer, eine der stärksten Figuren des Abends, vereinsamt in rasender Unruhe. Seine Frau Natalija, von Ulrike Euen als Gattinnen-Tussi angelegt, vereinsamt in kleinbürgerlichen Großbürger-Allüren. Bettina Schmidts Olga vereinsamt in Zurückhaltung, Julia Berkes Mascha in emotionaler Kälte und Hitze, Daniela Keckeis' Irina in herber Distanz.

Den Ausbruch aus der Provinz wollen sie alle, doch keiner wagt den Aufbruch "nach Moskau, nach Moskau, nach Moskau". Insofern nichts Neues in Chemnitz.

 

Drei Schwestern
von Anton Tschechow
aus dem Russischen von Peter Urban
Inszenierung: Enrico Lübbe, Bühne: Hugo Gretler, Kostüme: Michaela Barth.
Mit: Wenzel Banneyer, Ulrike Euen, Bettina Schmidt, Julia Berke, Daniela Keckeis, Michael Pempelforth, Dirk Lange, Bernhard Conrad, Yves Hinrichs, Bernd-Michael Baier, Karl Sebastian Liebich, Nikolaus Barton, Klaus Schleiff, Muriel Wenger.

www.theater-chemnitz.de

 

 

Mehr aus dem Theater Chemnitz? Im November 2008 wurde hier Anne Rabes Kleistförderpreis-Siegerstück Achtzehn Einhundertneun - Lichtenhagen uraufgeführt. Im Oktober 2008 inszenierte Thomas Bischoff Lessings Trauerspiel Emilia Galotti.

 

Kritikenrundschau

Während man beständig über den Segen der Arbeit schwadroniere, sei einzig Muriel Wengers Dienerin Anfisa unaufhörlich im Hintergrund am Werkeln, schreibt Uta Trinks in der Chemnitzer Freien Presse (26.1.2009) über Enrico Lübbes Chemnitzer "Drei Schwestern"-Inszenierung. Bettina Schmidts Olga bleibe "etwas blass". Julia Berkes Mascha verteile Luftballons "wie kleine Hoffnungszeichen im Raum", welche jedoch von Bruder Andrej, der sich mit "Unmengen von Kartoffel-Chips und selbstbetrügerischen Beteuerungen" betäubt, wieder aus dem Weg geräumt werden. Tschechow habe "keine Therapie für seine Figuren", sei aber "ein glänzender Diagnostiker". Lübbe nehme dies auf, dränge sich als Regisseur nicht vor und inszeniere "mit steigender Spannung eine ernüchternde Analyse der Stagnation, des selbst verschuldeten Scheiterns".

 

 
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